Wir haben mit LGBT-Aktivisten in Istanbul gesprochen

Sieben Wochen sind seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei vergangen. Tausende Soldaten wurden danach verhaftet, Tausende Lehrer und Uni-Mitarbeiter entlassen, jeden Tag werden im Schnellverfahren neue Gesetze erlassen.

"Selbst wir, die hier in diesem Land leben, halten mit den politischen Ereignissen kaum Schritt", sagt Sedef Cakmak. Dabei ist Politik ihr Beruf: als Abgeordnete für den Istanbuler Stadtbezirk Beşiktaş ist die 34-Jährige die erste offen homosexuelle Politikerin der Türkei. Seit zwölf Jahren engagiert sie sich in der Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT) in Istanbul. Seit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 spürt sie, wie der Druck auf ihre Community wächst.

Deswegen hat die Gemeinschaft vor zwei Wochen auch die größte Demonstration nach dem Putschversuch organisiert. Gut 200 Menschen versammelten sich im Stadtzentrum, um gegen den brutalen Mord an Hande Kader zu protestieren. Die Leiche der Transgender-Ikone war Anfang August in einem Randbezirk Istanbuls gefunden worden.

In der Slideshow: So kämpfen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in der Türkei für ihre Rechte

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Seit Wochen dominieren Siegesfeiern der konservativen Erdogan-Anhänger die Straßen. Sie feiern ihren Erfolg über die Putschisten wie ein großes Volksfest, ein nationales Sommermärchen: Unzählige türkische Flaggen prägen das Stadtbild.

Jetzt, nach dem Putschversuch, fühlen sich viele bestärkt, ihre Homophobie deutlicher zu äußern. Sie wenden sich gegen Minderheiten, die nicht ins Einheitsbild der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP passen.

Dabei lehnen ohnehin schon viele Türken LGBT-Menschen ab: Laut einer Studie des amerikanischen Think Tanks PEW Research Centers sind knapp 80 Prozent der Meinung, Homosexualität sei "moralisch inakzeptabel" (Umfrage als PDF). Zudem hat die Türkei die höchste Zahl an Hate-Crimes in Europa ("The Turkish Sun").

"Die Täter wissen, dass sie keine Konsequenzen fürchten müssen, wenn sie uns angreifen. Die Polizei und die Gerichte kümmern sich nicht", berichtet Mehmet Akin.

Der 25-Jährige arbeitet als einer von zwei Vollzeitaktivisten bei SPOD, einer kleinen NGO, die sich für die Rechte von LGBTs einsetzt.

(Bild: Katharina Schmidt)

LGBTs erhalten in der Türkei immer wieder Drohungen – viele über Social Media. "Wir melden jede einzelne der Polizei, aber niemals werden diese Fälle juristisch verfolgt", sagt Mehmet Akın.

Die Politikerin Sedef ergänzt: "Unsere Regierung versucht nicht, uns zu kriminalisieren, wie in Russland oder vielen afrikanischen Ländern." Homosexualität ist nicht illegal in der Türkei. "Aber die Regierung schaut weg, wenn homosexuelle oder Transgender-Menschen attackiert werden."

Erst vor einigen Wochen hat sich der amtierende Justizminister gegen ein Diskriminierungsverbot aufgrund sexueller Orientierung ausgesprochen ("Kaos GL"). Dabei wäre ein solches Verbot so wichtig, meint Sedef. Es könnte verhindern, dass LGBTs wegen ihrer Identität ihren Job verlieren, wie es jetzt häufig der Fall ist. Vor allem Transgender-Frauen haben meist keine andere Wahl, als sich durch Sexarbeit zu finanzieren.

Michelle Demishevich ist eine Ausnahme – und dadurch eine Berühmtheit in Istanbul: Die 40-jährige Transgender-Frau arbeitet als Journalistin. Doch auch sie klagt über die zunehmende Transphobie in der türkischen Gesellschaft, selbst in der politischen Linken.

Ihre Identität will sie trotzdem nicht verstecken, im Gegenteil: Mit ihrem eng anliegenden Kleid, dem tiefen Dekolleté und knallrotem Lippenstift wirkt sie sehr selbstbewusst. "Alle halten mich für eine so starke Frau. Aber auch ich habe große Angst."

Denn auch die akute Terrorgefahr belastet die Community: Sie fürchten, selbst Ziel eines islamistischen Anschlags zu werden. "Ja, wir haben Angst um unser Leben", sagt Sedef. "Die Leute bleiben daher eher zu Hause und gehen nicht aus." Das ist auch ein Problem für die vielen kleinen LGBT-Vereine, die sich oft nur über Partys finanzieren.

"Aber auf der anderen Seite sind wir so wütend auf die Regierung und die Opposition", sagt Sedef. "Unsere Wut ist stärker als unsere Angst. Und wir wollen unsere Wut in demokratischer Art zeigen."

Leicht ist das nicht: Großdemonstrationen wie die Gay Pride wurden dieses Jahr nun schon zum zweiten Mal in Folge verboten. Viele LGBT-freundliche Journalisten sind verhaftet oder zensieren sich selbst. "Wir gelangen kaum noch ins Fernsehen. Der einzige Kanal, in dem wir sprechen können, ist Social Media", sagt Sedef.

"Wenn ich nicht zur Bewegung gehören würde, wäre ich sehr depressiv und würde versuchen, das Land zu verlassen", sagt Mehmet. Viele seiner Freunde sind in den vergangenen Monaten schon gegangen, ein Freund bekam Asyl in Deutschland.

"Aber weil ich für eine Organisation arbeite, habe ich immer noch Hoffnung. Selbst wenn wir das Land nicht ändern können, können wir uns gegenseitig unterstützen. Daran glaube ich."

Auch Sedef kämpft: "Wir haben gemerkt, dass es uns noch depressiver macht, alleine zu Hause zu bleiben. Und dass es besser ist, hinaus zu gehen und unter Menschen zu sein. Ich denke das war einer der Gründe, warum so viele Leute zu der Demonstration kamen." Daran nahmen auch Türken teil, die nicht zur LGBT-Community gehörten, Kollegen aus ihrer Partei CHP zum Beispiel.

"Das gibt mir Hoffnung!" sagt Sedef. "Und das ist wichtiger als Justizminister, die sich nicht um unsere Probleme kümmern. Denn diese Minister werden irgendwann gehen. Aber die Gesellschaft bleibt. Deshalb dürfen wir nicht aufhören, für mehr Solidarität zu kämpfen."


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