Blutspenden ist eine super Sache: Es schadet nicht, tut höchstens sehr kurz weh und kann Leben retten. So einfach, so gut. 

Trotzdem befürchten Deutschlands Kliniken – mal wieder – die große Blutarmut. Und das zu recht: Das Deutsche Rote Kreuz hat schon im Juni in einigen Regionen Alarm geschlagen (NDR). 

Da bringt es auch nichts, dass deutlich mehr Menschen im Winter zur Spende gegangen sind, denn das Blut kann maximal 42 Tage aufbewahrt werden, danach ist es unbrauchbar. Und leider kann man Blut – zumindest bisher – nicht künstlich herstellen.

Die einzige Lösung für die aktuelle Lage ist also: Es müssen mehr Menschen zur Blutspende gehen.

Da erscheint es umso absurder, dass manche, die es gern tun würden, faktisch nicht spenden dürfen – zum Beispiel homo- und bisexuelle Männer sowie Transmänner. Das regelt eine entsprechende Richtlinie der Bundesärztekammer, an die sich alle Blutspendedienste in Deutschland halten. Zwar wurde sie im vergangenen Jahr leicht modifiziert, doch die genannten Gruppen werden dadruch in der Praxis noch immer ausgeschlossen (bento).

Das will ein junger Pfleger aus Franken ändern.

(Bild: privat)

Daniel Zimmermann ist 36 Jahre alt, angehender Krankenpfleger und kandidiert in seinem Heimatort Roth in den Bezirkstagswahlen für die FDP. Er hat eine Petition auf change.org gestartet, um endlich die Richtlinie der Bundesärztekammer zu ändern. Wir haben ihn gefragt, was passieren muss.

Daniel, wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl, dass im System der Blutspende etwas nicht stimmt?

Ganz einfach: Ich wollte selber Blut spenden und dabei wurde mir der Fragebogen des Deutschen Roten Kreuzes vorgelegt. Unter Punkt 16 heißt es dort: 

"Nur für Männer: Hatten Sie schon einmal Sexualverkehr mit einem anderen Mann?"

Ich hab mit "Ja" geantwortet. Daraufhin hieß es, ich könne leider kein Blut spenden, weil die Richtlinien es verbieten. Ich habe gefragt, warum das so sei und mir wurde erklärt, dass ich HIV oder Hepatitis übertragen könnte. Ich habe mich in diesem Augenblick wirklich diskriminiert gefühlt. Ich habe noch versucht, zu erklären, dass ich Pflegekraft sei und mich dadurch regelmäßig auf HIV testen ließe und ebenfalls regelmäßig gegen Hepatitis geimpft würde. Doch das machte keinen Unterschied.

Es macht mich sehr wütend, dass alle Männer, die Sex mit Männern haben, unter Generalverdacht gestellt werden.

Homo- und bisexuelle Männer gelten laut der Bundesärztekammer in Bezug auf sexuell übertragbare Krankheiten als Risikogruppe. Wie siehst du das?

Laut dem Robert-Koch-Institut gab es Ende 2016 in Deutschland etwa 88.000 HIV-infizierte Menschen. Von 83 Millionen Menschen in Deutschland sind das zwar nur 0,11 Prozent – allerdings sind von den 88.000 HIV-Infizierten 56.000 Männer, die das Virus durch Sex mit Männern bekommen haben. Das ist das statistische Problem, vor dem die Bundesärztekammer steht. Es stecken sich vorrangig homosexuelle oder Bi-Männer mit HIV an. Daher gelten diese Gruppen als gefährdet. 

Andererseits muss man auch sagen: Es leben etwa vier Millionen homo- oder bisexuelle Männer in Deutschland (LSVD). Da wirkt die Zahl der 56.000 HIV-Infizierten plötzlich nicht mehr so riesig. Es gibt genug nicht-heterosexuelle Männer, die auf ihre Gesundheit achten, Safer Sex praktizieren und sich regelmäßig auf Infektionen testen lassen. Warum sollten die kein Blut spenden dürfen? 

Außerdem wird das Blut nach der Spende kontrolliert. Durch die aktuellen Testverfahren kann eine Infektion mit Hepatitis oder HIV durch eine Bluttransfusion fast komplett ausgeschlossen werden (Ärzteblatt). Leute zu diskriminieren oder auszuschließen, ist meiner Meinung nach nicht mehr nötig.

HIV und Blutspende

Bei jeder Blutspende werden Tests durchgeführt, unter anderem auf HIV-Antikörper. Aber: Diese Antikörper können erst einige Zeit nach der Infektion nachgewiesen werden. In der Zwischenzeit sind die betreffenden Personen aber bereits infektiös – und ihre Blutspende könnte andere Menschen infizieren. (Aids-Hilfe)

Was muss sich deiner Meinung nach konkret ändern?

In der Richtlinie der Bundesärztekammer steht, dass folgende Personen ausgeschlossen sind:

  • "heterosexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten, z. B. Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern,
  • Personen, die Sexualverkehr gegen Geld oder andere Leistungen anbieten,
  • Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben,
  • transsexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten."

Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen – egal welcher sexuellen Orientierung – nur dann als Risiko gelten, wenn sie Sex mit häufig wechselnden Partnern haben, wie im ersten Punkt aufgeführt. 

Wie begründet die Bundesärztekammer die Richtlinien für Blutspender?

In einer Veröffentlichung von 2016 schreibt die zuständige Arbeitsgruppe:

"Die medizinisch-wissenschaftliche Diskussion um die Zulassungskriterien zur Blutspende wird teilweise von gesellschaftspolitischen Fragen überlagert. Unabhängig von diesem Diskurs um die Gleichstellung von Männern, die Sexualverkehr mit Männern haben, dient die [...] Risikobewertung der Wahrung der Sicherheit von Blut und Blutprodukten."

Man wolle also niemanden diskriminieren:

"Eine Bewertung des Sexualverhaltens oder der sexuellen Orientierung im Sinne einer Diskriminierung wird damit nicht vorgenommen. Unstrittig ist, dass risikobehaftetes Sexualverhalten von Blutspendern, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Auswirkungen auf die Virussicherheit der aus der entsprechenden Spende hergestellten Blutprodukte haben kann."

Ist dir das Thema besonders wichtig, weil du selbst im Gesundheitswesen arbeitest?

Ja. Ich arbeite in einer Klinik und wir haben dort teilweise schwerwiegende OPs, bei denen Blut zugeführt werden muss. Teilweise mussten schon OPs verschoben werden, weil es zu wenige Konserven gab. Das geht einfach nicht. Wenn bei einem Patienten Gefäße verstopfen oder Gliedmaßen absterben sollten, nur weil eine OP aus Mangel an Blutvorräten nicht durchgeführt werden kann, ist das ein Armutszeugnis für das Gesundheitswesen.

Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach sagt: Es leben Millionen homosexuelle Männer, Bi- und Transmänner in Deutschland, von denen die meisten gesund sind – lasst sie Blut spenden!

Was hältst du davon, wenn manche Menschen auf dem Fragebogen falsche Angaben machen, um trotzdem Blut zu spenden? 

Ich kann verstehen, dass manche Leute das tun. Vielleicht kreuzen manche bei der besagten Frage auch "Nein" an, weil sie nicht geoutet sind. Aber aus welchem Grund auch immer: Ich persönlich würde eher davon abraten.

Am besten wäre es, wenn Menschen gar nicht erst in die Situation kommen, lügen zu müssen – nur weil sie etwas Gutes tun wollen. 

Gibt es Alternativen, die Schwule weniger diskriminieren?

  • In vielen EU-Ländern werden Spender unabhängig von ihrer Sexualität bei der Blutspende nach ihrem Sex-Verhalten befragt, etwa in Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal (Zeit Online). 
  • Eine Möglichkeit könnte auch sein, die Frist von einem Jahr zu verkürzen – zum Beispiel auf sechs Wochen. Denn: "Eine HIV-Infektion kann man heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen", sagte Björn Beck vom Lesben- und Schwulenverband Spiegel Online
  • In Israel wird seit diesem Jahr das Plasma aus Blutspenden homosexueller Männer vier Monate lang eingefroren. Danach wird der Spender noch einmal auf Infektionskrankheiten getestet. Wenn der Spender gesund ist, wird die eingefrorene Blutspende rückwirkend freigegeben. (Deutsches Ärzteblatt)

Im vergangenen Jahr wurde die Richtlinie zur Blutspende in Deutschland bereits leicht angepasst. Was hältst du von den Änderungen?

Die Neuerung ist, dass homo- und bisexuelle Männer nun Blut spenden dürfen, wenn sie mindestens zwölf Monate keinen Geschlechtsverkehr hatten – allerdings ist dies auch nicht immer der Fall, es kommt auf den Blutspendedienst an. (bento)

Das ist aber auch diskriminierend, denn wie viele Menschen verzichten denn ein ganzes Jahr lang auf Sex?! Vor allem, wenn man in einer festen Beziehung lebt oder verheiratet ist. Seit der Ehe für alle wird immerhin der Ehestatus von homosexuellen Menschen anerkannt – trotzdem wird uns offenbar nicht zugetraut, dass wir ein verantwortungsvolles Sexualleben führen können.

*In einer früheren Version schrieben wir, knapp über 0,1 Prozent der homo- oder bisexuellen in Männer seien infiziert, es sind aber knapp über 1 Prozent. 

Gerechtigkeit

Sandra und Paul kämpfen in Chemnitz gegen Rechts – hier erzählen sie, wie schwer das ist

Sandra steht in einer Nebengasse der Chemnitzer Innenstadt und schaut für einen Moment weg. Die Studentin macht ein Gesicht, als würde sie gleich heulen. Seit Tagen versucht die 26-Jährige mit ihren Freunden, friedlichen Protest gegen immer neue rechte Kundgebungen zu organisieren. Doch die Mitglieder des Bündnisses "Chemnitz Nazifrei", von denen ein großer Teil der Aktionen ausgeht und zu dem auch Sandra gehört, sehen müde aus. Viele haben in den vergangenen Tagen kaum geschlafen.

Zwei Mal demonstrierten in der vergangenen Woche bereits Rechtsextreme im Zentrum von Chemnitz, warfen Böller, brüllten "Wir sind Adolf-Hitler-Hooligans" und zeigten Hitlergrüße. Die Polizei wirkte überfordert. Beide Male waren Sandra und ihre Mitstreiter vor Ort und hielten – deutlich in Unterzahl – dagegen.