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9 ganz konkrete Vorschläge – auch für Heterosexuelle

Von Aachen bis Los Angeles – überall gibt es im Sommer Paraden wie den Christopher Street Day, bei denen Lesben, Schwule, Bisexulle und Transgender feiern und gefeiert werden. In Deutschland und Europa finden viele Festivals und Events statt. (Die Termine findest du hier) In den USA wurde der Juni sogar zum "Pride Month" ausgerufen. 

LGBT

Das steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Die in Deutschland manchmal verwendete Abkürzung LSBTTIQ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen.

Das geht auf den Stonewall-Aufstand 1969 in New York zurück. Damals kam es in Manhattan zu Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Homo- sowie Transsexuellen, die sich ihrer Verhaftung widersetzten. Es war ein Wendepunkt für die LGBT-Bewegung, der heute mit Konzerten, Festivals, Picknicks, Umzügen und Partys gefeiert wird. Millionen Menschen nehmen daran teil. 

Es geht um: Akzeptanz und Respekt, aber auch um das Gedenken an die Verfolgung und Stigmatisierung von LGBT (Pride Month).

So setzen sich gerade zum Beispiel Eltern für ihre Kinder ein:
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Denn noch immer gibt es alte Baustellen, die nicht geschlossen sind (die fehlende Ehe für alle in Deutschland!) und einige erschreckende neue klaffen auf (die Verfolgung von LGBT in Russland und Tschetschenien!).

Was kann man eigentlich tun, um die Geichberechtigung voranzutreiben? Wir haben ein paar Vorschläge – für alle. 
1. Kenn die Rechte – und die Probleme!

Es gibt gar keine Diskriminierung mehr in Deutschland? Zumindest rechtlich nicht? Weit gefehlt! Zwar ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern weiter in Sachen Gleichberechtigung – aber zum Paradies unter dem Regenbogen macht es das noch lange nicht.

Einige Beispiele:

  • Immer noch gibt es die Ehe nicht für gleichgeschlechtliche Paare, die Adoption wird dadurch oft sehr schwierig.
  • Der Schwulenparagraf, der es der Regierung erlaubte, Homosexuelle wegzusperren, wurde erst 1994 endgültig abgeschafft. Seine Opfer sollen in diesem Jahr endlich von der Bundesregierung entschädigt werden.
  • Schwulen Männern ist in Deutschland nach dem Transfusionsgesetz das Blutspenden verboten. Sie gelten als Risikogruppe für eine HIV-Infektion – unabhängig, wie oft oder ob sie überhaupt Sex haben. In anderen Ländern wird nach einer individuellen Befragung von Patient zu Patient über das Risiko entschieden.
  • Von homophoben Vorurteilen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft ganz zu schweigen.

Mehr dazu hier, wie man dagegen vorgeht darunter:

Wer sich für Gleichberechtigung einsetzen will, sollte auch diese rechtlichen Dinge wissen. 

Was man dem entgegensetzen kann? 

Das schützende Recht für Minderheiten: das Antidiskriminierungsgesetz (oder auch Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz). Das Bundesgesetz verbietet seit 2006 Diskriminierung aus Gründen der "ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität". 

Anwendbar ist es nicht nur gegen Privatpersonen, sondern auch gegen Arbeitgeber. Wer sich über Rechte und Baustellen informieren will: Hilfreiche Info-Broschüren und Publikationen gibt es zum Beispiel kostenfrei auf der Seite der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, sortiert nach Themengebiet (Hier geht's zur Seite).

2. Homo-Witze? Zum Kotzen!

Fast zwei Drittel der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen wagen es einer europaweiten Studie aus dem Jahr 2013 zufolge nicht, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu zeigen. (Süddeutsche) Der traurige Grund: Sie haben nach wie vor Angst, diskriminiert, angefeindet und gemieden zu werden. 

Vor allem Menschen im direkten Umfeld können das nach Einschätzung von Verbänden verändern: Man sollte Bewusstsein zeigen, dass Heterosexualität nicht zwangsweise die Norm ist, egal ob nachts beim Feiern, beim Kaffeekränzchen mit den Eltern oder im Gespräch mit Kollegen auf der Arbeit.

Wie man das macht?

Indem man bescheuerten Sprüchen vehement widerspricht. Wer "schwul" als Schimpfwort benutzt, ist nicht lustig sondern beleidigend. Nächster Punkt: eine respektvolle Sprache, die die Wünsche und Selbstsicht der LGBTQI-Gemeinde berücksichtigt – zum Beispiel die "Ehe für alle" statt der saloppen (und sachlich falschen) "Homo-Ehe". "Geschlechtsanpassung" statt "Geschlechtsumwandlung". Und die Frage: Was ist dein Pronomen? Manche Menschen möchten nicht mit "ihm/er" oder "ihr/sie" zugeordnet werden. Das ist nicht immer einfach. Aber niemand erwartet sofort Perfektion. Alles ist besser, als es gar nicht zu versuchen.

3. Setz ein Zeichen gegen Gewalt!
  • Ein 49-Jähriger wird in der Tram beschimpft und mit einer Flasche attackiert, weil er auf Nachfrage zugibt, schwul zu sein. (BZ
  • Ein 22-Jähriger wird von einer achtköpfigen Gruppe eingekesselt, homophob beleidigt und geschlagen. (BZ
  • Drei Männer werden auf einer Parkbank mit einer ätzenden Flüssigkeit bespritzt. (BZ

Das sind nur einige der Fälle, in denen Homosexuelle gezielt Opfer von verbaler und körperlicher Gewalt wurden – und zwar allein in Berlin, aus den letzten Monaten.

Die Tendenz steigt stark: Für das Jahr 2015 zählte die Polizei 220 Fälle homophober Straftaten, 2016 waren es schon in den ersten neun Monaten 205 Straftaten. Sie werden als "Hasskriminalität" eingestuft und gesondert erfasst, eigentlich soll in jedem dieser Fälle der Staatsschutz ermitteln.

Verbände kritisieren die Statistik: Einerseits fürchteten Opfer oft weitere Diskriminierung durch den Rechtsstaat und vermeiden deswegen, die volle Wahrheit zu sagen, erklärt Pressesprecher Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD). "Außerdem ist das Gesetz zu ungenau gefasst und die Beamten sind nicht sensibilisiert für diese Art von Übergriffen."

Die Folge: Lange nicht jeder homophobe Übergriff wird demnach tatsächlich als solcher wahrgenommen und an den Staatsschutz weitergeleitet – und fließt damit auch nicht in die Statistik ein. 

Was tun? Halte Augen und Ohren offen, wenn du draußen unterwegs bist. Schreite ein, wenn du kannst! Allerdings sollst du dich nicht selbst in Gefahr bringen – aber vielleicht kannst du schon mit einer korrekten Zeugenaussage nach einem Übergriff mehr helfen, als du denkst. 

4. Sag deinen Abgeordneten deine Meinung!

Sich an den eigenen Landtags- und Bundestagsabgeordneten zu wenden, ist für Privatpersonen in Deutschland der direkteste Draht in die Politik – und laut Markus Ulrich vom LSVD einer der sinnvollsten Wege, um sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Auch, wer nicht lesbisch, schwul oder trans sei, könne so ein wirksames Signal setzen.

Wichtig sei dabei, nicht nur Kritik zu üben, sondern auch zu loben, wenn die Politik, eine Partei oder zumindest ein Abgeordneter zu einem Thema die richtige Haltung zeige. "Man muss auch positives Feedback geben, wenn die Dinge gut laufen."

Also: Informieren, wie eure Abgeordneten zu bestimmten Themen stehen und direkt kontaktieren – auf ihrer Homepage sind immer auch Mailadresse und Telefonnummer genannt. 

5. Schick eine Nachricht für die "Ehe für alle"!

Dass gleichgeschlechtliche Partner nach wie vor nicht heiraten dürfen, ist in Deutschland eine der größten Einschränkungen. Mit der für sie möglichen eingetragenen Lebenspartnerschaft erhalten sie zwar dieselben Pflichten, aber nicht alle Rechte wie heterosexuelle Ehepaare.

Ein Kind adoptieren dürfen sie als Paar zum Beispiel nicht ohne Weiteres. Hier macht sich die Dach-Initiative "Ehe für alle" stark. Sie will den Druck auf die Politik erhöhen, um ein Umdenken noch vor der Bundestagswahl im September zu bewegen (Queer.de).

Deswegen bietet sie ein Messenger-Tool an, das nach Eingabe der eigenen Postleitzahl den E-Mail-Kontakt zu den zuständigen SPD- und Unions-Abgeordneten sowie einen vorgefertigten Text mit der Forderung nach einer Abstimmung über die Öffnung der Ehe ausspuckt. Knapp 50.000 Menschen sollen daran bereits teilgenommen haben. Zum Messenger geht es hier entlang.

6. Unterstütze Geflüchtete!

Es gibt viele Menschen, die wegen ihrer sexuellen Identität ihre Heimat verlassen. Doch in Deutschland angekommen, hat die Diskriminierung für sie oft genug kein Ende: In Flüchtlingsheimen sind sie eine Minderheit, auf engstem Raum häufig konfrontiert mit streng gläubigen Mitbewohnern, für die ihre Sexualität eine Sünde ist. Immer wieder werden Fälle von Schikane, Misshandlung und Bedrohung bekannt (ViceTagesspiegel / taz).

Auch bei den Behörden sind sie im Nachteil: Vielen ist nicht bewusst, dass ihre sexuelle Identität als Asylgrund anerkannt werden könnte. Und wer Pech hat, landet bei einem Dolmetscher, der den eigenen Vorurteilen freien Lauf lässt anstatt wahrheitsgemäß zu übersetzen (Lesben- und Schwulenverband).


Mehr dazu hier:

Auch wenn die Politik inzwischen über Maßnahmen für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge diskutiert (in Berlin und Nürnberg gibt es eigene Unterkünfte für LGBT), ist die LGBT-Szene mit ihren zahlreichen Unterstützern ein wichtiger, erster, sicherer Anlaufpunkt für Geflüchtete.

Erkundigt euch in eurer Umgebung: Welche Netzwerke der Szene haben spezielle Angebote für Geflüchtete? Wie könnt ihr helfen?

In Berlin geht beinahe alles: Der Lesben- und Schwulenverband sucht Menschen, die Zimmer für LGBT-Geflüchtete anbieten (IWWIT) oder sie als Mentoren auf Behörden- oder Arztgängen begleiten (LSVD).

Das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (Miles) bietet Beratungen zu Coming-out und Co. sowie Deutschkurse bei schwulen oder lesbischen Lehrern an. Die Lesbenberatung LesMigras macht seit knapp 20 Jahren auf Mehrfachdiskriminierung aufmerksam, berät nach Übergriffen und setzt sich für die Vernetzung lesbischer und bisexueller Migranten ein.    

7. Spenden oder ehrenamtlich arbeiten.

Broschüren drucken, Poster anfertigen, die Anreisekosten für Speaker übernehmen: Proteste können teuer sein. 

In dem Fall kann man selbst aktiv werden und zum Beispiel als ehrenamtlicher Helfer arbeiten. Das hilft, die Kosten zu reduzieren. 

Oder man spendet direkt.

Im Gegensatz zu deiner Arbeitskraft ist dein Geld nicht ortsgebunden – du kannst von der kleinen LGBT-Gruppe in deiner Hood bis ans Ende der Welt spenden. Ein aktuell brennender Konflikt auf der Weltbühne, für den um Spenden geworben wird: Tschetschenien, wo homo- und bisexuelle Männer nach Medienberichten von staatlichen Milizen verfolgt, verschleppt und in Geheimgefängnissen gefoltert werden (bento). Das Russian LGBT Network unterstützt Tschetschenen, die fliehen wollen.

Aus Deutschland könnt ihr die Initiative entweder über die ILGA Europe, Enough is Enough oder das Aktionsbündnis gegen Homophobieunterstützen. "Jede Spende hilft und wird zu 100 Prozent an das Russian LGBT Network weitergeleitet, um die dringend notwendige Evakuierung der Opfer und ihrer Familien zu ermöglichen", so die Organisatoren. 

8. Eine halbe Stunde pro Woche: Sich mit Hass im Internet auseinandersetzen!

So viele Vorurteile in der realen Welt auch gegen Homo- und Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle bestehen mögen – im Internet gibt es mehr.

Was für uns zu tun bleibt, ist recht offensichtlich: Widersprechen! Und zwar klug und laut, in eigenen Kommentaren, oder mit einem Share oder Like für einen Gleichgesinnten.

Das muss nicht zur neuen Lebensaufgabe werden. "Man sollte lieber kleine Schritte machen", findet Markus Ulrich vom LSVD. "Und zum Beispiel konzentriert eine halbe Stunde pro Woche Hasskommentaren widersprechen."

9. Hiss die Regenbogenflagge!

Gegen dieses Zeichen der Solidarität sträuben sich unionsgeführte Ministerien jedes Jahr: Laut Flaggenerlass des Innenministeriums dürfen Dienstgebäude des Bundes nicht mit der Regenbogenfahne beflaggt werden. 

Einige SPD-geführte Ministerien setzen sich über die Weisung hinweg und lassen das Zeichen der homosexuellen Emanzipationsbewegung trotzdem an Tagen wie dem CSD oder dem Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie vor ihrer Haustür wehen. 

Hier hat sich 2016 die Antidiskriminierungsstelle durchgesetzt:

Und plötzlich geht es doch: Die Regenbogenfahne weht am Flaggenmast vor unserem Dienstgebäude. Auf ein herrliches CSD-Wochenende!

Posted by Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) on Friday, July 22, 2016

Grüne Abgeordnete protestieren gegen die restriktive Haltung des Innenministeriums unter der Leitung von Thomas de Maiziére (Tagesspiegel).

Hier könnt ihr de Maiziére auf seiner Homepage direkt anschreiben (ein bisschen nach unten scrollen): Und wer will, kann sich am Christopher Street Day im Juli in Regenbogen hüllen und ein wenig vor dem Ministerium spazieren gehen. 

Hier erfahrt ihr, wofür die Farben der Fahne stehen:

Be proud!
(Bild: Giphy )

Today

Terroralarm in Brüssel: Mutmaßlicher Attentäter von der Polizei erschossen

Am Dienstagabend ist in Brüssel womöglich ein Terroranschlag vereitelt worden: Am Bahnhof Central ist ein Verdächtiger von der Polizei erschossen worden. Das teilte die Staatsanwaltschaft mit. (Spiegel Online)

Ärzte konnten den Mann zunächst stundenlang nicht untersuchen, weil unklar war, ob er noch Sprengstoff bei sich trug. Örtliche Medien berichteten, er habe einen Sprengstoffgürtel getragen. Dies wurde von der Polizei jedoch noch nicht bestätigt.