Fragen aus dem Patriarchat

Zuallererst: Nein. Natürlich bist du nicht schwul, nur weil du deine digitale Zuneigung mit einem Herz ausdrückst. Die Frage sollte viel eher lauten: Was ist so schlimm daran, schwul zu sein? Oder als schwul zu gelten? Sind Herzen nur etwas für Frauen? Und: Kann man als heterosexueller, im Netzwerk seines Vertrauens etablierter Mann nicht endlich einmal in Ruhe gelassen werden mit diesem Gender-Wahn?


Seit Twitter die Sterne - wie gewohnt entgegen der Vorlieben seiner treuen Nutzer - durch Herzen ersetzt hat, erlebt der Hashtag #MasculinitySoFragile ein Revival. Tausende Nutzer teilen dort ihre Erfahrungen mit überholten Konzepten von "Männlichkeit" und wollen auf problematische Aussagen wie "No homo" (Was so viel heißen soll wie: Achtung, ich bin sicher nicht homosexuell) oder "Das sieht total schwul aus" (guter Haarschnitt, enge Klamotten) aufmerksam machen. Nutzer beschweren sich dabei vor allem über Männer, die die neu eingeführten Herzen als "mädchenhaft" und "unmännlich" deklarieren.

Die dahinterliegende Problematik ist nicht so nett wie dieser Hashtag-Aktivismus. Es gab in den vergangenen Jahren ausreichend Debatten über neue, vom Mainstream abweichende Konzepte von Männlichkeit (dazu passt der re:publica-Vortrag "Walk Like a Man, Talk Like a Man" auf YouTube). Auch durch die Elternzeit, die immer mehr Männer nehmen, hat sich einiges zum Positiven verändert - zumindest oberflächlich. Dennoch: Warum scheint es im Jahr 2015 (!) immer noch geiler zu sein, seinem Kumpel dreimal auf die Brust zu schlagen oder eine Faust entgegen zu strecken, anstatt ihn einfach mal in den Arm zu nehmen? Ist es die Angst davor, als unmännlich zu gelten, als zu soft? Als der Typ belächelt zu werden, der abends freiwillig die Wäsche macht?

Vor dem Zeitalter der Romantik heirateten Männer und Frauen vor allem aus rationalen und ökonomischen Gründen, nicht unbedingt aus romantischen. Da diesen Ehen die intime Ebene fehlte, konnten Männerfreundschaften durchaus körperlicher Natur sein. Auch noch einige Zeit später, etwa in Romanen wie Peter Camenzind (1904) von Hermann Hesse, standen nicht die sexuellen Beziehungen zu Frauen im Vordergrund, sondern die emotional ergreifenden Momente mit seinem besten Freund Richard. Was denn "die anderen" davon halten würden, beschäftigte die beiden Hauptcharaktere auch damals schon.

Als wichtiger Teil romantischer Liebe gilt das körperliche Begehren. Nachdem die Sexualität einen höheren Stellenwert innerhalb der traditionellen Beziehung zwischen Mann und Frau erlangen konnte, wurden leidenschaftliche Männerfreundschaften in gewisser Weise überflüssig, das schreibt Eve Kosofsky Sedgwick, eine der wichtigsten US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen, die sich mit Queer-Theory auseinandersetzen. Seither sind Männer dem Verdacht der Homosexualität ausgesetzt, sobald sie zu zweit in den Urlaub fahren, ohne sich im All Inclusive Ressort besinnungslos zu besaufen. Die strikte Abgrenzung von Körper und Seele sorgt dafür, dass Freundschaften vorwiegend als geistige Verbindung aufgefasst werden, die das körperliche Begehren strikt ausschließen.


Oftmals geben sich Männer untereinander besonders homophob, um sich innerhalb der Peergroup als Obermacker zu positionieren. Manch einer kennt das noch vom Schulhof, wo das pubertäre Balzritual seinen Ursprung fand.

Interessanterweise müssen sich Frauen diesem Vorwurf kaum stellen, sind sie doch von kleinauf an starke zwischenmenschliche Beziehungen zu ihren Müttern, Schwestern und Freundinnen gewöhnt. Wenn sich junge Frauen zur Begrüßung auf den Mund küssen, gelten sie deswegen nicht gleich als lesbisch. Das überrascht nicht: Frauen haben seit Jahrhunderten unterstützende, emotionale Arbeit geleistet, nicht nur für Mann und Familie, sondern vor allem auch untereinander. Frauen haben Frauen gestillt, gelehrt, erzogen und unterstützt. Anders als Männer.

Die paradoxe Struktur patriarchalischer Gesellschaften fordert laut Sedgwick die klare Unterscheidung zwischen Männern, die Männer fördern (sei es beruflich) und Männern, die Männer lieben (im Abseits, meist privat). Es ist häufig entweder das eine oder das andere. Heteronormativität, also die Stilisierung von Heterosexualität zur Norm, schützt dieses Prinzip und unterstützt es ebenso wie Homophobie.


Für diese patriarchalischen Gesellschaften hat die Autorin Laurie Penny eine ganze Liste an Dingen ausgemacht, die "männliche" Männer nicht tun oder tun dürfen.

  • Kuscheln
  • Kreative Arbeit verrichten, die kein Geld einbringt
  • In einen Klub gehen, mit rosa Strumpfhosen
  • In der Öffentlichkeit weinen. Zuhause weinen
  • Sich Vollzeit um ihre Kinder kümmern
  • Sich von Frauen ansprechen und abschleppen lassen
  • Make-up tragen
  • Zu ihren Schwächen stehen
  • Sich darüber Gedanken machen, was andere denken
  • Die Wände ihres Schlafzimmers mit Blumentapete auskleiden
  • Rote Fingernägel haben
  • Unironisch One Direction hören - oder Justin Bieber

Wer nicht daran glaubt, der kann diese Punkte gerne abarbeiten. Letztlich sollte #MasculinitySoFragile aber von uns allen genutzt werden, um endlich mit binärem Schubladendenken aufzuräumen.

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