Bild: Sotiris Stournaras

Mitte Oktober, ein ganz normaler Tag. Haris steht um 8 Uhr morgens auf, checkt wie immer als erstes Facebook. 15 Nachrichten. "Was habe ich letzte Nacht gemacht?“, fragt er sich. Bekannte schreiben ihm, aber auch Fremde, sie sagen, sie würden ihn unterstützen.

"Ich habe deinen Artikel gelesen“, schreiben sie.

Sie alle meinen einen Artikel in der "Metro“, einer Gratiszeitung, die in allen schwedischen U-Bahnhöfen ausliegt. Mehr als eine Millionen Menschen lesen sie täglich, das ist mehr als jeder zehnte Schwede.

Ja, er hat mit einem Reporter gesprochen. Er sei von einem kleinen Beitrag irgendwo in der Mitte des Blattes ausgegangen. Darüber wie Flüchtlinge in Stockholm wohnen. Aber dass er auf dem Cover landen würde? Mit seiner eigenen, ganz persönlichen Geschichte. Damit habe er nicht gerechnet, sagt Haris. 22 Jahre ist er alt, erst seit kurzem lebt er in Schweden.

(Bild: Fabian Schäfer)

Sofort sei er zum nächsten Bahnhof gegangen, erzählt er. Um 13 Uhr ist der "Metro“-Ständer aber bereits leer. In der U-Bahn sieht er plötzlich überall Leute, die seinen Artikel lesen. "Das war ein komisches Gefühl“, sagt er. Er habe sich die Kapuze seines Hoodies über den Kopf gezogen. Erst mal verstecken, erst mal klarkommen.

Haris ist schwul. Im Artikel erzählt er davon, wie er deswegen vor mehr als einem Jahr aus Mazedonien nach Schweden geflohen ist. Ganz alleine. In seiner Heimat habe er es nicht länger ausgehalten. "Daheim hatte ich eine krasse Zeit. Es ist schwer, wenn man nicht zu sich selbst stehen kann. Ich hatte ständige Angst.

Homosexuelle leiden in dem Land unter Diskriminierung und Ausgrenzung. Das Büro der mazedonischen LGBT-Organisation wurde in der Vergangenheit oft angegriffen. Die Täter wurden nie gefasst. Die Polizei ging den Fällen nur halbherzig nach, heißt es.

Seiner muslimischen Familie erzählte Haris, er wolle in Schweden zur Schule gehen. Doch erst einmal hat er im Frühling angefangen, im "Mälarpaviljongen“ zu arbeiten. Denn in Schweden dürfen Flüchtlinge, deren Asylantrag noch nicht entschieden ist, einer Arbeit nachgehen. In dem beliebten Restaurant am See kellnern, spülen und bedienen viele LGBT-Flüchtlinge aus der ganzen Welt.

Endlich ein Leben ohne Angst
Schweden galt lange Zeit als offenes Land.

Am Anfang der Flüchtlingskrise erklärte die Regierung, jedem syrischen Flüchtling eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu gewähren. Das hat sich geändert

Es gibt wieder Grenzkontrollen, es ist die Rede von "überdehnten Kapazitäten“, die Aufenthaltserlaubnis wird vorerst auf drei Jahre begrenzt. Die rot-grüne Regierung folgt damit der Linie ihres stärksten Konkurrenten: Bei der letzten Reichstagswahl im September 2014 wurden die rechtspopulistischen Schwedendemokraten drittstärkste Kraft. Aktuellen Umfragen zufolge würde sie ein Viertel der Schweden wählen – und sie so zur stärksten Partei machen.

Haris ist angekommen.

Endlich ein Leben ohne Angst. Er kann das Leben leben, von dem er immer geträumt hat. Er besucht einen Schwedischkurs, wird von Woche zu Woche besser, lernt Freunde kennen, ist in Schwulenclubs unterwegs, engagiert sich ehrenamtlich bei RFSL, der schwedischen Menschenrechtsorganisation für LGBT-Menschen, absolviert ein Praktikum als Webdesigner bei einem Online-Shop.

(Bild: Sotiris Stournaras)

Bis zu besagtem Oktobertag. "Der Artikel hat alles geändert“, erzählt er. "Alles.“ Einerseits sei er erleichtert gewesen: "Endlich stand ich zu mir.“ Deshalb ist er dem "Metro“-Journalisten auch nicht böse, dass er die Geschichte gedreht hat. Haris hat es ihm immerhin erzählt. Er bekam Zuspruch von wildfremden Menschen, die ihn unterstützen, sei es auch nur durch liebe Worte. Haris ist ein fröhlicher junger Mann. Er lacht viel. Ein ehrliches Lachen, das sich jedoch schnell in Nachdenklichkeit verwandelt.

Denn er bekam auch eine Nachricht von seiner Mutter. "Was ist das?“, schrieb sie ihm noch am selben Tag. Der Artikel hat es innerhalb weniger Stunden bis nach Mazedonien geschafft, inklusive Übersetzung.

Ein entfernter Verwandter, der im südschwedischen Malmö lebt, hat den Artikel an Haris‘ Onkel in Deutschland und seine Tante in den USA weitergeleitet. Über den Onkel gelang er schließlich an seine Mutter.

"Ich wusste nicht, was ich auf ihre Nachricht antworten soll“, sagt Haris. Er schüttelt gedankenverloren den Kopf. Er wüsste es auch heute nicht. Seine Mutter schrieb wieder und wieder, als wäre sie in Rage.

Ich habe keinen Sohn mehr. Bring dich besser um!
Haris liest vor:

"Das ist also der Grund, weshalb du gegangen bist? Ich habe keinen Sohn mehr. Bring dich besser um! Hätte ich gewusst, dass mein Sohn schwul ist, hätte ich dich noch am Tag deiner Geburt umgebracht. Bete bloß, dass dein Vater nichts davon erfährt. Hier wird dich niemand beschützen.“

Dann machte sie ihm noch das Angebot, dass ja doch wieder alles gut werden könnte. "Wenn ich eine Frau heirate, den Koran lese und bete, dass die Dämonen aus mir verschwinden.“

Wenig später schrieb ihm auch seine 14-jährige Schwester. Im Prinzip sagte sie das gleiche wie seine Mutter.

"Das alles passierte an einem Tag. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet“, sagt er. Zu seiner Familie habe er seitdem keinen Kontakt mehr, leicht falle ihm das nicht. "Immerhin ist sie immer noch meine Mutter.“

Du bringst Schande über die ganze Familie

Noch am selben Tag hat er sein Facebook-Profil komplett auf privat gestellt und seinen Nachnamen geändert, Fremde können ihm jetzt keine Nachrichten schreiben. Haris sagt, er habe Angst, seit ihn seine Tante aus den USA angerufen hat.

"Sie hat erst so getan, als würde sie mich unterstützen“, erzählt er.

Du bist so ein schöner Junge. Such dir doch eine Frau. Du bringst Schande über die ganze Familie. Du enttäuschst alle. Das hat die Familie nicht verdient. Wie kannst du ihnen das antun.

Dann habe sie gesagt, dass sein Verwandter aus Malmö ihn finden wolle, um ihn beim Migrationsamt zu melden. Haris Asylantrag ist noch nicht durch. "Er will mich nach Mazedonien bringen“, sagt Haris. Seine Stimme stockt. Das Versteckspiel geht wieder los. Er fühlt sich nicht mehr sicher, kann kaum schlafen. "Ich habe einen Teil meines Lebens verloren“, erklärt Haris. Seine sonst so starke Stimme wird auf einmal leise. Es folgt eine lange Pause. "Und ich weiß nicht, was passieren wird.“

Manchmal gelingt es Haris, das alles zu verdrängen. Dann sagt er, er fühle sich in Schweden "wie neugeboren“. Erst vergangenen Monat ist er in eine eigene Wohnung südlich von Stockholm gezogen. Er arbeitet als Model, Tänzer, hat sich einen Mode-Blog aufgebaut. Und seit kurzem führt er außerdem eine Beziehung mit einem Schweden.

Haris strahlt und zeigt Fotos von ihm auf seinem Smartphone.

"Es fühlt sich so gut an zu sagen, dass ich einen Freund habe.“