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Als Ellen Page sich bei einer Konferenz der “Human Rights Campaign” im Februar 2014 als lesbisch outete, landete das kurz darauf in meiner Timeline. Innerhalb von einem Tag schickten mir viele meiner Facebook-Freunde das YouTube-Video zum Coming out der Schauspielerin. Dazu erhielt ich viele nett gemeinte Nachrichten: “Meine beste Freundin und meine Lieblingsschauspielerin haben etwas gemeinsam! Wie cool ist das denn bitte?” Oder: “Ich finde euch so unglaublich mutig.”

Für viele gehören wir - Ellen Page und ich - zu einer Gruppe. Wir gehören zu den Menschen, die sich als homosexuell bezeichnen. Viele glauben, eine Lesbe ist mehr als das, was sie vermutlich im Bett macht. Wenn ich sage: “Ich begehre Frauen”, wird daraus in den Köpfen der Zuhörenden ein kompletter Lebensentwurf. Bei ihnen entsteht ein klares Bild davon, wie ich mich zu verhalten habe. Ob ich Kinder habe, wie wichtig mir Sport ist. Und Fußball. Wie oft ich dusche, was ich esse, welche Frisur ich trage.

Klar, Lesben spielen doch alle gern Fußball. Wie konnte ich das nur vergessen.
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“Schau mal, Bayern ist Tabellenführer”, rufen mir zum Beispiel Kommilitonen vor dem Seminar zu. Dann setzen sie sich zu mir, um über die Bundesliga-Ergebnisse vom Wochenende zu diskutieren. Klar, Lesben spielen doch alle gern Fußball. Wie konnte ich das nur vergessen?

Das macht mich wütend. Was sagt es schon über eine Person aus, ob sie Männer oder Frauen bevorzugt? Wenn ich Schlagzeilen wie “Juno-Darstellerin: Ellen Page outet sich als homosexuell” (SPIEGEL ONLINE) in der Zeitung lese oder "Simpsons"-Figur: Smithers outet sich als schwul" (SPIEGEL ONLINE), überkommt mich jedes Mal ein komisches Gefühl. Ich frage mich: Ist das nötig? Sind wir in der Gesellschaft nicht eigentlich schon weiter? 

Für mich war während des Coming Outs wichtig, im Freundeskreis und im Fernsehen Menschen zu sehen, die sagen: "Ja, ich bin homosexuell.” Es gibt dem Thema Normalität und eine Orientierungshilfe. Menschen, die zeigen, dass es möglich ist, so zu leben und glücklich zu sein. Es nimmt Angst vor Ausgrenzung, Ablehnung und Diskriminierung. Es macht Mut und gibt Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Auf eine Familie und Freunde, die meine Entscheidung akzeptieren. Und auf Respekt.

Wieso braucht es noch einen Coming out Tag?
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Ich bin sehr ungern die “Vorzeigelesbe”, die zu “lesbischen Themen” etwas sagen darf. Weil es so authentischer ist. Ich bin ein Mensch, der genauso etwas dazu sagen kann wie alle anderen auch. Meine Interessen sind genauso vielfältig wie die anderer. Und es ist wichtig, das genauso anzuerkennen. Wieso braucht es also noch einen Coming-out-Tag?

So lange es noch Menschen gibt, die wegen ihrer Homosexualität ihren Job verlieren, gemobbt und als Schwuchtel beschimpft werden.

So lange Verwaltungsangestellte sich weigern, homosexuelle Paare zu trauen (SPIEGEL ONLINE).

So lange nicht jeder überall heiraten und Kinder adoptieren kann.

So lange die Selbstmordrate von Homosexuellen immer noch höher ist als die von Heterosexuellen 

So lange ein Coming out einer YouTuberin wie Melina Sophie, einer Schauspielerin oder eines Ex-Fußballprofis wie Thomas Hitzlsperger immer noch so große Aufmerksamkeit wert ist (Zeit Online).

So lange Homosexuelle für ihre Entscheidung als mutig, dumm, verrückt bezeichnet werden.

So lange ein Outing als schwieriger Schritt wahrgenommen wird.

So lange die Menschen glauben, Ellen Page und ich gehören zu einer Gruppe Menschen.

So lange ist der Coming Out Tag wichtig.

Warum feiern wir den Coming Out Tag?

Der Coming Out Tag wird seit 1988 jedes Jahr am 11. Oktober gefeiert. Zuerst machten an diesem Tag in den USA Menschen auf die Diskriminierung aufmerksam, die auch heute noch mit einem Coming Out verbunden sein kann. Der Coming Out Tag geht auf den Second National March on Washington for Lesbian and Gay Rights zurück. Mehr als 500.000 Menschen kamen in die Stadt, um die Regierung für ihre Untätigkeit in der Aids-Krise zu kritisieren. Tausende Homosexuelle starben Ende der Achtziger Jahre an Aids. Heute soll der Tag vor allem Jugendlichen Mut machen und ihnen das Coming Out erleichtern. Mehr Informationen gibt es bei Coming Out Day e.V.

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Stößchen! Hallihallöchen! Schwul und männlich klingt für viele aus der "Ich habe nichts gegen Schwule, aber"-Fraktion ziemlich absurd. Selbst in der Schwulenszene hat sich ein Trend etabliert: Wer sich nicht "heterolike" benimmt, ist unten durch. Mehr dazu in Tariks Genderkrise.