Bild: Patricia de Voraes
Wir haben darüber mit Spice Girl Mel C gesprochen

Der Berliner Christopher Street Day feierte 2019 einen legendären Besucherrekord, mit mehr als einer Million Partygästen. Aus der ursprünglichen Demo ist ein großes Volksfest geworden: Homos, Heteros und alle dazwischen tanzten gemeinsam bunt angemalt durch die Straßen (SPIEGEL ONLINE). 

Gleichzeitig ist die Chefin der größten deutschen Partei eine Frau, die in der Ehe für alle eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft sieht und offen über Intersexuelle lacht. Die stärkste Oppositionspartei im Bundestag tut ihr Bestes, um queere Menschen zu diskriminieren (queer). 

Wie passt das zusammen?

Es gibt leider in jeder Gesellschaft Gruppen, die aus irgendeinem Grund von der Mehrheit ausgegrenzt werden: Wegen der Hautfarbe, der Religion, des Geschlechts. Laut der Dalia-Studie von 2016 beschreiben sich etwa sechs Prozent der Menschen in Europa als queer. Laut Deutschem Jugendinstitut ist es unter jungen Menschen hierzulande sogar jeder zehnte. (Bild

In jeder Gesellschaft gibt es Mehrheiten, die sich selbst als "normal" empfinden. Die meinen, alles, was vermeintlich "anders" ist, behandeln zu dürfen, als sei es "unnormal". 50 Prozent der queeren jungen Menschen berichten daher schon in ihrer Schulzeit von Beschimpfungen und Anfeindungen, 80 Prozent werden merklich diskriminiert, etwa durch Ausgrenzung oder Andersbehandlung. Sich dagegen zu wehren, ist oft gefährlich. Vor allem, wenn man allein ist. (DJI

Wir leben 2019 noch immer in einer Gesellschaft, in der es als Teil der Mehrheit dringend nötig ist, für die Minderheit einzustehen. Umgangssprachlich sagt man: ein "Ally" sein.

Als Hetero, (in meinem Fall noch dazu als männlicher und weißer) ist das geradezu lächerlich einfach. Das gemeinsame Feiern beim CSD ist schon ein guter Schritt. Aber noch lange nicht genug. Denn wenn die Fahnen wieder eingemottet werden und die Aufmerksamkeit durch große Werbekampagnen und Paraden abebbt, gibt es noch immer genug zu tun.  

Abseits des Pride-Monates hilft es gelegentlich, sich an ein paar Punkte zu erinnern, wie man auch als Hetero queeren Menschen in seinem Umfeld zur Seite zu stehen kann. 

1 Hab Respekt

Ein Ally zu sein, heißt im ersten Schritt einfach: Behandle deine queeren Mitmenschen wie alle anderen auch. Würdest du den neuen Cis-Kollegen fragen, wie sein Penis aussieht? Nein? Warum also die Transkollegin im Büro fragen, "was sie in der Hose hat"? 

2 Sei laut

In Polen basiert die Kampagne einer ganzen Partei auf Hass gegen den Regenbogen, manche Bürger wollen gar "LGBT-freie Zonen" errichten (mdr). Aus Russland gibt es immer wieder Berichte über Gewalttaten und sogar Morde aus Hass gegen Queers (Zeit). Es ist also überlebenswichtig, wenn Menschen mit Einfluss ein Zeichen dagegen setzen. Etwa, wenn die martialische Band "Rammstein" in Warschau die Regenbogenfahne schwenkt oder sich in Moskau auf der Bühne die Gitarristen küssen. 

In zwölf Ländern der Welt steht Homosexualität noch immer unter Todesstrafe. Als der Sultan von Brunei Anfang 2019 ein solches Gesetz in seinem Land erließ, boykottierten Banken und Stars die Hotelketten des Regenten. (NBC)

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Equal rights for all #rammstein #lgbtqpoland

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Am Rande des Hamburger Christopher Street Days habe ich auch mit Spice-Girl Melanie C darüber gesprochen. 

Die Sängerin ist selbst heterosexuell, tourt aber weltweit von Sao Paolo bis Deutschland über CSDs, feiert dort gemeinsam mit der queeren Community und zeigt Flagge. Warum? 

Mir ist klar: bei Musikern und Firmen, die sich engagieren, bleibt immer ein fader Beigeschmack. Geht es hier wirklich um Überzeugung, oder doch nur um Werbung? Doch was wäre die Alternative zum Engagement – nichts tun?  

Helfen dieser Art kann man auch im Kleinen und im weniger drastischen Kontext: Vielleicht lacht man das nächste Mal nicht mit, wenn ein Kumpel den Spielstil eines Fußballers als "schwul" beschimpft. Oder, man beschwert sich tatsächlich beim Betriebsrat, wenn man mitbekommt, dass die nonbinäre Kollegin auf der Arbeit vom Chef gemobbt wird. 

3 Sei da

Verbündete sind, egal ob auf der Arbeit, in der Schule oder im Bekanntenkreis, unglaublich wichtig. Laut DJI-Studie von 2018 werden vier von zehn jungen Queers auch von ihren Freunden nach einem Coming-Out anders behandelt. 69 Prozent fürchten ein Coming-Out vor ihrer Familie. 

Das Schlimmste ist am Ende nämlich nicht, wenn man auf der Straße blöd angequatscht wird – sondern, wenn danach niemand da ist, dem man davon erzählen kann. Manchmal reicht es, einfach nur zuzuhören und gemeinsam mit den Augen zu rollen.

4 Mach keine große Sache draus

Das wohl Schwierigste am Ally-sein: Man wird damit leben müssen, dass Menschen auf beiden Seiten einen für einen aufgeblasenen Idioten halten, wenn man Partei ergreift. (Ich freue ich bereits auf das Feedback zu diesem Beitrag.)

Denn es sollte nichts sein, für das man Applaus einfordert oder sich als Helden aufspielt. Es ist ganz einfach respektvolles Zusammenleben und Einstehen füreinander. Wie die anderen drei Punkte wäre auch dieser eigentlich einfach und ohne Opfer umzusetzen. Gerade diese Einfachheit macht es für mich so unbegreiflich, diesen Text schreiben zu müssen. 

Denn wie fühlt es sich wohl für Menschen an, wenn man ihnen nicht einmal diesen Funken Grundrespekt entgegenbringt? 

Wer das einmal im Kopf durchspielt, versteht vielleicht ansatzweise, was Diskriminierung bedeutet. 


Fühlen

Die Angst vor dem Übergriff: "Na, junge Dame – ganz allein unterwegs?"

Als Teenager kannte ich wenige Regeln, bei einer Sache blieb meine Mutter jedoch beharrlich: Nach Einbruch der Dunkelheit musste mich ein Freund nach Hause begleiten. Immer. Ein feststehendes Gesetz, das ich augenrollend hinnahm. Was sollte in unserer langweiligen Kleinstadt schon passieren? Heute weiß ich: Meine Mutter wollte mich nur beschützen, denn sie hatte Angst. Diese Angst habe ich nie gespürt – bis zu einem Moment in meinem 21. Lebensjahr. Er machte mir deutlich, was für die meisten Frauen Realität ist.

Es ist eine Oktobernacht, kurz vor ein Uhr, ich komme von meiner ersten Studentenparty. Ich warte etwas außerhalb des Nürnberger Hauptbahnhofs auf die letzte Straßenbahn. Exakt fünfzehn Minuten dauert die Fahrt zu meiner kleinen Wohnung. Fünfzehn Minuten, in denen ich mich eigentlich nur darauf konzentrieren möchte, nicht einzuschlafen. Doch es kommt anders.

Vier Männer, ich schätze sie auf Mitte 30, setzen sich mit wenig Abstand auf eine Bank neben mir. 

Sie sind betrunken. Ich bin es nicht. Stattdessen bin ich angespannt. 

Ich bin angespannt, weil ich unwillkürlich bemerke, dass sich außer der Männergruppe und mir niemand an der Haltestelle befindet. Die Anzeigetafel informiert über die letzte Fahrt der heutigen Nacht. Mir wird bewusst, dass wir in dieselbe Bahn einsteigen werden.

Die vier Männer sind laut, pöbeln einander an. Sind das harmlose Sticheleien unter Freunden oder sind die Männer aggressiv? Ich kann es nicht einschätzen. Ich kenne sie nicht. Und obwohl mich zunächst keiner der Fremden beachtet, steigt Nervosität in mir auf.

Ich versuche, meine Unsicherheit zu überspielen. Ich richte mich auf, nehme meine Schultern zurück. Selbstbewusstsein ausstrahlen – das habe ich im Selbstverteidigungskurs gelernt. Als ich gerade versuche, mich an weitere Details aus dem Kurs zu erinnern, passiert es. Ein Mann der Gruppe wendet sich in meine Richtung und lallt: