Auf der ganzen Welt feiern queere Menschen an diesem Donnerstag das Jubiläum der ersten queeren Revolution: den Stonewall-Aufstand in New York. Die Backsteinfassade des "Stonewall Inn" sieht noch so aus wie damals, in den 60er Jahren, als der Laden eine der ersten Kneipen für LGBTIQ (steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, inter und queer) in New York war.

In der Nacht vom 27. zum 28. Juni 1969 brannten die Mülltonnen vor dem "Stonewall Inn". 

Als die Polizei die Kneipe räumte, wehrten sich die Besucherinnen und Besucher. Tagelang demonstrierten danach Menschen vor der Bar gegen Homo- und Transfeindlichkeit. Das Haus in der Christopher Street wurde zum Symbol. In Erinnerung an die Aufstände feiert die LGBT-Community heute den Christopher Street Day.

Das kleine Backsteinhaus des "Stonewall Inn" steht noch immer. Noch immer ist es eine Kneipe, in der sich die Community zu Cocktails und Bier trifft. Donnerstags gibt es eine Dragshow, Freitags wechselnde DJs. 2016 erklärte US-Präsident Barack Obama das "Stonewall Inn" zum Nationaldenkmal – hunderte LGBT pilgern jedes Jahr an den Ort. Gerade heute, wo das Klima für LGBT in den USA rauer wird. (Spiegel Online)

Was bedeutet das Stonewall heute für junge, queere Menschen? bento war in New York und hat mit Besucherinnen und Besuchern des Memorials gesprochen.

Chris (rechts), 32, mit seinem Freund Michael

(Bild: Nora Noll)

Ich komme aus Tennessee, einem sehr konservativen und christlichen Staat. Als ich mich mit 26 geoutet habe, wurde mir gesagt, dass Schwulsein böse sei und ich ein schlechter Mensch. Schwulen- und LGBT-Bars waren die einzigen Orte, wo ich mich frei fühlen konnte. Ein Safe Space eben, so wie es das "Stonewall Inn" für die New Yorker LGBT-Community vor 50 Jahren war.

Für das 50. Jubiläum wollte ich hier sein. Ich bin wegen der Christopher Street nach New York gezogen und arbeite jetzt gegenüber, in der ältesten Tanzbar New Yorks, die auch eine bekannte Gay-Bar ist. Es ist toll, historisch so wichtige Orte lebendig zu halten.

Hadil, 19

Ich komme aus dem Oman und niemand dort weiß, dass ich lesbisch bin, weder meine Familie noch meine Freundinnen und Freunde. Homosexualität ist dort zwar nicht illegal, aber ein gesellschaftliches Tabu. Jetzt studiere ich seit zwei Jahren in Orlando und genieße die große LGBTQ-Gemeinschaft.

Auf meinem Trip nach New York wollte ich natürlich an den Ort, wo die Proteste ihren Anfang genommen haben. Wenn sich in 50 Jahren in den USA so viel bewegt hat, kann das vielleicht auch im Oman passieren. Die Stonewall-Aufstände bedeuten für mich Hoffnung.

Tiph, 29

Das Viertel hier hat sich sehr gewandelt. Ich bin schon als Jugendliche hergekommen. Seitdem wurde das Village gentrifiziert und die geringverdienende, schwarze Nachbarschaft wurde nach und nach verdrängt. Die Aufstände waren ein unglaublich wichtiger Akt des Widerstandes und haben den Weg freigemacht für unsere Emanzipation – aber das Jubiläum hat einen bitteren Beigeschmack.

Bei der ganzen Freude und Feier sollte nicht vergessen werden, dass queere Schwarze nach wie vor besonders heftig von Gewalt betroffen sind. Allein im vergangenen Monat wurden in den USA fünf schwarze trans Frauen ermordet. Ich hoffe, dass in 50 Jahren der Kampf für LGBTIQ-Rechte auch ein antirassistischer Kampf ist.

Caitlyn (links), 25, mit ihrer Freundin Louisa

Ich habe erst vor etwa einem Jahr das erste Mal von den Stonewall-Protesten gehört. Das Jubiläum wollte ich dann direkt vor Ort feiern, deshalb sind wir zusammen nach New York geflogen.

Es hilft, eine Geschichte zu haben. So weiß ich, in welcher Tradition ich stehe und wer bereits für unsere Rechte gekämpft hat. Die Christopher Street Days in Australien wurden zum Beispiel auch von den USA aus angestoßen. Heute hier am Stonewall Memorial zu stehen, bedeutet für mich, den damaligen Aktivisten und Aktivistinnen Respekt zu zollen.

Max, 16

Als ich mich in der siebten Klasse geoutet habe, gab es ein paar Jungs, die sich über mich lustig gemacht haben. Aber das ist nicht vergleichbar mit der Unterdrückung von queeren Menschen vor 50 Jahren. Wenn ich hierher komme, merke ich, wie privilegiert ich bin. Ich kann mich frei und sicher bewegen.

Ich kenne ein paar ältere Menschen, die schwul oder lesbisch sind, Lehrer und Lehrerinnen an meiner Schule zum Beispiel oder die Mütter meiner Freundin. Es ist wichtig, ihre Stimmen zu hören, die ältere und die jüngere Generation sollten voneinander lernen.


Gerechtigkeit

Torben ist zwischen Castoren und Wasserwerfern aufgewachsen – warum ihn das politisch gemacht hat

Torben Mävers ist 22 und in einem kleinen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen. Das wäre zunächst nichts besonderes – würde es sich bei seiner Heimat nicht um das Wendland handeln, mit dem Erkundungsbergwerk Gorleben. Eine Region, die ein Symbol ist für den Widerstand gegen Castor-Transporte und den Umgang mit Atommüll. Und wer im Wendland aufwächst, sagt Torben, der kann gar nicht anders: Der wird politisch. 

Aber wie passiert das? Wie war es für Torben, mit den Protesten gegen die Castor-Transporte aufzuwachsen und wie politisch ist er heute?