Heidi Klum sucht wieder schöne und talentierte Menschen. Bei ihrer neuen Show "Queen of Drags" geht es allerdings nicht um junge Frauen, sondern Dragqueens – also meist Männer, die geschminkt und aufwendig verkleidet mit Geschlechter-Stereotypen spielen. Gemeinsam mit "Tokio Hotel"-Sänger Bill Kaulitz und der Dragkünstlerin Conchita Wurst sitzt Klum in der Jury, die in der Pro-Sieben-Show "Deutschlands beste Dragqueen" sucht.

In den USA ist die Sendung "RuPaul's Drag Race" schon seit Jahren ein großer Erfolg. Aus der queeren Show auf einem Nischenkanal ist inzwischen eine globale Marke geworden. Doch dass die deutsche Adaption von Heidi Klum moderiert werden soll, gefällt nicht allen: Zwei deutsche Drag-Aktivistinnen sammeln inzwischen Unterschriften für eine Heidi-Klum-kritische Petition. In ihr wird vor der "Zurschaustellung übelster Klischees" gewarnt und eine andere Jury-Zusammensetzung gefordert. Das Portal Queer.de hatte zuerst darüber berichtet

Die Dragkünstlerin "Ryan Stecken" ist eine der Initiatorinnen der Petition "Kein Foto für Heidi". Bento hat mit der Berlinerin über ihre Kritik gesprochen und sie gefragt, was sie genau an der geplanten Sendung stört.

Die beiden Drag-Künstlerinnen Ryan Stecken und Margot Schlönzke fürchten, dass die Casting-Show voyeuristisch wird und queere Menschen vorführt. 

(Bild: privat)

bento: Die Sendung von Heidi Klum ist noch gar nicht gestartet. Warum sammelt ihr schon Unterschriften dagegen?

Ryan Stecken: Wir wollen, dass Heidi Klum Platz macht. Sie sollte in der Show queeren Menschen den Vortritt lassen. Wir fände es besser, wenn Conchita Wurst die Sendung moderiert – oder jemand anderes, der für queere Kunst steht, beispielsweise Ralf Morgenstern oder Hella von Sinnen. Es ist ja eine Drag-Show und keine Model-Show.

Heidi Klum muss eurer Meinung nach weg?

Nein. Es geht gar nicht darum, Heidi Klum wegzumobben. Sie kann gerne dabei sein, mit ihrer Kompetenz als Model und Designerin. Wir mögen Heidi! Aber sie ist eine heterosexuelle Frau, die mit der Drag-Kultur keine Berührungspunkte hat, außer, dass sie mal auf dem CSD war. 

Können Menschen, die nicht schwul, lesbisch oder trans sind, überhaupt Teil der Drag-Szene sein?

Klar. Man muss nicht queer sein, um ein Ally zu werden, also ein Verbündeter. Ich freue mich immer, wenn wir gesehen werden. Wir sind ja nicht freiwillig in Nischen gegangen, sondern wurden ausgegrenzt und werden es oft immer noch. Zum Glück gibt es in der Gesellschaft inzwischen mehr Support.

Ich glaube Heidi Klum zum Beispiel, dass sie unsere Anliegen unterstützt. Aber sie sollte eben auch merken, wann man auch einmal einen Schritt zur Seite gehen muss. 

Was denkst du darüber, dass Conchita Wurst auch Jurorin ist?

Ich bin sehr glücklich. Sie ist ein großes Vorbild und kennt die Szene. Viele junge Menschen haben sich durch sie zum ersten Mal öffentlich verstanden gefühlt. Mit ihren Äußerungen hat sie viel für die Sichtbarkeit von queeren Menschen getan. Sie kennt den Dunstkreis von RuPaul auch ganz gut und ist von vielen Drags umgeben. Ich denke, dass sie sich ihrer Verantwortung bei "Queen of Drags" bewusst ist.

Drag-Themen sind seit einer Weile beliebt. RuPaul's Drag Race wird mittlerweile auch von vielen Heteros geschaut, über Kinder-Drags haben im vergangenen Jahr selbst eher konservative Medien berichtet. Jetzt interessiert sich auch ProSieben für Drags. Woher kommt diese Aufmerksamkeit?

Der aktuelle Hype begann wirklich mit RuPaul's Drag Race, übrigens eine Sendung, die von einem schwarzen schwulen Mann moderiert wird, der aus der Szene kommt. Bei vielen Drag-Shows sind heterosexuelle Frauen inzwischen wohl die die größte Fan-Base.

Ich denke, die Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen und Rollenbildern beschäftigt mittlerweile viele Menschen. Abgesehen davon machen viele Dragqueens und Dragkings einfach eine ziemlich gute Show.

2014 warst du selbst bei "Deutschland sucht den Superstar" – wie hast du das Konzept Casting-Show damals erlebt?

Es war sehr schwierig. Ich war selbst noch nicht lange als Dragkünstlerin aktiv und wusste vieles noch nicht. Viele Kommentare waren hart: Du bist abartig, du bist widerlich. Wenn ich dich sehe, muss ich kotzen. So etwas hatte davor noch nie jemand zu mir gesagt. Ich stand enorm unter Druck. Wenn man sich die Folgen heute anschaut, sieht man, dass ich in fast jeder Episode einmal geheult habe.

Drei Jahre später bin ich dann noch einmal angetreten und es war schon viel besser. Ich glaube, Conchita Wurst hat wirklich vieles verändert. Auch deshalb hoffe ich, dass "Queen of Drags aus dem Thema keine Freakshow macht. 

Du nennst dich selbst Dragquing, was für ein Konzept steckt eigentlich dahinter?

Quing ist eine Mischung aus King und Queen. Ich mache also genderneutrales Drag, wenn man so will. Inzwischen geht es oft in eine sehr alienhafte Richtung. Ich habe das bei einigen Dragqueens gesehen und dachte mir, das möchte ich auch. Grundsätzlich sollte es einfach egal sein, welche Geschlechtsidentität wir haben. Wichtig ist doch nur, dass es sich gut anfühlt.

*Ryan Stecken wollte dieses Interview unter ihrem Künsternamen führen. 


Gerechtigkeit

Kira ist die jüngste Europaabgeordnete aller Zeiten – wie ist es, 21 und Parlamentarierin zu sein?
"Auf eine Art habe ich Geschichte geschrieben, aber ich fühle mich immer noch total normal"

Vor Kurzem studierte Kira-Marie Peter-Hansen noch Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kopenhagen. Jetzt ist sie die jüngste Europa-Abgeordnete aller Zeiten. Nur um einen Monat – so knapp hat Kira die letzte Rekordhalterin geschlagen. Die Deutsche Grüne Ilka Schröder zog 1999 ins EU-Parlament – auch mit 21.

Kira ist seit vier Jahren bei den dänischen Grünen, der "Sozialistischen Volkspartei". Sie war auf Platz drei der Liste zur Europawahl. 

Die Partei gewann zwei Plätze, aber ihr Vorgänger lehnte ab – und Kira rückte nach. Schon ein paar Tage nach der Wahl flog sie zu den ersten Sitzungen nach Brüssel. Offizielle Abgeordnete ist sie aber erst ab dem 2. Juli, wenn das Europaparlament in die neue Legislaturperiode startet.