Die Ehe für alle wird kommen. Am Mittwochmorgen hat der Rechtsausschuss des Bundestags mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei eine entsprechende Gesetzesvorlage beschlossen, am Freitag wird die tatsächliche Abstimmung stattfinden. Eine Mehrheit für die Ehe für alle gilt als sicher.

Jahrelang wurde die Entscheidung hinausgezögert, jetzt geht alles plötzlich ganz schnell.

Was sagen Queere dazu? Freuen sie sich, dass sie bald genauso behandelt werden wie heterosexuelle Paare? Oder fühlen sie sich als Spielball politischer Kalkulationen? Wir haben sie gefragt.

Niklas, 28, PR- und Event-Manager aus Kiel
Niklas (rechts) und sein Freund(Bild: Privat)

"Ich habe gerade richtig gute Laune. Die Entwicklung hätte für mich zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können: Noch am Wochenende war ich mit meinem Freund auf der Hochzeit einer Freundin, die katholisch ist

Im Gottesdienst verlas der Priester Briefe aus dem Evangelium, in denen durchschien, dass die Ehe nur etwas zwischen Mann und Frau sein soll. Vorher hatte ich gedacht, dass ich da drüberstehen würde. Tatsächlich fühlte ich mich aber wie ein Außenseiter – so, als ob ich zu einem Club gehöre und der Rest der Gäste zu einem anderen.

Ich komme aus einem intakten Elternhaus. Ich konnte mir schon immer vorstellen zu heiraten, noch bevor feststand, ob Mann oder Frau. Für mich ist die Ehe ein Weg, der Gesellschaft zu zeigen: Dieser Mensch gehört zu mir. 

Wenn die Ehe für alle jetzt eingeführt wird, kommt für mich noch ein politischer Aspekt hinzu: Die Hand, die uns das Gesetz reicht, sollten wir auch annehmen. Schließlich ist es längst nicht in allen Teilen der Welt selbstverständlich, dass Homosexuelle heiraten dürfen. Deshalb finde ich: Jetzt, wo wir heiraten dürfen, sollten wir es auch tun.

Marie, 29, Grundschullehrerin aus Hamburg
(Bild: Privat)

"Für mich ist die Ehe für alle wichtig, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden. Viele LGBT-Menschen werden leider immer noch ausgegrenzt, sei es unterschwellig durch Bemerkungen oder offensichtlich durch Beleidigungen und Taten.

Ich hoffe, dass sich auch durch die Ehe für alle immer mehr Menschen daran gewöhnen, dass es gleichgeschlechtliche Lebensformen gibt – und dass sie normal sind. Sexualität ist keine Entscheidung.

Ich kann die Ängste der Menschen vor Unbekanntem bis zu einem gewissen Grad verstehen. Aber inwieweit beeinträchtigt es das Leben der Ehe-für-alle-Gegner, wenn ein gleichgeschlechtliches Paar heiratet? 

„Und wieso soll die Ehe für alle einen kulturellen Niedergang bedeuten?“

Ich höre auch oft das Argument, 'Kinder brauchen eine Mutter und einen Vater'. Aber ich sehe jeden Tag in meinem Beruf: Was Kinder vor allem brauchen, sind liebevolle und zuverlässige Bezugspersonen, die sie zu selbstbewussten Menschen erziehen. Das können zwei Frauen oder zwei Männer ebenso leisten wie ein heterosexuelles Paar oder ein alleinerziehendes Elternteil. 

Jahrelang hat Angela Merkel ihr Nein zur Ehe für alle mit einem 'unguten Gefühl' begründet. Es freut mich, dass sie jetzt offenbar ein besseres Gefühl hat. Natürlich kommt die Entscheidung zu einem strategischen Zeitpunkt. Trotzdem ist für mich die Abstimmung ein Zeichen für Offenheit und Fortschritt. So richtig freuen kann ich mich allerdings erst, wenn die Abstimmung am Freitag tatsächlich positiv ausfällt."

Stefan, 29, Journalist aus Hamburg

"Mich nervt das ganze politische Gerede über die Ehe für alle: Hat Merkel nun aus taktischen Gründen ihre öffentliche Meinung geändert? Ist es politisches Kalkül, dass ausgerechnet jetzt, ein paar Monate vor der Bundestagswahl, über die Ehe für alle abgestimmt wird?

„So what? “

Mir persönlich ist total egal, wer jetzt aus welchen Gründen dafür ist, dass Lesben und Schwule beim Heiraten mit Heteros gleichgestellt werden – wichtig ist doch, dass es endlich passiert!"

Philipp, 31, Moderator aus Gütersloh
(Bild: Kai Uwe Oesterhelweg)

"Ich hätte nicht geglaubt, dass das unter Angela Merkel als Kanzlerin doch noch passieren würde. Wenn man sie und ihre Politik kennt, ist es aber auch nicht wirklich überraschend: Sie war auch gegen den Atomausstieg, gegen die Maut, gegen den Mindestlohn.

Ich glaub, sie wollte die Entscheidung über die Ehe für alle bis nach der Wahl hinausschieben. Deshalb finde ich es gut, dass die SPD auf einer sofortigen Abstimmung bestanden hat. Wir können uns bei den Grünen, der SPD und den Linken bedanken.

Man kann das alles Wahlkampftaktik nennen, aber ich habe mit vielen schwulen und lesbischen Freunden gesprochen und wir sind einfach alle froh, dass die Ehe für alle kommt.

„Wie das läuft und wer dahinter steckt, ist uns eigentlich egal.“

Mir persönlich ist Heiraten gerade gar nicht so wichtig. Ich bin seit vier Jahren mit meinem Freund zusammen und der Tag wird sicherlich kommen. Aber momentan verspüren wir keinen akuten Wunsch.

Aber es gibt einfach keinen Grund, warum Menschen, die sich lieben, das nicht dürfen sollten. Es geht um Gerechtigkeit."

Sandra, 28, und Sabina, 27, aus Berlin
(Bild: Privat)

Sabina: "Als ich hörte, dass Merkel plötzlich für die Ehe für alle ist, habe ich mich ein bisschen verarscht gefühlt, um ehrlich zu sein. Ich habe nur so am Rand mitbekommen, dass sie ein lesbisches Paar gesehen und sich dann plötzlich umentschieden hat. Merkel benutzt die Ehe für alle als politischen Spielball.

Sandra: "Ich war zunächst irritiert: Was soll das sein? Unter dem Label 'Ehe für alle' stelle ich mir etwas anderes vor, zum Beispiel dass man mehrere Menschen heiraten kann."

Sabina: "Die Ehe ist ja immer noch ein konservatives Konzept. Nun wird das jetzt für nicht-konservative Menschen wie uns geöffnet. Das ist okay, aber nicht das, was ich will. Ich finde es beispielsweise wichtiger, dass mehr für Trans- oder Intersexuelle getan wird."

Sandra: "Genau. Schulen etwa sollten darüber aufklären, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt. Dass man sich ein Versprechen wie die Ehe macht, finde ich aber sinnvoll. Nach dem Motto: 'Ich will für dich Verantwortung übernehmen', in rechtlichen, medizinischen oder finanziellen Fragen. Aber auf unser Leben wird das eher keinen Einfluss nehmen. Und bis konkrete Ergebnisse vorliegen bin ich ohnehin skeptisch."

Frank, 25, und Florian, 28, studieren Evangelische Theologie in Tübingen
(Bild: David Klumpp )

Frank: "Es ist schon eine Farce, dass Merkel plötzlich von der Position, die sie zwölf Jahre lang vertreten hat, abrückt. Ich glaube, sie wollte nur den anderen Parteien den Wind aus den Segeln nehmen."

Florian: "Ich kaufe ihr nicht ab, dass sie ihre Meinung geändert hat. Aber natürlich freuen wir uns sehr, dass die Ehe für alle jetzt kommt. Wir bekommen endlich die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare. Wir können endlich frei heraus sagen: Das ist mein Ehemann."

Frank: "Wir tun das auch jetzt schon – weil wir die Vorstellung und die Werte von Ehe schon leben: die gemeinsame Verantwortung füreinander, das rechtliche Aufeinanderbezogensein. Auch steuerrechtlich sind eingetragene Lebenspartnerschaften schon seit einiger Zeit gleichgestellt. Von daher ändert sich in unserer Partnerschaft nichts."

„Aber wir bekommen jetzt den vollen Respekt vom deutschen Staat.“
Frank

Florian: "Obwohl wir Theologie studieren, wurden wir selten direkt mit dem Argument konfrontiert, die Ehe für alle widerspräche der christlichen Grundordnung. Das Argument verstehe ich auch nicht: Christliche Grundordnung heißt ja gerade, allen Menschen mit demselben Respekt zu begegnen und niemanden zu diskriminieren."

Frank: "Sobald es möglich ist, werden wir unsere Lebenspartnerschaftsurkunde in eine Eheurkunde umwandeln. Wie genau das ablaufen wird, wissen wir noch nicht. Aber wir freuen uns, dass wir quasi noch mal heiraten können."

Florian: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in der Gesellschaft kaum ein Unterschied gemacht wird. Alle sprechen von Ehe, die Gesellschaft ist schon lange bereit."

Frank: "Wir freuen uns, dass das Rechtliche dem realen Leben angeglichen wird. Das ist ein historischer Moment."

Niklas, 27, Student aus Berlin

"Wenn ich die Nachrichten zur Ehe für alle lese, habe ich gewissermaßen zwei Hüte auf. Einerseits denke ich: Jeder Fortschritt ist gut, unabhängig von der Motivation. Und dieser Schritt war für Deutschland längst überfällig.

Andererseits klingt Angela Merkels Beschreibung der Ehe für alle als eine 'Gewissensfrage' auch kaum wie ein deutliches Ja.

Und ich fürchte, dass sich erst einmal alle auf die Schulter klopfen und beglückwünschen. Besser wäre es aber, diese Welle jetzt weiter zu reiten und andere dringende Themen der LGBTQ-Community anzugehen. Denn es gibt nach wie vor große Defizite – Rechte und Akzeptanz für Transpersonen beispielsweise, oder Hilfsangebote für Jugendliche."

Melanie*, 22, Jurastudentin

"Ich war ziemlich überrascht, dass es jetzt so schnell ging. Ich dachte, die Ehe für alle wird DAS Wahlkampfthema – und ich hatte vor, meine Wahlentscheidung daran zu knüpfen.

Aber jetzt denke ich mir: Es ist einfach Zeit. Eigentlich ist es hart, dass es in einem fortschrittlichen Land wie Deutschland so lange gedauert hat. Deshalb bin ich vor allem sehr glücklich und erleichtert. Wer das am Ende entscheidet, ist mir letztendlich egal – Hauptsache, die Ehe für alle kommt.

„Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, zu heiraten.“

Aber für mich ist wichtig, dass jeder und jede das selbst entscheiden kann. Wenn man von Homo-Ehe spricht oder von eingetragener Lebenspartnerschaft, macht man einen Unterschied, man spricht den Menschen so viel ab. Und was besonders wichtig ist: Mit der Ehe für alle bekommen Homosexuelle endlich die Möglichkeit, gemeinsam ein Kind zu adoptieren.

Ich habe in den vergangenen Jahren immer fleißig Petitionen unterschrieben und an andere weitergeleitet. Und ich diskutiere mit anderen offen darüber, frage auch mal nach, was genau ihr Problem damit ist. Meist sind die Gespräche aber sehr einvernehmlich.

Ich glaube, dass diejenigen, die sich gegen die Ehe für alle aussprechen, in den Facebook-Kommentaren zum Beispiel, relativ wenige sind; sie sind einfach nur besonders laut. Es gibt ja eigentlich keine stichhaltigen Argumente dagegen."

*Name geändert

Felix, 24, studiert Theaterwissenschaften in Berlin
(Bild: Privat)

"Ich fand es schwer zu glauben, dass die Ehe für alle nun plötzlich kommen soll. Merkel hat das so nebenbei im "Brigitte"-Interview erzählt, so als würde sie über Rostbraten reden. Mein Misstrauen wird wohl erst verschwinden, wenn das Gesetz wirklich beschlossen ist.

Es fühlt sich aber mega gut an, dass darüber abgestimmt werden soll. Ich wuchs in einer konservativen Gegend Baden-Württembergs auf, dort fiel es mir schwer zu erkennen, dass ich schwul bin – und dahinter zu stehen. Mit 16 habe ich mich dann geoutet und wurde von meinem Vater prompt vor die Tür gesetzt.

Ich denke, vor allem für Teenager wie mich damals hat der Beschluss eine unglaubliche Symbolkraft. Er zeigt, dass sie keine Bürger zweiter Klasse sind. Das Denken der Menschen wird sich zwar nicht schlagartig ändern, aber der Beschluss beschleunigt den Prozess. 

Und Deutschland hat doch sonst bei Themen wie Atomkraft oder erneuerbaren Energien eine unglaubliche Vorreiterrolle. Warum nicht auch bei der Ehe für alle?"

Amalas, 28, Sozialwissenschaftlerin aus Berlin

"Ich spreche lieber von gleichgeschlechtlicher Ehe als von 'Ehe für alle' – denn sie gilt ja nur für gleichgeschlechtliche Paare, nicht für alle in Deutschland lebenden Menschen.

Die gleichgeschlechtliche Ehe ist für mich ein Symbol der Gleichstellung – auch wenn sie rechtlich nicht viel ändern mag. Ich freue mich, dass dieser Schritt nun hoffentlich endlich gemacht wird. 

„Doch damit ist noch keine gesellschaftliche Akzeptanz erreicht.“

Ja, mehr Abgeordnete finden es in Ordnung, wenn gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich als queere Person frei fühle. Blicke, Kommentare und die Möglichkeit, Gewalt zu erfahren, bleiben.

Die Ehe darf nicht zu sehr als Symbol der Gleichstellung gefeiert werden, solange in Deutschland und anderswo Homofeindlichkeit Alltag ist."

Enrico, 27, Student aus Leipzig
(Bild: Privat)

"Ich freue mich über die Entscheidung, dass noch vor der Wahl über die Ehe für Alle abgestimmt wird. Damit ist 16 Jahre nach der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft endlich ein wichtiges politisches Ziel der LGBT-Bewegung erreicht.

Jetzt, in diesem Moment, beeinflusst die Entscheidung mein Leben gar nicht so sehr. Sollten mein Freund und ich uns aber mal entscheiden, zu heiraten, bedeutet es mir viel, dass der Staat unsere Beziehung in gleichem Maße als Ehe anerkennt wie eine heterosexuelle Beziehung.

Ich wünsche mir, dass LGBT-Politik von den Parteien im Bundestag jetzt nicht vergessen wird. Homophobie und Transphobie sind immer noch große gesellschaftliche Probleme, die durch eine Öffnung der Ehe nicht gelöst werden. Ich hoffe, dass die Diskriminierung durch das 'Transsexuellengesetz' abgeschafft und Zwangsoperationen an Intersexuellen verboten werden.

Trotzdem werde ich am Freitag auf diese wichtige politische Entscheidung mit Freunden anstoßen."


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