Bild: Privat
Hier erzählt er, warum er trotzdem weitermacht.

Nicht jeder ist familiär bedingt an Polizeischutz gewöhnt. Tugay schon.

Seine Tante Seyran Ateş ist die Gründerin jener Berliner Moschee, in der Frauen Imaminnen sein dürfen. Bei Muslimen auf der ganzen Welt hat sie sich damit unbeliebt gemacht. Aber immerhin: Durch diesen familiären Background ist Tugay nicht schnell Angst einzujagen.

Ganz entspannt sitzt er auf dem weichen Teppich der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Der Raum ist weiß und leer, es hallt ein bisschen, wenn Tugay spricht – die Moschee hat im ehemaligen Theaterraum einer evangelischen Kirche in Berlin-Moabit Unterschlupf gefunden. 

Hier, in diesem Raum, versucht seine Tante, eine Religion neu zu denken – und Tugay seine Identität. Denn er ist schwul und gläubig. Damit ist er einer der wenigen, die öffentlich zu beidem stehen. Wahrscheinlich macht er auch deshalb schnell einen Witz: Ja, dass er TuGAY heiße, sei ein Zufall. Er versucht, den Druck aus dem Gespräch zu nehmen. 

Denn queere Muslime haben Angst – auch in Deutschland. "Ich kenne einen Mann, der von seiner Familie mit Benzin übergossen wurde. Er sollte angezündet werden, weil er schwul ist", wird er später erzählen. 

In seiner LGBTQ-Gruppe für Muslime gibt es bis jetzt etwa fünf Mitglieder. 

Die fünf Millionen Muslime in Deutschland haben bei diesem Thema viel zu wenig Unterstützung – umso wichtiger ist Tugays Initiative.

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee sind Schwule, Lesben und Transgender nicht nur willkommen, sie können sich auch trauen lassen. Die Moschee lädt regelmäßig zu Veranstaltungen ein, zum Beispiel zur "Queer Muslim Night". Dann reisen queere Muslime aus aller Welt nach Berlin. 30 bis 40 Menschen kommen zu den Treffen dann zusammen, unter ihnen zum Beispiel der schwule Imam Ludovic-Mohamed Zahed aus Paris. Zahed predigt, sie beten zusammen und essen, halten Vorträge über Homosexualität in islamischen Texten oder präsentieren ihre Arbeit in unterschiedlichen Ländern, und sie können sich endlich austauschen.

Darüber, was ihnen ihr Glaube bedeutet – und ihre Sexualität.

Für Tugay zum Beispiel war es ein langer Weg, bis er sich eingestehen konnte, dass er schwul ist. Als Kind wuchs er mit den konservativen Idealen seines Vaters auf. Und für den war alles "schwul", was nicht in ein sehr enges Bild von Männlichkeit passte. Den Kinderwagen von Tugays Schwester zu schieben, zum Beispiel.

Als Tugay dann mit 13 bemerkte, wie sehr er sich zu Männern hingezogen fühlt, wusste er nicht, wohin mit sich und seinen Gefühlen. Seine Freunde und Familie ahnten nichts. "Auf dem Schulhof redeten alle über Mädchen, also habe ich das Spiel einfach mitgespielt." Aber die ganze Zeit über fragte er sich, was er tun solle.

Seine erste Lösung: radikaler Glaube.

„Ich hatte die Hoffnung, die Homosexualität wegbeten zu können.“
Tugay

Im Internet gibt es zahlreiche Prediger, die behaupten, helfen zu können. Die dazu raten, mit niemandem zu sprechen, Allah würde allen vergeben, außer denjeningen, die die Sünde offenkundig machen.

Tugay betete vergeblich: 

Nichts half gegen seine Gefühle für Männer. Also tat er, was logisch erschien: dem Islam den Rücken zukehren. Doch ohne seine Religion klaffte eine Lücke in Tugays Leben, eine Leere, die er nicht füllen konnte. Als Tugay sich dann im September 2017 zum Outing entschied, war sein Vater längst tot. "Meine Mutter ist liberaler und akzeptiert mich so, wie ich bin." Und seitdem macht er das Unsichtbare sichtbar: Er ist muslimisch und schwul.

Doch damit war er allein. Es gibt zwar Beratungsstellen und Projekte für Schwule in Berlin. Aber bei den sozialen und theologischen Problemen beim Outing in einer muslimischen Community können sie nur bedingt weiterhelfen. Seit Dezember 2017 versucht er in seiner Moscheegruppe, Islam und Homosexualität zusammen zu bringen. Denn eigentlich gibt es keinen Widerspruch, sagt Tugay.

Konservative Gläubige stützen ihre Homophobie vor allem auf zwei Überlieferungen:

  • Die von Lot, die Christen als "Sodom und Gomorrha" kennen. Sehr grob zusammengefasst bekommt Lot in Sodom Besuch von zwei Engeln. Lots Mitbürger wollen sie vergewaltigen. Sodom wird komplett zerstört, Lot und die Engel gerettet. Das interpretieren Konservative als Beweis für die Verwerflichkeit von Homosexualität. Liberale interpretieren die Stelle als Statement gegen Gewalt und Rassismus. Allein die Übersetzung macht schon einen erheblichen Unterschied, auch im Christentum ist das Problem bekannt. So spricht die Lutherbibel nicht von Vergewaltigung, sondern von "sich über sie hermachen“. Interpretationsspielraum at its best.
  • Zweitens stützt sich die Ablehnung von Schwulen auf die Hadithe. Das sind Überlieferungen, die Normen aufstellen und von denen einige sagen, dass gleichgeschlechtlicher Verkehr zu bestrafen sei. Tugay aber liest die Überlieferungen kritisch. "Die Hadithe sind Hunderte Jahre lang über Tausende Kilometer weitergereicht worden. Das ist wie bei der stillen Post: Da rutschen mit der Zeit Veränderungen rein", sagt er.

Damit kann Tugay gut leben. Es gibt Muslime, die Ansichten wie diese geradezu gotteslästerlich finden und die der Gemeinde drohen. Ob er Angst hat, weil die Polizei regelmäßig bei der Moschee nach dem rechten sehen muss? Er wirkt fast ein wenig verwundert über die Frage. Nein, sagt Tugay  – und sagt das nicht einmal kämpferisch, er sagt das völlig unaufgeregt. Tugay ist einfach nicht der Typ für Drama. Vielleicht ist er deshalb genau der Richtige für diese Aufgabe.

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Today

Typ will Frau ausrauben – und wusste nicht, dass sie MMA-Kämpferin ist
Er hat sich definitiv mit der falschen Frau angelegt

Ein Dieb in Brasilien hat sich für einen Straßenraub ganz offensichtlich ein falsches Opfer ausgesucht. Beim Versuch eine Frau zu überfallen bekam, er nämlich die Prügel seines Lebens. Denn was er nicht wusste: 

Die Frau ist Mixed-Martial-Arts-Kämpferin.

Die 26-jährige Käfigkämpferin Polyana Viana war am vergangenen Samstag in Rio de Janeiro unterwegs und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit. Wie sie dem Portal mmajunkie.com berichtete, setzte sich ein Mann neben sie und fragte nach der Uhrzeit. Als sie sie ihm gab, ging er aber nicht. "Und dann sagte er: 'Gib mir dein Telefon. Versuche nicht zu reagieren, ich bin bewaffnet'", so Viana weiter.

Er griff an eine "Waffe", die laut der MMA-Kämpferin aber deutlich zu weich war, um echt zu sein. Also stand sie auf und verteidigte sich. "Zwei Schläge und einen Tritt ließen ihn zu Boden fallen, so Viana. "Dann setzte ich ihn an die gleiche Stelle wie zuvor und sagte: Jetzt warten wir auf die Polizei."

Die Beamten konnten feststellen, dass der Dieb tatsächlich nicht bewaffnet war, sondern nur ein Stück Pappe mit sich trug.

Welche Reaktionen gab es auf die Tracht Prügel?

Der Präsident der größten Liga für MMA "Ultimate Fighting Championship", Dana White, postete ein Bild von Viana und ihrem Dieb bei Instagram mit dem Kommentar: "Links Polyana Viana, eine unserer UFC-Kämpferinnen. Rechts der Typ, der versucht hat, ihr das Handy zu stehlen. Ziemlich beschissene Idee."