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Häufig weigern sich deutsche Kliniken, lesbische Paare künstlich zu befruchten.

Alina und Paula gehören zusammen, das soll jeder sehen. 

Deswegen hat Paula als Facebook-Profilbild ein Foto von ihrer Hochzeit ausgesucht: Sie trägt darauf einen weißen Anzug, Alina ein weißes Brautkleid mit Schleier. Sie sind am Strand, halten Händchen und strahlen in die Kamera. Sie sind verliebt, glücklich. Doch etwas fehlt ihnen noch zum perfekten Glück: ein eigenes Kind

Schon lange träumen Alina und Paula von Nachwuchs. 

"Von Anfang an waren wir sehr eng miteinander. Es gab Wetten, wann wir Kinder bekommen", erinnert sich Paula lachend. Seit sechs Jahren sind die beiden ein Paar. Und seit dem letztem Jahr versuchen sie aktiv, sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Es wurden Monate der Diskriminierung, der Absagen und der Verzweiflung

Denn der Weg zum Babyglück ist für lesbische Paare in Deutschland sehr steinig. "Es sollen mehr Leute wissen, was lesbische Frauen in Deutschland erleben müssen", erzählt Paula am Telefon. Eigentlich heißt sie anders. Sie will anonym bleiben, ihre Eltern wissen noch nichts davon, dass sie gerade versuchen, ein Kind zu bekommen. "Du weißt ja, wie Eltern sind. Dann kommt ständig: 'Und hat's geklappt? Hat's funktioniert?' Wir wollten nicht noch mehr Druck und Stress."

Denn Stress haben sie gerade genug. 

Dabei scheint doch alles so klar zu sein. Alina möchte das Kind unbedingt austragen. Mit 28 Jahren ist sie ein bisschen jünger als Paula, das erhöht die Chancen einer Schwangerschaft. Schon seit Monaten bereitet sie ihren Körper darauf vor, verzichtet auf Koffein und Alkohol – alles für das Kind. Und Alina will über eine künstliche Befruchtung schwanger werden, mit Hilfe einer Samenspende

Paula und Alina suchen also nach Kliniken in ihrer Nähe, kontaktieren sie und gehen zu Infoveranstaltungen. Sie sind guter Dinge und aufgeregt. Doch es hagelt Absagen, Absagen, Absagen. Manchmal sind sie freundlich, manchmal gibt es neutrale Standardantworten und manchmal bekommen beide Mails, die regelrecht hasserfüllt sind. 

„Einmal stand da 'Sowas wie Sie sollte sich nicht fortpflanzen' – da bist du erst einmal baff.“
Paula

"Nur weil wir jetzt nicht auf Kerle stehen, heißt das nicht, dass wir keinen Kinderwunsch haben dürfen." Auch Monate nach dem Vorfall ist Paula immer noch wütend. Ihre sonst fröhliche Stimme wird hart, man merkt ihr an, wie schmerzhaft diese E-Mail für sie war.

Doch auch die anderen Absagen haben sie getroffen. "Warum wird es uns schwer gemacht? Das hier ist eine Familie, wo klar ist, dass das ein absolutes Wunschkind ist. Wir wollen es so unbedingt und haben es lange geplant", erzählt Paula. Sie seufzt. Der Kampf gegen die Kinderwunschkliniken hat sie mitgenommen. 

Was sagt das Gesetz?

Es gibt kein Bundesgesetz dafür, ob und inwieweit lesbische Frauen einen Zugang zu reproduktionsmedizinischen Dienstleistungen wie künstlicher Befruchtung haben können. 

Zwar gibt es Richtlinien der Landesärztekammern, aber die sind weder einheitlich noch eindeutig. So hat die Ärztekammer Hamburg in ihrer Richtlinie explizit festgehalten, dass eine künstliche Befruchtung bei verheirateten lesbischen Paare erlaubt ist. In den Richtlinien von vielen anderen Bundesländern werden lesbische Frauen aber einfach gar nicht erwähnt. Oder sogar explizit verboten. (LSVD)

Diese unklare Rechtslage sorgt für Unsicherheit bei Kinderwunschkliniken. Deswegen lehnen sie lesbische Paare als Patientinnen oft ab. 

Je länger ihre Suche geht, desto verzweifelter werden Paula und Alina – sie wollen doch nur ein Kind

In ihren Träumen malen sie sich aus, dass sie ein kleines Mädchen bekommen. Alina würde die Kleine dann mit pinken Kleidern und Spielsachen verwöhnen und mit ihr Prinzessin spielen. Paula würde sie vielleicht zum Bolzen auf den Fußballplatz mitnehmen. Aufgeben ist keine Option. Doch was tun?   

Das Paar sucht nach Alternativen. Vielleicht doch ein privater Spender und sich mit einer Spritze das Sperma selbst injizieren? Das wäre eine Möglichkeit, doch in ihrem Bekanntenkreis gibt es keinen Mann, der dafür infrage kommt. Und übers Internet nach Spendern zu suchen, ist für sie ausgeschlossen: "Da können wir uns auch auf den Frankfurter Hauptbahnhof stellen und rufen: 'Wer will'. Es geht hier um die Gesundheit meiner Frau, da will ich kein Risiko eingehen", meint Paula. 

Die Kinderwunschklinik ist der einzige Weg für die beiden. Also suchen sie weiter, weiten den Umkreis aus – und schauen irgendwann auch ins Ausland

Viele lesbische Frauen weichen für die Behandlungen nach Dänemark oder in die Niederlande aus.

Denn dort haben lesbische Frauen keine Probleme, wenn sie sich künstlich befruchten lassen wollen. Alina und Paula sprechen lange über die Möglichkeit, wenn sie abends zusammen auf dem Sofa sitzen. Doch sie müssen sich auch dagegen entscheiden. 

"Man muss ja gucken, wann der Zyklus ist. Im Zweifel fährt man dann zwei- dreimal die Woche zur Klinik und manchmal spontan. Wie soll das funktionieren, wenn man dann fünf Stunden fahren muss? Das will ich Alina auch nicht antun", erzählt Paula. Die beiden leben in Frankfurt – zu weit weg für eine Behandlung in Dänemark oder den Niederlanden. 

Schließlich werden sie - nach Monaten - dank der Hilfe ihrer Frauenärztin endlich fündig, in einer kleinen Klinik, die rund 50 Kilometer entfernt von ihnen liegt. Der persönliche Kontakt über die Ärztin ist nicht nur ein Glücksfall, sondern auch notwendig, so Paula: "Normalerweise hätte der Arzt das sonst nicht gemacht. Und wir dürfen auch den Namen der Klinik nicht nennen. Sonst wird ihm die Bude eingerannt." 

Im Dezember 2018 kann Alina die Behandlung beginnen. 

Inzwischen haben sie bereits drei Versuche hinter sich – bisher leider ohne Erfolg. "Wir sind natürlich enttäuscht. Man weiß zwar, dass es bis zu einem Jahr dauern kann. Aber man hofft ja immer, die Ausnahme zu sein", erzählt Paula. 8000 Euro haben die Behandlungen bisher gekostet. Aber daran will Paula nicht denken, auch nicht daran, wie viel Zeit und Nerven es sie gekostet hat, überhaupt so weit zu kommen.

Die letzten Monate haben viel von Paula und Alina abverlangt, aber es hat beide noch enger zusammengeschweißt. Sie sind sich so sicher wie nie zu vor: Sie wollen Eltern werden. Gerade haben sie einen weiteren Versuch gestartet. In einer Woche werden sie wissen, ob es diesmal geklappt hat: Ob Alina schwanger ist und sie endlich bald ihr eigenes Baby in den Armen halten dürfen.

Was müsste sich ändern?

Viele Experten und Expertinnen fordern eine Änderung im Abstammungsrecht. In heterosexuellen Ehen ist der Ehemann automatisch der rechtliche Vater des Kindes – unabhängig davon, ob er auch der biologische Vater ist. Diese Abstammungsregel müsse nun um die Ehefrau der Mutter erweitert werden, sagt etwa Familienanwältin Gabriele Lünsmann: „Im Gesetz steht nicht: Wer mit der Mutter verheiratet ist, gilt als zweiter Elternteil des Kindes, sondern da steht: Der Mann, der mit der Mutter verheiratet ist, gilt als Vater des Kindes. Sie können diese Regelung also nicht einfach auf zwei Frauen übertragen“.

Mit der Änderung des Abstammungsrechts würden sich auch für die Kinderwunschkliniken viele rechtliche Unsicherheiten beheben lassen: „Dann hätten sie eine rechtlich vergleichbare Situation mit heterosexuellen Paaren“, so Lünsmann. 

Tatsächlich stehen die Zeichen auch auf Wandel. Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) hat nun einen Diskussionsentwurf zur Reform des Abstammungsrechts vorgestellt. Doch wann das Gesetz tatsächlich kommt, ist unklar. Bis dahin sind lesbische Paare auf das Wohlwollen von Kliniken und Samenbanken angewiesen. 

 


Gerechtigkeit

Rechtsextreme Einstellungen steigen – besonders bei jungen Leuten
Was die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über Deutsche unter 30 verrät.

Sie glauben, dass Asylbewerber nicht in ihrem Heimatland verfolgt würden oder dass es zu viele Ausländer in Deutschland gebe: Rechtspopulistische Einstellungen haben sich in einem Teil der Bevölkerungen verfestigt. Mehr als jeder zweite Deutsche hat Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden und bei fast genauso vielen sind auch Verschwörungstheorien weit verbreitet: 45,7 Prozent der Menschen glauben, dass geheime Organisationen großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie zu Rechtsextremismus der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. (SPIEGEL ONLINE)

Wir haben uns angeschaut, was die Studie über die Einstellungen der jungen Generation sagt: Wie ticken die bis 30-Jährigen im Vergleich zur älteren Generation – und gegenüber welchen Menschengruppen haben sie besonders große Vorbehalte?

1 Die junge Generation hat am wenigsten Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden

In einem Teil der Studie werden Vorbehalte gegenüber verschiedenen Menschengruppen untersucht, beispielsweise auch Asylbewerber. In der Gesamtbevölkerung haben mehr als der Hälfte der Menschen Vorbehalte gegenüber ihnen. Der Wert bei den 16- bis 30-Jährigen liegt allerdings mit 46,1 Prozent am niedrigsten – und steigt mit zunehmendem Alter. Bei den über 60-Jährigen stimmen fast 60 Prozent abwertenden Aussagen gegenüber Asylbewerbern zu.

Auch Fremden- und Muslimfeindlichkeit sowie die Abwertung von Sinti und Roma sind bei der jungen Generation am wenigsten verbreitet

2 Junge Menschen haben teilweise ähnliche Einstellungen wie Alte

Bei den Vorbehalten gegenüber einigen Menschengruppen fällt jedoch auf, dass die Werte der 16- bis 30-Jährigen und die der über 60-Jährigen ähnlich hoch sind. 

Rassistische Einstellungen finden sich bei 11 Prozent der Jungen und 12,2 Prozent der Alten, aber nur bei 8,1 Prozent der 31- bis 60-Jährigen. Eine ähnliche Verteilung gibt es auch bei der Abwertung von Obdachlosen sowie von Homosexuellen und Trans*: Rund 13 Prozent der Jungen und der Alten haben etwa Vorbehalte gegenüber Homosexuellen, aber nur 6 Prozent der 31- bis 60-Jährigen.

3 Deutlich weniger Sexismus bei den Jüngeren

Mit Abstand am wenigsten Zustimmung finden sexistische Aussagen Zustimmung bei der jungen Generation: Der Wert liegt nur bei 3,1 Prozent. Bei den über 60-Jährigen ist er mit 11,7 Prozent fast viermal so hoch.

4 Rechtsextremismus steigt vor allem bei den Jüngeren an

In der Studie wurden außerdem verschiedene rechtsextreme Einstellungen untersucht – mit Ausnahme der Befürwortung einer Diktatur stiegen sie alle bei den 16- bis 30-Jährigen besonders stark an. Sozialdarwinismus, also der Glaube an das Recht des Stärkeren, war ein wichtiges Element der NS-Ideologie. 

Diesen Glauben vertreten laut der Studie 4,9 Prozent der unter 31-Jährigen, bei den über 60-Jährigen liegt der Wert nur bei 1,1 Prozent.

5 Junge Menschen verharmlosen besonders häufig den Nationalsozialismus

Während bei den älteren Generationen die Verharmlosung der NS-Zeit mit etwa 1,5 Prozent nur kaum verbreitet ist, liegt der Wert bei den 16- bis 30-Jährigen bei 7 Prozent. Die Autoren der Studie schließen daraus: "Mit zunehmendem Abstand scheint die Zeit des Nationalsozialismus in Teilen der jungen Generation ihren Schrecken verloren zu haben."