Ich bin schwul, seit ich denken kann. Und eigentlich hatte ich auch nie ein Problem damit. Doch es gibt eine Sache, auf die ich verdammt gut verzichten könnte: Mich immer wieder aufs Neue outen zu müssen.

Ob bei Kollegen oder neuen Bekannten: jedes Mal wieder Stress, Herzrasen und ein trockener Mund. Ich hasse es.

Dabei gehöre ich zu den Glücklichen, die bisher noch nie mit einer negativen Reaktion zu kämpfen hatten. Und im Gegensatz zu anderen queeren Menschen bewege ich mich auch nicht in Kreisen, in denen ich befürchten müsste, wegen meines Schwulseins ernsthafte Probleme zu bekommen.

Trotzdem ist jedes Mal, wenn ich es jemandem sagen möchte, wieder die Angst da, ausgelacht oder komisch angeschaut oder einfach nur plötzlich als ein ganz anderer Mensch betrachtet zu werden. Nicht mehr als Julian, der zufällig schwul ist. Sondern als Schwuler, der zufällig Julian heißt.

Ich kenne erstaunlich viele Schwule, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, aber dann doch eine Freundin haben oder einen Kumpel von früher, vor denen sie es immer noch geheim halten.

Doch das perfide an der Sache ist, dass alles nur noch komplizierter wird, wenn man es zu lange vor sich herschiebt.

Weil man sich dann auch noch dafür rechtfertigen muss, dass man es nicht schon viel früher gesagt hat. Und im allerdümmsten Fall verrennt man sich so in einem Labyrinth aus Notlügen und Halbwahrheiten, so dass man irgendwann das Gefühl hat, man käme da gar nicht mehr heraus.

Ich kenne erstaunlich viele Schwule, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, aber dann doch eine Freundin haben oder einen Kumpel von früher, vor denen sie es immer noch geheim halten. Und vielmehr als vor dem Outing selbst haben sie inzwischen Angst vor der Diskussion, warum sie es nicht längst gesagt haben.

Genauso geht es mir mit Linda*. Das heißt, so ging es mir mit Linda, denn nach fast zehn Jahren weiß sie seit gestern Bescheid.

Endlich.

Linda und ich kennen uns seit meinem ersten Tag an der Uni. Ich war 20, gerade aus einem winzigen Dorf nach Köln gezogen und außer bei ganz wenigen Freunden aus der Schule noch ungeoutet. Dass wir uns kennengelernt haben, lag eigentlich nur daran, dass ich zu spät ins Seminar kam, weil ich den Raum nicht gefunden hatte. Und der einzige noch freie Platz war der neben Linda. Der Dozent war noch später dran als ich, also begannen wir eine schüchterne Unterhaltung, und als sie mich fragte, was ich am Wochenende gemacht hatte, erzählte ich ihr, dass mein Freund aus Freiburg zu Besuch gekommen war. Nur, dass ich in meiner Erzählung aus meinem Freund meine Freundin machte.

Ich lüge nicht gerne und ich bin auch nicht gut darin. In dem Moment, in dem ich Linda von meiner angeblichen Freundin erzählte, fühlte ich mich aber nicht als Lügner. Es war einfach Selbstschutz. Trotzdem habe ich mich schon bald über mich geärgert. Denn Linda und ich saßen von da an jede Woche nebeneinander. Wir freundeten uns an und mir gefiel nicht, wie diese unbedachte Notlüge zwischen uns stand. Heute weiß ich, dass ich es einfach so schnell wie möglich hätte richtigstellen sollen. Doch damals war ich noch nicht soweit.

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Danach habe ich mich klüger angestellt. Bei allen anderen Freunden, die ich an der Uni kennengelernt habe, habe ich genau darauf geachtet, mich nicht noch einmal so vorschnell festzulegen. Als ich mich später endlich zu meinem Coming-out durchgerungen hatte, fühlte es sich deshalb etwas leichter an.

Irgendwann wussten alle Bescheid, nur Linda nicht.

Die passende Gelegenheit wird schon noch kommen, habe ich mir gesagt. Aber im Aufschieben unangenehmer Dinge war ich leider schon immer verdammt gut.

Nach dem zweiten Semester ging die Beziehung mit meinem Freund in die Brüche und ich hatte heftigen Liebeskummer. Linda hat mir zugehört, nur dass mein Ex-Freund in ihrer Vorstellung immer noch meine Ex-Freundin war. In dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal ein richtig schlechtes Gewissen und ich war mehr als einmal kurz davor, ihr einfach die Wahrheit zu sagen. Doch gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass es für die Wahrheit inzwischen einfach schon zu spät war.

Meine Homosexualität vor Linda zu verheimlichen war überhaupt nur deshalb möglich, weil es zwischen ihr und dem Rest meines Freundeskreises kaum Berührungspunkte gab. Und für den Fall, dass wir doch mal irgendwo aufeinandertrafen, hatte ich alle instruiert, mich bloß nicht vor ihr zu verraten. Das wurde natürlich schnell zum Running Gag, über den sich alle amüsierten. Allerdings hat keiner über Linda gelacht. Sondern über meine Feigheit.

Dieser Junge ist seit sieben Jahren mein Freund und bis gestern hatte Linda davon keinen Schimmer.

Die nächsten paar Jahre blieb ich Single, was praktisch war, weil ich dadurch nicht mehr so sehr das Gefühl hatte, mein Schwulsein aktiv vor ihr zu verheimlichen. Doch dann lernte ich einen Jungen kennen. Und ironischerweise hatten wir unser erstes Date ausgerechnet an Lindas 25. Geburtstag. Dieser Junge ist seit sieben Jahren mein Freund und bis gestern hatte Linda davon keinen Schimmer. Die Beziehung vor ihr geheim zu halten, war dabei gar nicht so schwierig, wie man sich das vielleicht vorstellt, denn weil er nicht in Köln lebte, haben ihn auch meine anderen Freunde nur selten zu Gesicht bekommen. Vor zwei Jahren sind wir dann gemeinsam nach Berlin gezogen. Linda habe ich gesagt, ich lebe jetzt in einer WG.

Ungefähr zu dieser Zeit fragten mich meine anderen Freunde immer öfter, ob ich ihr immer noch nichts erzählt hätte. Mittlerweile fanden sie es aber gar nicht mehr so lustig, sondern eher unfair. Und auch ein bisschen dumm. Ich konnte ihnen nicht widersprechen.

Aber nach so vielen Jahren? Nach so vielen Notlügen?

Ich wusste einfach nicht mehr, wie ich jemals wieder aus dieser Sackgasse rauskommen sollte. Dafür bemühte ich mich, die Wahrheit nur noch so wenig wie möglich zurechtzubiegen. Einmal fragte sie, wie ich mich mit meinem neuen Mitbewohner verstehe. Ich sagte nur, dass er meistens erst spät aus dem Büro kommt, und wechselte schnell das Thema.

Kurz nach dem Umzug habe ich ein Buch geschrieben, "Jetzt sind wir jung". Ihr konnte ich es nicht sagen, weil das Buch eine schwule Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Nach seiner Veröffentlichung habe ich ein paar Interviews gegeben. Ich war sogar auf einem Magazincover. Linda hatte keine Ahnung.

Im vergangenen Jahr war Linda zweimal in Berlin, um andere Freunde zu besuchen. Wir haben uns dann in der Stadt getroffen und ich war immer erleichtert, dass sie nicht vorgeschlagen hat, zu mir nach Hause zu kommen. Weil es bei uns natürlich nicht aussieht wie in einer WG.

Ist ein Coming-out per iMessage genauso daneben wie Schlussmachen per SMS? Kann schon sein. Aber am Telefon hätte ich es nicht geschafft.

Irgendwann dachte ich, so langsam muss sie doch geschnallt haben, dass ich nicht auf Frauen stehe. Ab und zu sagte sie sogar Dinge, die man als Andeutungen in diese Richtung lesen konnte, wenn man wollte. Aber ich war mir nicht sicher. Und ich konnte ja auch schlecht einfach nachfragen.

Kurz vor Weihnachten geschah dann, wovor ich schon die ganze Zeit Angst gehabt hatte. Linda sagte, dass sie mich im neuen Jahr gerne besuchen kommen würde. Mich, nicht ihre anderen Freunde in Berlin. Erst habe ich sie ein paar Wochen lang vertröstet und ich gebe zu, dass ich mir auch Gedanken gemacht habe, ob ich sie nicht vielleicht mit einer weiteren haarsträubenden Erklärung irgendwie abwimmeln könnte.

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Doch mir war klar, dass das wahrscheinlich meine letzte Chance sein würde, endlich reinen Tisch zu machen. Und ich wusste, dass ich sie nicht verstreichen lassen durfte. Also setzte ich mich gestern Morgen an den Küchentisch und tippte mit zitternden Fingern: "Du kannst mich sehr gerne besuchen kommen. Und mein Freund freut sich auch, dich endlich mal kennenzulernen. Mit dem wohne ich nämlich zusammen."

Ist ein Coming-out per iMessage genauso daneben wie Schlussmachen per SMS? Kann schon sein. Aber am Telefon hätte ich es nicht geschafft.

Ich Feigling.

Linda jedenfalls hat ganz cool reagiert, zunächst. Sie antwortete schon nach wenigen Sekunden, dass sie sich freut, wenn ich glücklich bin. Und vor allem freute sie sich, dass ich es ihr jetzt endlich gesagt hatte. In dem Moment war ich wirklich glücklich. Doch dann habe ich ihr im Überschwang von meinem Buch erzählt. Und Linda begann zu googeln.

Sie hat mich sogar gefragt, ob sie mir jemals das Gefühl gegeben hat, homophob zu sein. Nein, natürlich nicht.

Heute Morgen haben wir lange telefoniert. Und es war dann doch noch so schlimm, wie ich es mir immer ausgemalt hatte. Linda ist enttäuscht und sauer, weil sie inzwischen herausgefunden hat, dass es so ziemlich jeder vor ihr wusste.

Sie kann nicht verstehen, dass ich so wichtige Aspekte meines Lebens nicht mit ihr geteilt habe, und ich selbst verstehe es im Nachhinein auch nicht mehr. Sie hat mich sogar gefragt, ob sie mir jemals das Gefühl gegeben hat, homophob zu sein. Nein, natürlich nicht. Aber warum habe ich es ihr dann so lange verschwiegen? Tja.

Ich bin nicht plötzlich ein anderer Mensch, weil ich schwul bin. Aber in ihren Augen bin ich es jetzt deshalb, weil ich seit Jahren einen Freund habe, von dem ich ihr nie erzählt habe. Ich hatte nie eine böse Absicht. Am Anfang, vor zehn Jahren, war ich einfach nur vorsichtig. Später dann schlicht feige. Und heute? Bin ich froh, dass es endlich raus ist. Und ich hoffe, dass Linda trotz allem bald zu Besuch kommt.


Linda heißt eigentlich anders, der Autor hat den Namen geändert.


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