Er ist der "Gay German Cop".

Bis 1994 war es noch Aufgabe der Polizei in Deutschland, Schwule zu verfolgen – laut Paragraf 175 im Strafgesetzbuch waren sexuelle Handlungen zwischen Männern verboten, nach Schätzungen wurden in der Bundesrepublik etwa 64.000 Männer deswegen verurteilt

Im selben Jahr begann Wolfgang Appenzeller seine Ausbildung bei der Polizei. Zwei Jahre später outete er sich unter seinen Kolleginnen und Kollegen als schwul – damals sorgte das noch für Aufregung in der Polizeikaserne in der bayerischen Provinz. 

25 Jahre später haben es Homosexuelle bei der Polizei immer noch nicht leicht. Und Menschen aus der LGBT-Community begegnen der Polizei nach wie vor misstrauisch.

Daran will Wolfgang etwas ändern – als Ansprechperson für gleichgeschlechtliche Lebensweisen innerhalb seiner Behörde, aber auch in den sozialen Medien: Als "Gay German Cop" will er mehr Sichtbarkeit schaffen für Schwule und Lesben bei der Polizei. 

Wir haben mit ihm gesprochen: über seine Erfahrungen als homosexueller Polizeibeamter und über die Frage, was sich bei der Polizei in Deutschland noch ändern muss. 

Weshalb hast du dich dazu entschieden, über Facebook und Instagram an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich habe gemerkt, dass das Thema Schwule in der Polizei in der Gesellschaft kaum präsent ist. Und wenn, dann ist die Wahrnehmung eher negativ – dann heißt es, die Polizei sei gegen Schwule.

Gleichzeitig habe ich gehört, dass es Polizeipräsidenten gibt, die der Überzeugung sind, dass es in der Behörde keine Schwulen und Lesben gibt. Das ist einfach unvorstellbar.

Und das willst du ändern? 

Ja. Wenn wir sagen, die Polizei sei ein Spiegel der Gesellschaft, dann wüsste ich nicht, warum man davon ausgehen sollte, dass es in der Polizei keine Schwulen und Lesben gibt. 

Und es ist wichtig, dass ungeoutete Kolleginnen und Kollegen sehen, dass es in der Polizei nicht nur diese fünf Schwulen gibt.

Es gibt uns überall, wir sind viele.

Manche trauen sich immer noch nicht, sich zu outen. Sie haben Angst, ausgegrenzt zu werden, Angst, diskriminiert zu werden. Da will ich dagegen halten und zeigen: Es ist nicht so, wie du dir das vorstellst. Die Bundespolizei in Bayern hat beispielsweise, wie auch andere Landes- und Bundespolizeibehörden, eine Ansprechperson für gleichgeschlechtliche Lebensweisen – das bin ich seit 2014.

Du bist 1994 zur Polizei gekommen, im selben Jahr, als die Strafverfolgung Schwuler abgeschafft wurde. Welchen Einfluss hatte das auf deine Entscheidung, Polizist zu werden?

Bis zur Ausbildung wusste ich überhaupt nichts von dem Paragrafen. Während meiner Ausbildung beim Bundesgrenzschutz hatten wir Sammlungen der Gesetzestexte. Wenn sich etwas änderte, bekamen wir Ergänzungslieferungen – dann hieß es beispielsweise, man müsse ein Blatt herausnehmen, wenn ein Gesetz aufgehoben wurde. Und da war bei der ersten Ergänzungslieferung der Paragraf 175 dabei, der wegfiel.

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich überhaupt nicht, dass es so einen Paragrafen gibt, der gleichgeschlechtliche Handlungen von Männern unter Strafe stellt. Das war für mich erstmal ein Schock.

Ich habe dann lange überlegt, ob ich überhaupt bei der Polizei bleiben will. Für mich hieß das ja: Bis vor wenigen Monaten hatten meine Kollegen noch die Aufgabe, Leute wie mich strafrechtlich zu verfolgen.

Schließlich habe ich mir gesagt 'Da musst du durch'. Und irgendwann war ich dann an einem Punkt, wo ich das auch einfach nicht mehr für mich behalten wollte.  

Wie ist es denn bei dir gelaufen nach dem Outing?

Mein Coming-out verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer. Man muss bedenken: Zehn Jahre vorher hat der Bayerische Rundfunk noch Bombendrohungen bekommen, weil sie in der Lindenstraße das erste schwule Pärchen gezeigt haben. Die Zeiten waren damals noch ganz andere. Trotzdem bin ich in der ganzen Zeit immer offen damit umgegangen.

Die Aufregung hat sich aber auch sehr schnell wieder gelegt. Das war eben etwas Neues, da hat jeder seinen Senf dazu gegeben und irgendwann war das Thema durch. Das war dann irgendwie ganz normal. 

In den ganzen Jahren habe ich aber nicht einmal direkte Diskriminierung erlebt. Einen Zwischenfall gab es jedoch mit einem Vorgesetzten, der mich anderen gegenüber beleidigt und diskriminiert hat – das endete dann auch mit einem Disziplinarverfahren für ihn.

Hast du einen Wandel bemerkt, seit du bei der Polizei bist?

Ja. LGBT-Themen werden nicht mehr tabuisiert. Es wird einfach offener damit umgegangen – im letzten Jahr beispielsweise war der Vizepräsident der Bundespolizeidirektion München beim Bundesseminar von VelsPol, dem Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter. Dass er der Einladung nachkommt, in Uniform erscheint und auch Fotos machen lässt – das ist ein sehr gutes Signal. Das hätte es vor 20 Jahren wohl nicht gegeben. 

Außerdem ist die Polizei mittlerweile in manchen Städten auf dem Christopher Street Day mit einem eigenen Stand und wirbt dort um Nachwuchs. Beim CSD in Hamburg lief sogar der Polizeipräsident in erster Reihe mit uniformierten Kollegen in der Parade mit – das gab es meines Wissens nach noch nie in Deutschland. 

Da läuft schon einiges ganz gut – in manchen Bundesländern besser, in manchen schlechter. Vorreiter ist da aus meiner Sicht ganz klar Berlin, die ganz viel in dieser Richtung machen. 

In einem Facebook-Post schreibst du, dass die Polizei nicht gerade als schwulenfreundlich wahrgenommen wird. Was meinst du damit?

Bei einer Studie der EU aus dem Jahr 2012 kam heraus, dass sehr viele aus der LGBT-Community Erfahrungen mit Diskriminierung aus der Gesellschaft gemacht haben, von Beleidigungen bis hin zu physischer Gewalt.

Viele von ihnen sagten, dass sie das aber nicht bei der Polizei angezeigt haben – aus verschiedenen Gründen: Weil sie nicht wüssten, dass die Polizei da etwas machen könne. Aber auch, weil sie nicht wüssten, ob die Polizei etwas machen wolle. Und manche haben auch geantwortet, dass sie Angst vor Diskriminierung vonseiten der Polizei haben.

Glaubst du, dass solche Vorbehalte gegenüber der Polizei heute noch berechtigt sind?

Letztes Jahr hat mir ein Freund von einem Fall aus Köln berichtet: Ein Mann wurde nach dem Besuch einer Schwulenbar von drei Männern vergewaltigt. Er ist danach zur lokalen Polizei gegangen – seiner Aussage nach habe ein Polizist während der Vernehmung die ganze Zeit süffisant gelächelt und gefragt, wie denn die Umstände von der Vergewaltigung gewesen seien. Er habe dann geantwortet, dass er in dieser Schwulenkneipe war. Daraufhin habe der Polizist erwidert, dass er sich ja dann nicht wundern brauche, wenn so etwas passiert.

Das sind natürlich Einzelfälle, aber wenn ein Polizist so mit einem solchen Fall umgeht, dann spricht sich das in der LGBT-Community natürlich schnell herum und deswegen kann ich verstehen, wenn manche die Polizei nicht als sehr schwulenfreundlich wahrnehmen. Meine Erfahrung ist aber, dass die meisten Kolleginnen und Kollegen professionell damit umgehen.

Und ich glaube, die Tatsache, dass die Polizei früher die Aufgabe hatte, auch Schwule zu verfolgen und schwule Handlungen anzuzeigen, hat sich ganz tief in das Gedächtnis der Community eingebrannt.

Was muss sich bei der Polizei noch ändern?

Meiner Meinung nach könnte sich die Polizei in Deutschland etwas mehr am Vorbild der Niederlande orientieren. Dort gibt es ein interenes Netzwerk, das sich "Roze in Blauw" nennt, also Rosa in Blau. Das ist ein ganz offizielles LGBT-Mitarbeiternetzwerk, dem nicht nur LGBT-Kollegen angehören, sondern auch "straight allies", wie sie sich so schön nennen.

Ihre Mitglieder sind ganz offiziell als Ansprechpartner auf den Internetseiten der niederländischen Polizei aufgeführt. Und wer nicht mit einem Heterosexuellen reden möchte, aus Angst, nicht ernstgenommen zu werden, der hat die Kontaktdaten der Mitarbeiter dieses Netzwerks.

Ich fände es super, wenn wir auch signaliseren würden: Wir haben nicht nur die Gleichstellungsbeauftragte, die sich für die Gleichstellung von Frau und Mann einsetzt, wir haben nicht nur die Schwerbehindertenvertretung oder den Personalrat – sondern über diese gesetzlichen Erfordernisse hinaus wollen wir auch nach außen hin zeigen, dass wir tolerant sind und auch überhaupt kein Problem mit LGBT haben und um die Herausforderungen im Umgang mit dieser Thematik wissen. 

Für welche speziellen LGBT-Themen müsste die Polizei noch sensibilisiert werden?

Wenn eine Straftat gegen eine Person wegen ihrer sexuellen Identität begangen wird, dann ist das grundsätzlich politisch motivierte Kriminalität – ein Hassverbrechen, so wird es vom Bundeskriminalamt definiert.

Ob solche Straftaten aber immer als Hasskriminalität in die Kriminalstatistik aufgenommen werden, wage ich zu bezweifeln.

Wenn zum Beispiel bei Maneo, einem schwulen Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, in einem Jahr mehr als 300 Übergriffe gemeldet wurden, und im gleichen Zeitraum in der kompletten Polizeilichen Kriminalstatistik für ganz Deutschland weniger Fälle gemeldet wurden, dann kann da etwas nicht stimmen. 

Da müsste man noch vonseiten der Polizei mehr sensibilisieren. Einerseits müssen Polizisten geschult werden, damit sie wissen, dass Straftaten aufgrund beispielsweise der sexuellen Orientierung auch zur politisch motivierten Kriminalität zählen. Andererseits müssen auch die Menschen aus der LGBT-Community wissen, dass es politisch motivierte Kriminalität ist, wenn sie bespuckt oder geschlagen werden. Das sind Staatsschutz-Delikte, nicht irgendeine Kleinigkeit. 

bento per WhatsApp oder Telegram


Queer

Ellen Page zeigt mit einer Wutrede, warum der LGBT-Hass der Trump-Regierung so gefährlich ist

Für eine westliche Regierung sollte gleichgeschlechtliche Liebe im Jahr 2019 eine Selbstverständlichkeit sein. Doch in den USA unter Donald Trump ist das nicht so. 

Gegenüber Fox-News sagte Trump, dass er die Ehe für alle kritisch sieht. Eine von Obama eingeführte Regelung, wonach Transsexuellen freigestellt war, welche Toiletten und Umkleideräume sie in Schulen und Universitäten benutzen, kippte er. Sein Vizepräsident Mike Pence spricht sich sogar offen gegen Homosexuelle aus. Die umstrittene Konversionstherapie befürwortet er.

Nun machte die Schauspielerin Ellen Page in einem wütenden Appell deutlich, wie gefährlich der LGBT-Hass von Donald Trump und Mike Pence wirklich ist.

Ellen Page war bei "The Late Show" von Stephen Colbert zu Gast und empfand offenbar genügend Wut, die Politik aus dem Weißen Haus einmal grundsätzlich zu kritisieren: Denn laut Page geht es nicht nur um konservative oder liberale Sichtweisen – es geht um Menschenleben.

"Verbindet die einzelnen Punkte und begreift, was passiert", sagt sie: