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Die Kirche diskriminiert mich, weil ich schwul bin? Soll sie doch!

Wir müssen um Vergebung bitten", sagte der Papst neulich. Franziskus sprach gerade über den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexuellen. Jemand, der guten Willens ist und Gott suche, solle nicht diskriminiert werden. (SPIEGEL ONLINE)

Was für eine Einsicht! Doch sie kommt zu spät. Viel zu spät. Viele Homosexuelle haben sich längst von der Kirche abgewandt. Sie wollen nicht Teil einer Gemeinschaft sein, die sie ausschließt und diskriminiert.

Und damit haben sie recht.

Die Aussage des Papstes wird daran nichts ändern. Auch nicht für mich - als schwulen Katholiken.

Ich komme aus der Eifel. Ein ländliches Gebiet im Westen der Republik, in dem an Fronleichnam noch Prozessionen durch die Dörfer ziehen und Blumenteppiche gesegnet werden. Diesen Brauch musste ich gerade noch einmal nachgoogeln. Dabei habe ich ihn früher jedes Jahr mitgemacht.

Weiße Anführungszeichen
Wer sind wir, über sie zu richten?

Seit meiner Kommunion war ich Messdiener in meinem kleinen Dorf. Ganze zehn Jahre lang, also bis ich 19 war, stand ich regelmäßig sonntagmorgens auf, um dem Priester Brot und Wein zu reichen. Auch wenn es manchmal lästig war, machte ich weiter. Wahrscheinlich aus Pflichtgefühl. Alle schenkten mir Vertrauen. Und ich wollte sie nicht enttäuschen.

Obwohl ich auch damals nicht sehr gläubig war, schätzte ich die Gemeinschaft. Dann habe ich aufgehört, weil ich die Eifel Richtung Ausland verließ. Der Abschied war herzlich. Seitdem habe ich aber mit keinem aus meiner Kirche mehr Kontakt gehabt. Schade eigentlich.

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Damals wusste noch niemand von meiner sexuellen Orientierung. Ich habe mich erst vor einem halben Jahr geoutet, lange nach meinem Abschied als Messdiener. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Kontakt abriss. Ich wusste nicht, ob ich danach noch genauso herzlich aufgenommen werden würde. Ich habe meine Homosexualität damals nie wirklich gezeigt. Ich habe sie sogar unterdrückt.

Nie habe ich in meiner Stadt von einem Schwulen oder einer Lesbe gehört.

Schuld daran war sicher mein Umfeld. Und auch die Kirche. Damals hatte ich Angst vor den Reaktionen meiner Familie, meiner Freunde und der anderen im Dorf. Vielen muss es genauso gehen. Nie habe ich in meiner Stadt von einem Schwulen oder einer Lesbe gehört. Doch gerade in kleinen Gemeinden spielt die Kirche oft noch eine sehr große Rolle. Und gerade deshalb sollte sie bei solchen Themen auch Verantwortung übernehmen.

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Aber Homosexualität passte einfach nicht ins Bild in meiner überschaubaren katholischen Kleinstadt. Und es passte nicht in die Denkmuster ihrer großteils konservativen Einwohner. Es ist schwierig, sie zu mehr Toleranz zu bewegen.

Damals war mir gar nicht so klar, dass konkret die Kirche etwas gegen mich haben könnte.

Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt und mit der Frage, wie mein Umfeld reagieren würde. Ich blieb in der Gemeinschaft, obwohl das am Ende nur noch lästigen Messdienerdienst bedeutete. Heute weiß ich, dass das natürlich zusammenhing.

Und heute denke ich: Ich hätte mutiger sein müssen. Ich hätte es wagen sollen, mein Umfeld zu mehr Toleranz zu bewegen. Und ich hätte versuchen sollen, diese Toleranz auch in meine Kirche zu bringen.

Im Nachhinein leichter gesagt, als getan.

Ich habe heute den Eindruck, dass mehr Toleranz durchaus möglich gewesen wäre. Ich bin mir sicher, dass es genug Menschen gegeben hätte, die mich unterstützt hätten. Eigentlich ein großer Vorteil, denn das kann ich mir nicht in jedem kleinen Dorf vorstellen. Vermutlich hätten die Leute zuerst viel getuschelt, es dann aber akzeptiert.

Ich hätte es wagen sollen, mein Umfeld zu mehr Toleranz zu bewegen.

Nachdem ich über all das nachgedacht habe, spüre ich keine große Wut gegenüber der Kirche.

Eine Institution, die mich als Person ablehnt, und mir ist das egal? Anscheinend! Vielleicht auch, weil ich unterbewusst von der Stelle ohnehin nie groß Unterstützung in der Sache erwartet habe.

(Bild: Getty Images / Franco Origlia)

Ich habe schon oft daran gedacht, aus der Kirche auszutreten. Der Grund war dann aber immer, dass ich es nicht einsehe, Kirchensteuer zu zahlen. Es ist nie dazugekommen, weil ich mich in der Gemeinschaft in meinem Dorf wohlgefühlt habe - und mich davon nicht endgültig verabschieden wollte. Außerdem wäre meine Großmutter darüber bestimmt nicht froh gewesen. Sie war schon verstimmt, als ich in der Schule Ethik statt Religion gewählt habe.

Vor Kurzem sprach ich mit einem Kommilitonen über das Thema. Außer der Steuer fiel mir zunächst kein Grund ein, auszutreten. Mein Kumpel war es, der mich daran erinnerte, dass die Kirche meinen Lebensstil ablehnt und das doch ein guter Grund sei. Doch der Umgang mit Homosexuellen ist nicht das Erste, das ich mit der Kirche verbinde.

Ich kann mich nicht darüber aufregen, dass der Vatikan etwas gegen Homosexuelle hat. Soll er doch!

Wenn ich an die Kirche denke, kommt mir nicht zuerst ihr Umgang mit LGBT-Menschen in den Sinn. Ich habe das nicht ständig im Kopf. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich in meiner Gemeinde hauptsächlich positive Erfahrungen gemacht habe und mich nicht mit dem auseinandergesetzt habe, was irgendwelche alten Männer im Vatikan von sich geben.

(Bild: Peter Kneffel / dpa)

Ich kann mich nicht darüber aufregen, dass der Vatikan etwas gegen Homosexuelle hat. Soll er doch! Ich bin nicht gläubig.

Die Entschuldigung des Papstes bedeutet mir deswegen nichts. Ich fühle mich vom Oberhaupt der katholischen Kirche nicht angesprochen. Auch viele andere werden damit nichts anfangen können: Lesben, Schwule, Transsexuelle – viele haben bereits vor langer Zeit das Vertrauen in die Kirche verloren.

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