Sein halbes Leben lang hatte Efe ein Geheimnis. Eines von der Sorte, die ihn das Leben hätte kosten können. Efe stammt aus Nigeria – und er ist schwul. 

Homosexualität ist dort nicht nur gesellschaftlich tabuisiert, sondern wird auch bestraft. In den nördlichen Bundesstaaten des Landes steht sogar die Todesstrafe durch Steinigung auf homosexuelle Handlungen. Selbst, wer sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzt, muss mit Bestrafung rechnen. (Amnesty International)

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Efe hat uns seine Geschichte am Telefon erzählt. Auf seinen Wunsch war während des Gesprächs Anna Weißig vom "Queer Refugees Network" Leipzig anwesend, die ihn bei der Erklärung des rechtlichen Sachverhalts unterstützte. Efe gab uns zudem Einsicht in seine Unterlagen zum Asylverfahren, darunter ein Protokoll seiner Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. 

Efe sagt, er habe sich trotzdem heimlich mit Männern getroffen. Einfach niemandem von seinem zweiten Leben erzählt. Sich schuldig für seine Sexualität gefühlt. Bis zum 31. Januar 2016.

An diesem Tag habe er sich heimlich mit seinem Freund in dessen Wohnung getroffen, erzählt der 27-Jährige am Telefon. Die beiden seien nackt gewesen, als sich die Tür geöffnet habe. Ein Bekannter von Efes Freund sei vorbeigekommen – und habe die Nachbarschaft alarmiert, als er die beiden zusammen sah. Am Ende des Tages sei Efes Freund tot gewesen.

Efe lebt inzwischen in Leipzig, doch sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Ihm droht die Abschiebung nach Nigeria.

Nach dem Tod seines Freundes habe er nur einen Ausweg gesehen: Flucht. "Die Polizei nahm meine Mutter fest und ließ mir ausrichten, dass ich mich stellen sollte, damit sie freigelassen wird", erzählt Efe. Auch sein Vater habe am Telefon versucht, ihn dazu zu überreden. Bis zu diesem Zeitpunkt habe niemand aus Efes Familie gewusst, dass er schwul sei. 

Über einen Bekannten sei er nach Libyen gelangt. Um weiter nach Europa zu kommen, habe er sein Geld mit Sexarbeit verdient – gegen seinen Willen. Er sei mehrfach vergewaltigt worden. Seine Stimme klingt nüchtern, wenn er davon erzählt, die Sätze sind abgehackt.

Als er endlich in Italien ankommt, verschweigt Efe seine Sexualität. 

Sie hat ihn immer wieder in Gefahr gebracht, sie ist der Grund, aus dem er fliehen musste, sie ist es, für die er sich schämte. 

Efes Antrag auf Asyl wird in Italien abgelehnt. Als ihm die Abschiebung droht, flieht er nach Deutschland. Das war im April 2018. Doch auch hier wird sein Asylantrag abgelehnt. Die Begründung: Efe hätte in seinem Antrag in Italien bereits seine Homosexualität als Asylgrund nennen müssen. Da er dies nicht gemacht habe, könne man sie auch in Deutschland nicht als Asylgrund anerkennen.

Eine "krasse Fehlentscheidung", sagt Anna. 

Efe habe noch nicht richtig begriffen, dass er jetzt nicht mehr lügen müsse, sagt Anna Weißig vom "Queer Refugees Network" in Leipzig. 

"Bei geflüchteten LGBTI-Personen braucht es häufig Zeit, bis sie die rechtliche Situation verstehen und den Mut finden, sich zu outen. Davor war es ihre Überlebensstrategie, das zu verheimlichen – erst recht vor Behörden." Viele von ihnen wüssten überhaupt erst durch Beratung, dass ihre sexuelle Orientierung oder Identität ein Asylgrund sein könne. 

Seit 2013 gilt in der EU Homosexualität als zulässiger Asylgrund für Menschen aus Ländern, in denen sie wegen ihrer Sexualität verfolgt werden. Zu umstrittenen Entscheidungen kommt es dennoch: 2016 wurde beispielsweise der Asylantrag eines Syrers abgelehnt, weil er angegeben hatte, dass er in seiner Heimat seine Homosexualität nicht ausgelebt habe und sie geheim gehalten hatte. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) schloss daraus, dass er ja deshalb auch nicht verfolgt werden würde. Die Entscheidung wurde schließlich zurückgenommen (Tagesspiegel). 

Zahlen, wie viele Geflüchtete wegen sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität Asyl beantragen, werden nicht erhoben, ebensowenig wie die Zahl der positiven Asylbescheide aus diesem Grund. Auch deshalb ist es derzeit schwer, zu beurteilen, wie groß die Hürden für homosexuelle Geflohene sind. Fest steht nur: Vieles hängt an der Frage, welche Sachbearbeiterin oder welchen Sachbearbeiter sie bekommen – und ob diese speziell für solche Fälle geschult wurden. In Efes Fall sei der zuständige Mitarbeiter der Meinung gewesen, dass Efe bereits in Italien in der Lage hätte sein müssen, sich zu outen, glaubt Anna.

Auf Anfrage erklärte eine Sprecherin des Bamf, dass sie aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft zu Efes Fall geben könne, verwies jedoch auf das Asylgesetz, nach dem Geflüchtete glaubhaft machen müssten, dass ihnen bei Rückkehr in das Herkunftsland wegen ihrer sexuellen Orientierung "schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen" drohten, um Asyl erhalten zu können.

Im Falle Nigerias sollte das aber kein Problem sein. Und die gängige Rechtsprechung ist eigentlich auf Efes Seite. "Es gibt eine EU-Rechtsprechung, die besagt, dass man die Glaubwürdigkeit von LGBTI-Personen nicht anzweifeln kann, weil sie nicht gleich im ersten Moment ihre sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität angegeben haben", sagt Anna. (SPIEGEL)

Anna Weißig kennt viele ähnliche Fälle, die mit einem positiven Entscheid ausgingen. Fast alle davon seien jedoch von speziell für geschlechtsspezifische Verfolgung geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angehört worden. "Bei denen können wir uns sehr sicher sein, dass sensible Anhörungen durchgeführt werden", erklärt Anna. Diese Mitarbeiter stünden jedoch nicht allen Geflüchteten zur Verfügung – auch nicht Efe. 

Eine einfache Lösung des Problems sieht Anna daher in der Ausbildung von mehr solcher speziell geschulten Entscheiderinnen und Entscheidern. Denn offenbar gibt es zu wenige davon – und ein Recht auf Anhörung durch das geschulte Personal gibt es nicht, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht: Die für die Bearbeitung zuständige Person sei lediglich "gehalten, einen Sonderbeauftragten in das weitere Vorgehen einzubeziehen".

Efe sagt, er habe heute kaum noch Kontakt nach Nigeria. Seine eigene Familie habe ihn verstoßen, die Familie seines Partners habe vor seiner Flucht noch nach ihm suchen lassen und drohe damit, auch ihn umzubringen. In Deutschland, wo er offen mit seiner Sexualität umgehen kann, fühle er sich erstmals frei, erzählt Efe. "Heute weiß ich, dass ich einfach so geboren bin – und es nicht meine eigene Schuld ist, dass ich schwul bin." 


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