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Ans Meer fahren, am Strand entspannen, Sightseeing betreiben – Urlaub ist schön, aber noch schöner mit einer Partnerin oder einem Partner an der Seite. Doch für queere Menschen ist ein entspannter Urlaub ein oft nur schwer umsetzbares Vorhaben – weil alles, was von der Heterosexualität abweicht, in vielen Ländern noch immer strafbar ist. 

In 70 Staaten, darunter auch beliebte Reiseziele wie die Malediven (Auswärtiges Amt), sind homosexuelle Handlungen ein Verbrechen. In einigen Ländern droht schlimmstenfalls sogar die Todesstrafe.

Laut "Gay Travel Index 2019" sind Portugal, Schweden und Kanada derzeit die "LGBT-freundlichsten" Länder, Deutschland ist von Platz 3 auf Platz 23 gerutscht – auch in Brasilien und den USA hat sich die Situation für queere Menschen verschlechtert. 

Was ist der "Gay Travel Index"?

Der Gay Travel Index (GTI) ist ein Veränderungsindex, der die Entwicklungen für queere Menschen in verschiedenen Ländern über mehrere Jahre nachzeichnet. Für den Entstehungsprozess entscheidende Faktoren: Bürgerrechte, Diskriminierungen, Gefährdungen durch Verfolgung, Gefängnisstrafen oder die Todesstrafe. Zu denen im "Gay Travel Index" ausgewerteten Quellen gehören die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch", die UN-Kampagne "Free & Equal" und ganzjährig gesammelte Informationen über Menschenrechtsverletzungen gegenüber Mitgliedern der LGBT-Community. 

Wie sieht Urlaub bei queeren Menschen wirklich aus?

Wir haben in unserer Facebook-Gruppe "Queer in Deutschland" nachgefragt, worauf die Mitglieder beim Reisen achten, welche Länder sie meiden  – und welche Reiseziele sie anderen queeren Menschen empfehlen.

Queer in Deutschland

Du lebst queer oder interessierst dich für das Thema? In unserer Facebook-Gruppe diskutieren wir über queeres Leben in Deutschland. Hier kannst du Mitglied werden.

Wir nehmen nur Menschen in unsere Community auf, die ein echtes Interesse an LGBTQ-Themen zeigen und noch im bento-Alter sind. Ein vertrauter Austausch ist uns wichtig. Deswegen kann es manchmal etwas dauern, bis neue Anfragen beantwortet werden.

Jessica:

Kurz gesagt: Wir informieren uns vorab über die jeweiligen Befindlichkeiten im Lande, passen unser Verhalten an oder verzichten auf das Reiseziel, wenn die "Gefahr" doch zu hoch ist oder wir den politischen Standpunkt so gar nicht mehr vertreten könnnen. Das klappt bisher ganz gut. 

Wenn wir unterwegs sind, achten wir darauf, niemandem offensichtlich zu zeigen, dass wir ein Paar sind. Wir laufen dann nicht ständig Hand in Hand durch die Gegend und müssen uns auch nicht andauernd küssen. Wir sind dann einfach dezenter. Nicht weil uns das unangenehm ist, sondern aus Respekt.

Nicht alle Menschen – vor allem diejenigen nicht, die durch menschenverachtende Politik geleitet werden – können mit Homosexualität umgehen. Es ist leider nach wie vor nicht Alltag, nicht einmal hier in Deutschland. Obwohl wir angeblich so "modern und bunt" sind. Es gibt Länder, die damit wesentlich lockerer umgehen. In London oder Prag zum Beispeil hatte ich nie Probleme.

Auch in Paris und Barcelona nicht. Und ja, das sind alles Metropolen, aber wir leben in Berlin und selbst da werden wir häufig noch schräg angeguckt. Ich denke, es braucht noch viel viel Zeit – und solange Menschen wie Trump oder Putin ganze Völker leiten dürfen, wird es immer ausreichend Gegenwind geben. Unser nächstes Ziel ist jedenfalls Thailand!

Eric:

Ich muss sagen, dass ich nicht wirklich auf die Situation in den Ländern achte. Ich reise in die Länder, auf die ich Lust habe und die mich interessieren. Ich denke, dass sich das Reisen für einen queeren Single doch schon vom Reisen mit einem Partner unterscheidet.

Als Single besteht meine einzige Einschränkung darin, dass ich in Regionen wie Russland und den Vereinigten Arabischen Emriaten die einschlägigen Apps für Schwule vorsichtiger/umsichtiger genutzt habe als in Deutschland. Mit einem Partner würde ich in der Öffentlichkeit keinen Körperkontakt suchen.

Caro:

Ich möchte mich grundsätzlich nicht verstellen. Aus diesem Grund würden wir niemals auf die Malediven fliegen. Wir fliegen wieder nach Makadi Bay, einen ägyptischen Ferienort. Dort hatte niemand ein Problem mit unserer Homosexualität, aber wir hängen auch nicht permanent aufeinander. Bei einem Städtetrip haben wir uns als Schwestern ausgegeben, das hat gut funktioniert. 

Daniel:

Also wir reisen nur in Länder, die "sicher" sind und in Länder, in denen Menschenrechte auch eine Rolle spielen. Russland und die Türkei sind für uns also beispielsweise keine Reiseziele. Es ist auch nicht so, dass wir unsere Sexualität überall groß ausleben und zeigen. Aber ich möchte schon ohne komische Blicke die Hand meines Partners halten können – ohne mir darüber Gedanken zu machen, was passieren könnte, wenn uns jemand sieht.


Gerechtigkeit

Warum es was anderes ist, wenn Weiße auf Reisen gefragt werden, ob sie #vonhier sind

Akku leer, fremde Großstadt und in genau elf Minuten fährt der ICE. Aber wo ist der verdammte Bahnhof?

Wen man in diesem Fall nicht nach dem Weg fragt: Leute mit Kameras. Leute in Grüppchen, die einem Regenschirm hinterherlaufen. Taxifahrer. Was man zuerst fragt, um das Gespräch abzukürzen: Entschuldige, bist du von hier?

Über diese Frage tobt seit Tagen ein Streit auf Twitter. Ist es rassistisch, jemanden zu fragen, ob er #vonhier ist? Die Journalistin Ferda Ataman hat die Debatte gestartet. Sie nennt Menschen, die penetrant nachhaken, Herkunftsdetektive.

Was genau an der Frage nach der Herkunft problematisch ist, haben nicht-weiße Menschen schon mal erklärt (bento). Und dann nochmal (SPON). Und nochmal (SPON). Und nochmal (bento). Und nochmal (bento).

Auf Twitter zeigt sich eine neue Facette der Debatte: Weiße Menschen sagen, ihnen werde die Frage auch gestellt – vor allem auf Reisen. Wo ist da der Unterschied?

Mal ehrlich: Auch, wenn man nicht den Bahnhof sucht ist "Wo kommst du her?" ähnlich wie "Was machst du so?" ein ziemlich naheliegender Gesprächseinstieg.

Der Kellner in Rom, die Surflehrerin in Spanien, der Taxifahrer in Paris – sie alle sind neugierig und wollen wissen, wo du herkommst.

Die Frage begegnet nicht nur Menchen, die nicht weiß sind:

  • "Als ich ein Jahr in den USA war wurde ich sehr oft gefragt, wo ich herkomme. Hat mich das gestört? Nein. Hatte ich es nötig mich selbst in die Opferrolle zu drängen? Nein. Kam öfters ein nettes Gespräch dabei raus. Ja." (Twitter)
  • "Ich habe jahrelang und in verschiedenen Ländern außerhalb Deutschland gelebt. Die Frage nach meiner Herkunft kam auch immer. Weil ich entweder anders aussah (China) oder einen leichten Akzent hatte (englisches Ausland) ich war nie beleidigt." schreibt @Noregmothoodbut 

Und auch Menschen mit Migrationshintergrund sehen die Debatte kritisch:

  • Die Journalistin Mariam Lau sagt: "Leute fragen einen, wo man herkommt. Wo die Eltern herkommen. Wann man das letzte Mal da war. SO WHAT? Man nennt es Interesse. Man nennt es Konversation!" (Twitter)

Auch in Großstädten wie Berlin wird man ständig, standardmäßig und unabhängig von der Hautfarbe gefragt, ob man #vonhier kommt. Gefühlt kommen nämlich alle von anderswo. Irritation gibt es erst, wenn das gegenüber tatsächlich aus Berlin kommt. Moment mal: Echt jetzt? So richtig aus Berlin? Und wie war das so, die harte Berliner Kiez-Kindheit?

Der entscheidende Punkt: Wer wird wo, von wem, warum – und wie oft gefragt?

Eine schwarze Bekannte aus Ruanda freut sich immer  heimlich über die Frage. Denn sie kommt tatsächlich nicht #vonhier. Aber sie liebt Ruanda: Grüne Hügel! Bestes Essen! Und die Musikszene in Kigali!

So geht es mir auch. Klar darf man wissen wollen, wo ich herkomme!

Ich komme aus dem Osten, wo die Butter noch nach Butter schmeckt und eigentlich fast alles etwas besser ist, als im Westen (YouTube). Sagt jemand "das hört man ja gar nicht", gibt mir das im Herzen einen kleinen Stich. Denn ich behaupte, dass Sächsisch zwar auch enorm sexy klingt, aber ganz anders als Thüringisch.

Wenn jemand nicht weiß, wo Thüringen liegt, sage ich inbrünstig: Im grünen Herzen Deutschlands. Ohne Ironie. Ich weiß, dass es die besten Bratwürste auf dem Weimarer Markt gibt, sie kommen allerdings aus Apolda. Und wer da Ketchup drauf macht, zeigt, dass er nicht #vonhier ist (oder keinen Geschmack hat).

Aber wo ist dann das Problem?

Das alles will niemand wissen. Spätestens nach zwölf Nachfragen ist klar, es geht nicht um Bratwurst, sondern um die Migrationsgeschichte meiner Eltern. Daher antworte ich auf die Woher-Frage regelmäßig: Südafrika. Das stimmt nicht, beendet aber das Gespräch.

Wer Menschen in ihrer Heimat fragt, wo sie herkommen, suggeriert: Gehörst du nicht woanders hin? Was hast du hier verloren? Hast du dich auf dem Heimweg nach Afrika verlaufen?

Deswegen ist es nicht dasselbe, wenn der Typ in der Bar im Urlaub wissen will, ob du #vonhier  bist.

Denn die Frage trifft dich als Touristin, an einem Ort, an dem du nicht zu Hause bist und zu dem du dich auch nicht zugehörig definierst. Du beantwortest die Frage einmal – und der Kellner ist zufrieden.

Die Menschen auf Twitter berichten von Situationen, die sie in ihrer Heimat erlebt haben, nachdem sie ohnehin schon viele Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben. Und eine Antwort reicht meistens auch nicht: