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"Ich dachte immer, ich wäre alleine."

Rayan krümmt seine Finger, bis die Knöchel weiß hervortreten. Er presst sie in seine Knie, die Erinnerungen schmerzen. Dann erzählt der Algerier trotzdem von dem Moment, in dem er zum Raqi musste.

Raqi, so nennt man im Arabischen Wunderheiler, Teufelsaustreiber. Tatsächlich sind es Scharlatane. Rayans Eltern schickten ihn dorthin. Der Wunderheiler sollte ihn von seiner "Krankheit" heilen – denn Rayan ist schwul. 

Der Wunderheiler meinte, da stecke eine Frau in ihm, die man nur mit Schlägen austreiben könne, erzählt Rayan heute. "Aber er schlug mich die ganze Nacht – ohne, dass es mich veränderte."

Dass Rayan über seine Erfahrungen spricht, ist eine Besonderheit – denn die LGBT-Community bleibt im Nahen Osten oft unsichtbar.

Nun erzählen 18 Aktivistinnen und Aktivisten aus zehn arabischen Ländern ihre Geschichte. Es sind Geschichten über Verfolgung und Ausgrenzung, aber auch über Mut und Toleranz. 

"No Longer Alone" – Nicht länger allein – heißt die Videoserie. Die Arabische Stiftung für Freiheit und Gleichberechtigung AFE hat sie gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zusammengetragen. Junge Frauen und Männer berichten, wie es ist, gleichgeschlechtlich zu lieben – oder sich im Körper eines anderen zu fühlen. Und das in einer Gesellschaft, die ihnen dafür keinen Raum gibt.

Das sind ihre Geschichten:

Eigentlich ist Homosexualität im Koran gar nicht verboten, es gibt aber eine Passage, die Unzucht verurteilt. Viele konservative Gelehrte nutzen diesen Teil, um vor allem Schwule zu verfolgen. Unter anderem in Iran, im Jemen, dem Sudan und Saudi-Arabien steht Homosexualität unter Todesstrafe

In anderen Ländern werden Schwule immer wieder stigmatisiert. Erst kürzlich warnte das Auswärtige Amt vor Methoden des ägyptischen Geheimdienstes: Sie erstellen in Dating-Apps Fake-Profile, um Jagd auf Schwule zu machen (bento). Das islamisch geprägte Tschetschenien soll sogar dutzende Schwule verfolgt und in Lager gesperrt haben (bento).

In arabischen Medien wird oft von einer "homosexuellen Krankheit" gesprochen, muslimische und christliche Prediger in den konservativen Ländern warnen regelmäßig vor einem Sittenverfall.

Das ist vor allem eine Form von Unterdrückung, sagt die Sexualforscherin Shereen El Feki. Viele arabische Länder sind Diktaturen oder Autokratien, die Bevölkerung wird klein gehalten: 

Herrscher wissen, dass Sex ein Instrument für Macht ist und versuchen daher, das Sexualverhalten ihrer Gesellschaften zu kontrollieren.
Shereen El Feki
  • Die Regeln sind einfach: Kein Sex vor der Ehe, nur Hetero-Beziehungen, am besten mit dem Einverständnis der Eltern.
  • Die Realität ist aber schon längst weiter: Junge Araber daten sich, haben Sex, in allen Konstellationen. 

Viele LGBT-Aktivistinnen sehen sich nicht mehr als Opfer der Gesellschaft, sondern erobern sich ihre eigenen Freiräume. Ein prominentes Beispiel ist Hamed Sinno, Sänger der Band Mashrou’ Leila

Der Name bedeutet "Projekt der Nacht", die Band thematisiert Homosexualität in ihren Texten. Hamed selbst bezeichnet sich als queer und ist im Videoprojekt ebenfalls dabei. In vielen arabischen Ländern sind seine Bandauftritte mittlerweile untersagt, trotzdem werden sie immer erfolgreicher.

"Ich fühlte mich lange wie ein Freak", sagt Hamed jetzt. "Bis ich irgendwann verstanden habe, dass nicht ich das Problem bin, sondern die anderen." Nun oute er sich – und merke, wie es ihn befreie. Immer mehr junge Araberinnen und Araber blicken wie er entspannter auf ihre Sexualität, es ist eine Generationenfrage.

Auch die Aktivistin Rima sagt:

Religiöse, die Regierung und deine Eltern wollen dir sagen, was zwischen deinen Beinen passieren darf. Ich sage dir: Es geht sie nichts an!

Klar, wirklich frei sind Homosexuelle, Lesben und Transmenschen in der Region noch lange nicht. Die Videoserie wird von einem 75-seitigen Bericht begleitet. 

  • Dessen Kernaussage: Die Verfolgung ist real, der Druck durch die Gesellschaft auch. 

Aber gleichzeitig tragen Social-Media-Kampagnen dem Bericht zufolge dazu bei, dass ein Umdenken stattfindet. Immer seltener landen gleichgeschlechtliche Beziehungen als "Unzucht"-Fälle vor dem Richter.

Das beste Signal setzen die Aktivistinnen und Aktivisten im Video selbst. 

Für das Wort "homosexuell" gibt es im Arabischen unterschiedliche Begriffe, die meisten sind abwertend. Und es gibt das neutrale Wort "gleichgeschlechtlich", "mithli l-dschins". 

Im Video benutzen alle dieses Wort, allerdings nur den Teil "mithli" – und das bedeutet schlicht: "Ich bin wie ich."


Gerechtigkeit

Fünf Männer missbrauchen eine Frau – ganz Spanien rebelliert
Das ist die spanische MeToo-Bewegung.

Eine 18-jährige Frau wird von fünf Männern nach einem Stadtfest in einen dunklen Hausflur gedrängt, alle fünf zwingen sie zum Oralsex, zwei zwingen sie zum Vaginalverkehr, einer zum Analsex.

Diese fürchterlichen Szenen spielten sich 2016 im spanischen Pamplona ab. Die Täter nannten sich in ihrer WhatsApp-Gruppe "la manada" – das Wolfsrudel. Sie stahlen der Frau das Handy, ließen sie auf einer Bank nahe des Hauses zurück. Eine Polizistin fand sie schließlich. "Lass mich nicht alleine, bitte", flehte die Frau die Polizistin an.

Der Fall sorgte in Spanien für großes Aufsehen. Am Donnerstag haben nun die Richter ihr Urteil gefällt: Die Männer sind keine Vergewaltiger. Es habe sich lediglich um sexuellen Missbrauch gehandelt. Neun Jahre Haft für jeden Täter. 

Dann kam die Welle der Wut. Zehntausende Spanierinnen protestierten direkt nach dem Richterspruch, gingen spontan auf die Straßen. "Es war keine Belästigung, es war Vergewaltigung" stand auf ihren Protestplakaten. Der Tenor: Müssen wir erst sterben, damit man uns glaubt?

Auf Twitter verbreitet sich inzwischen #CuéntaLo – "Erzähl es". Unter dem Hashtag berichten hauptsächlich Frauen seit dem Wochenende, wie Männer sie sexuell belästigt, zusammengeschlagen, vergewaltigt haben. In den Medien spielt kaum ein anderes Thema mehr eine Rolle. Spanien erlebt gerade seinen MeToo-Moment.