Bild: Maximilian Piling
Nun haben sie Gesundheitsminister Jens Spahn auf ihrer Seite.

"Wie kann ich heterosexuell werden?" fragt ein Jugendlicher im Internet, in einem anderen Forum versichert ein junger Mann: "Bis vor Kurzem war ich hetero!" Das Thema beschäftigt viele queere Jugendliche in der Pubertät und darüber hinaus. Sie sind verzweifelt – weil sie Angst haben, nicht das zu sein, was viele noch immer unter "normal" verstehen. 

Radikal-christliche Gruppen, unseriöse Ärzte und Therapeuten nutzen die Verunsicherung aus, um zweifelhafte Behandlungen anzubieten, die Homosexuelle hetero machen sollen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will dagegen jetzt vorgehen: In einem taz-Interview kündigte er an, sogenannte Konversionstherapien verbieten zu wollen:

Homosexualität ist keine Krankheit und deswegen ist sie auch nicht therapiebedürftig.
Gesundheitsminister Jens Spahn

Bis vor Kurzem hatte das Gesundheitsministerium noch gesagt, dass kein Verbot geplant sei. Spahn sagte selbst, dass er ein solches Vorhaben nicht für umsetzbar halte (bento). Dass ein Verbot nun doch kommen soll, hat vermutlich auch maßgeblich mit der Arbeit zahlreicher Aktivistinnen und Aktivisten zu tun.

Eine vor wenigen Monaten gestartete Online-Petition an Jens Spahn wurde bislang von mehr als 79.000 Personen unterzeichnet

Bei der Übergabe an die Bundesregierung waren neben dem 26-jährigen Initiator Lucas Hawrylak auch zwei Mitglieder der Gruppe "Travestie für Deutschland" (TfD) dabei (Siegessäule). Sie haben monatelang Unterschriften für die Petition gesammelt.

Die Gruppe ist eine Parodie auf die Alternative für Deutschland – und kämpft im Drag-Outfit gegen Rechtspopulismus und für die Gleichstellung von LGBT (bento hat hier schon einmal darüber berichtet). 

Homo braucht keine Heilung

Lieber Jens Spahn, mal so unter uns Pastorentöchtern: Wir sind uns ja einig, dass Homosexualität keine Krankheit ist - und keiner Heilung bedarf. 🏳️‍🌈 Wie viele Berichte aus Wissenschaft und Medien über diese inhumanen - und unchristlichen - Methoden braucht es noch, ehe diese Praxis an MINDERJÄHRIGEN endlich im Bundestag debattiert und beim Namen genannt wird⁉️ Nimm deine Freundinnen Katarina Barley und Franziska Giffey ins Gebet und lasst Taten sprechen! 💪 Und falls du noch Stichwortgeberinnen für die Umsetzung brauchst, kommen Sigrid Grajek, Lucas Hawrylak, Annet CJ Tuntralittchen und Miss Pan Am DragAirlines gern auf einen Sekt vorbei, geht ja schließlich um was. 💄 #homobrauchtkeineheilung

Posted by Travestie für Deutschland on Wednesday, February 13, 2019

"Baffolo Meus" ist eines der Mitglieder von TfD. Im Interview mit bento erklärt er, warum er von der Ankündigung Jens Spahns noch nicht wirklich überzeugt ist – und weshalb er und seine Mitstreiterinnen nicht einfach in Jeans und Hemd für LGBT-Rechte protestieren:

Gesundheitsminister Jens Spahn hat vor wenigen Tagen angekündigt, gegen die Konversionstherapie vorgehen zu wollen. Seid ihr jetzt zufrieden mit ihm?

Nein. Jens Spahn sagte noch vor einer Woche, es gebe für ihn keine Möglichkeit, sogenannte Homoheiler zu überprüfen. Dass er jetzt, kurz nach dem Start unserer Kampagne, eine 180-Grad-Wende hinlegt, ist deshalb eine ziemliche Überraschung. Wir fragen uns schon, warum sich der Gesundheitsminister so lange geweigert hat, junge homosexuelle Menschen vor gefährlichen Ärzten und Therapeuten zu schützen.

Die Vorsitzende Jacky-Oh Weinhaus und weitere Mitglieder von "Travestie für Deutschland" bei einer Demonstration gegen Rechtspopulismus.

(Bild: Maximilian Piling)

Warum ist die Konversionstherapie überhaupt noch ein Problem?

Weil solche Therapien das Leben junger LGBT bedrohen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen seit Jahren vor Depressionen und erhöhtem Selbstmordrisiko bei Betroffenen. 

Aus unserer Sicht verletzt die sogenannte “Homoheilung” die Würde des Menschen und ist deshalb verfassungswidrig.

Doch seit dem ersten Gesetzesvorstoß für ein Verbot sind sechs Jahre vergangen, ohne dass politisch etwas passiert ist. Wir wollen nicht noch einmal 30 Jahre warten müssen, wie bei der #Ehefüralle. Deshalb haben wir jetzt auch mit anderen Organisationen so viel Druck gemacht.

Am Donnerstag befasst sich der Bundestag mit dem Thema. Was muss sich aus eurer Sicht konkret ändern?

Wenn bei jungen Menschen unter 18 die Gesundheit gefährdet ist, könnte man bereits heute eingreifen. Wir fordern aber, dass auch Erwachsene geschützt werden. Dafür braucht es ein grundsätzliches Verbot, weil Betroffene oft in Therapien gedrängt werden, gegen die sie sich nicht wehren können. 

Außerdem fordern wir ein Werbungsverbot für “Homoheiler” und eine Meldestelle, die bei Verstößen kontaktiert werden kann. Spätestens, wenn es Strafen und Bußgeldern gibt, werden Ärzte und Therapeuten sich gut überlegen, ob sie ein Berufsverbot riskieren wollen.

Ihr seid bekannt geworden, weil ihr euch gegen die AfD und Rechtspopulismus einsetzt. Habt ihr das Gefühl, dass die Situation für queere Menschen in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist?

Ja. Obwohl die Gesellschaft scheinbar immer offener und toleranter wird, erleben wir gerade eine gewaltige Gegenbewegung. Christlich-fundamentalistische Bewegungen wie die “Demo für alle” hetzen offen gegen Homosexuelle, Feministinnen und nicht-traditionelle Familien. 

Die Verrohung ist überall spürbar.

Trans*-Personen werden auf offener Straße angegriffen, Alltagsrassismus und homophobe Sprüche sind wieder salonfähig geworden. Das macht selbst vor unserer Community nicht Halt, weshalb wir auch nicht mit jeder Drag zusammenarbeiten.

Ihr tretet in euren Kampagnen oft als Drag-Queens auf, das Thema Travestie steckt schon im Namen eurer Gruppe. Warum werbt ihr nicht einfach in Jeans und Pullover für LGBT-Rechte?

Männer in Frauenklamotten haben eine unerklärliche Faszination. Viele können das kaum fassen: Da legt jemand sein Männer-Outfit ab und kleidet sich als etwas vermeintlich Minderwertiges, als jemand nicht Gleichberechtigtes. Das provoziert, macht unser aber auch Spaß. Diese Aufmerksamkeit nutzen wir für unsere politische Botschaft. 

Für uns ist Drag aber mehr: 

Wir verkleiden uns schließlich alle in irgendeiner Form, wenn wir vor die Tür gehen. Auch Jens Spahn übrigens.

Wir verlangen Gleichberechtigung, wissen aber auch, dass wir durch unsere queeren Biografien andere Erfahrungen machen als viele. Wer ein nicht-heteronormatives Leben führt, stellt die binäre Mann-Frau-Welt eben in Frage. Und das finden wir gar nicht schlecht.


Haha

Mit welchen sinnlosen Talenten prahlst du auf Partys?
Zunge falten? Das Alphabet rückwärts aufsagen?

Mit den Ohren wackeln, die französische Nationalhymne singen, minutenlange Dialoge aus Filmen nachsprechen – nicht besonders nützliche Talente, aber: Man ist fasziniert, wenn jemand sie vorführt.

Fast jeder hat doch ein solches sinnloses Talent, das er oder sie richtig gut kann – und auf Partys zum Besten gibt. 

Hast du auch so eine Sache, die du richtig gut kannst? Dann mach ein Video davon und schick es uns über Facebook oder an video@bento.de.  

Welche seltsamen Fähigkeiten die bento-Redakteure haben, siehst du oben im Video.