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Früher versteckte die Schauspielerin ihr Lesbisch-Sein, heute geht sie offensiv damit um.

Es ist nicht leicht, In Hollywood zu seiner Homosexualität zu stehen. Selbst wenn – oder gerade weil? – man eine junge, erfolgreiche Frau ist, die bereits für den Oscar nominiert wurde ("Juno"), in erfolgreichen Superhelden-Filmen dabei war ("X-Men – Der letzte Widerstand") und von Regielegenden wie Woody Allen ("To Rome With Love") engagiert wird.

Die Kanadierin Ellen Page, 29, weiß das inzwischen. Im Februar 2014 äußerte sie sich erstmals in einer bewegenden Rede öffentlich zu ihrer Homosexualität. Damals steckte sie schon mitten in den Vorbereitungen zu ihrem aktuellen Film "Freeheld". Ein Drama über das Lesbenpaar Laurel und Stacie, das auf wahren Ereignissen beruht. Ellen Page ist neben Julianne Moore nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Produzentin des Films.

In der Fotostrecke: Ellen Page und ihre Freundin feiern den neuen Film
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Genauso konsequent, wie Ellen Page ihr Lesbisch-Sein früher versteckte, geht sie nun offensiv damit um. Auf Instagram postet sie neben Fotos von ihrem Hund auch regelmäßig Selfies mit Lebensgefährtin Samantha Thomas, einer Künstlerin. Und für die Doku-Reihe "Gaycation" reiste sie mit ihrem schwulen Kumpel Ian Daniel um die Welt, um zu sehen wie homofreundlich es in Japan oder Jamaica zugeht.

Wir trafen Ellen Page in Toronto zum Interview.
Ellen, dein neuer Film "Freeheld" erzählt vom Kampf eines lesbischen Paares um gleiche Rechte im Jahr 2005. Zehn Jahre später, kurz vorm US-Kinostart des Films, wurde die Homo-Ehe in den USA endlich vom Supreme Court legalisiert. Habt Ihr das vorhergesehen?

Das Thema lag in der Luft. Die Unterhaltungsindustrie ist ja in der Regel ein Spiegel dessen, womit sich die Kultur und die Gesellschaft auseinandersetzen. Dass im vergangenen halben Jahr etliche Filme erschienen, die sich mit LGBT-Themen beschäftigten, ist also die Reflexion eines kulturellen und gesellschaftlichen Umbruchs. Schon vor dem Gerichtsurteil hatte sich die öffentliche Meinung längst zugunsten der Ehe für alle verändert, Toleranz und Interesse für schwul-lesbische Geschichten wuchsen. Darauf reagiert unsere Industrie.

In der Fotostrecke: So präsentiert sich Ellen Page auf Instagram
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Läuft es auch andersherum? Können Film und Fernsehen die Gesellschaft verändern?

Manchmal sicherlich. Je mehr LGBT-Geschichten das Publikum sieht, desto selbstverständlicher geht es mit dem Thema um. Aber das geht auch nicht immer über Nacht. Erinnern Sie sich an das Coming-Out von Ellen DeGeneres? Die verlor damals ihre Sitcom und arbeitete vier Jahre lang nicht. Heute hat sie die wahrscheinlich meistgesehene Nachmittags-Talkshow Amerikas. Sie ist nur eine einzelne Person, aber wenn sie über Homo-Themen spricht, dann hat das eine enorme Wirkung. Auch Serien wie "Will & Grace" oder "Modern Family" haben viel verändert. Ganz zu schweigen von "Orange is the New Black" und spezielle Laverne Cox, wenn es um Trans-Akzeptanz geht.

Ellen DeGeneres mit ihrer Frau Portia de Ross
Wie hat sich dein Leben verändert seit dem eigenen Coming-Out 2014?

Zu 100 Prozent und ausschließlich auf positive Weise. Ich hatte damals natürlich erwartet, dass ich nach dem öffentlichen Coming-Out glücklicher sein würde. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich so viel glücklicher sein würde. Ich fühle mich wie ein anderer Mensch.

Beruflich hatte die Entscheidung keine negativen Auswirkungen?

Nein, mir geht’s auch bei der Arbeit besser. Einfach weil ich glücklicher bin. Ich hatte für eine ganze Weile meine Begeisterung und meinen Ehrgeiz in Sachen Schauspielerei verloren. Doch nach dem Coming-Out fühlte ich mich wieder inspiriert und spürte kreative Energien. Ich will wieder Geschichten erzählen, will produzieren. Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass sich an meinen Rollenangeboten rein gar nichts ändert, jetzt wo ich als lesbische Schauspielerin bekannt bin. Aber bislang sind noch kaum Nachwirkungen zu spüren, deswegen warte ich mal ab und bin weiter glücklich.

Wunderst du dich im Nachhinein, dass du dich nicht viel früher zum Coming-Out entschieden hast?

Was heißt wundern... Zwei Jahre später ist es kaum noch vorstellbar, nicht out zu sein. Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs, verschwende ich keinen Gedanken daran, wie es war, als ich diese Seite meines Lebens versteckt habe. Aber natürlich weiß ich noch, wie das war. Welche Ängste und Vorstellungen ich hatte. Der Druck, den ich mir damals gemacht habe, war enorm, und ich war wirklich überzeugt davon, dass so ein Schritt sich unmöglich mit meiner Karriere würde vereinbaren lassen.

Du hattest Angst, nicht mehr zu arbeiten?

Irgendwie schon. Niemand sagt einem das offen ins Gesicht, aber es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass man seine Karriere vergessen kann, wenn man in Hollywood als junger erfolgreicher Schauspieler offen zu seiner Homosexualität steht. Deswegen macht es ja kaum einer, deswegen wiederum gibt es kaum Fälle, die uns eines besseren belehren.

Ellen Page in "Juno"
Warst du dir selbst deiner eigenen Identität stets bewusst?

Natürlich war ich auch als junger Erwachsener damit beschäftigt herauszufinden, wer ich wirklich bin. Das ist nicht einfach, wenn man im Alter von 20 Jahren plötzlich über Nacht seine Anonymität verliert, so wie es mir durch den Erfolg von "Juno" ging. Aber schon damals war ich in einer Beziehung mit einer Frau, die ich sehr geliebt habe. Ich war nur vollkommen überfordert damit, das mit meinem neuen beruflichen Leben zu vereinen.

Freeheld: Wie ist der Film?

Die Erwartungen an "Freeheld" waren hoch. Nicht nur ist der Film ein Herzensprojekt von Hauptdarstellerin und Mit-Produzentin Ellen Page, sondern die ihm zugrunde liegende wahre Geschichte bewegend und relevant. Doch leider bleibt die von Kitschmusik getränkte Inszenierung oberflächlich und lieblos, die Dialoge sind flach wie bei einer Seifenoper. Und so wird der Film über die Liebe eines lesbischen Paares, das 2005 nicht nur gegen den Krebs, sondern auch für gleiche Rechte kämpft, weder der Prämisse noch den sehenswerten Schauspielern gerecht wird.

Erfolgreiche Schauspielerinnen werden immer auch nach ihrem Privatleben befragt. Wie gingst du damals damit um?

Ich glaube, ich war noch nicht berühmt genug, um ständig gefragt zu werden, ob ich meinen Traummann schon gefunden habe. Wollen Sie irgendwann einmal heiraten und Kinder bekommen? Das kam ab und zu mal, und darauf konnte ich wahrheitsgemäß antworten: ja, sicher, vielleicht. Hätte mich jemand direkt gefragt, ob ich lesbisch sei, hätte ich es nicht geleugnet.

Man könnte auch argumentieren, dass das Privatleben sowieso niemanden etwas angeht...

Sicher, und es bleibt jedem selbst überlassen, zum Beispiel auf ein Coming-Out zu verzichten. Aber: Ich sehe eigentlich nie heterosexuelle Schauspieler, die mühsam ihre sexuelle Orientierung verstecken, damit sie nicht darüber sprechen müssen. Für mich geht es da um eine unfaire Doppelmoral, die ziemlich destruktiv wirkt. Zumindest war sie es in meinem Fall so. Ganz gleich ob mein Privatleben jemanden angeht oder nicht, war dieses Versteckspielen Gift für mich. Ich fühlte mich unwohl, war traurig und verlor sogar das Interesse an meinem Beruf. Mir kann keiner erzählen, dass es nicht zum Problem wird, wenn man dauerhaft versteckt, wer man wirklich ist.

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