Nico Haj Rahmatollahi – ja, mein alter Name ist schwer zu lesen. Und noch schwerer auszusprechen. 

Das war manchmal lustig, aber meistens nervig: Jedes Mal, wenn neue Lehrer die Klassenliste durchgingen, habe ich Panik in ihren Augen gesehen. Auf fast jedem Brief an mich war mein Name falsch geschrieben. Bei Starbucks habe ich schon hysterisches Gelächter an der Kasse ausgelöst.

Seit meiner Schulzeit hatte ich ab und an das Gefühl, kein "Deutscher erster Klasse" zu sein:

Weil einige wenige Lehrer mich spüren ließen, dass sie nichts von "Multikulti“ halten. Weil ich eine Stelle als Nachhilfelehrer nicht bekommen habe, weil man sich nicht sicher war, ob ich genug Deutsch könne – dabei bin ich in Deutschland geboren. Weil ich immer und immer wieder gefragt wurde, wo ich "wirklich“ herkomme.

Und: wegen meines Namens. "Haj Rahmatollahi“ ist immer eine Hürde zwischen mir und den Meiers und Müllers und Schmidts dieses Landes gewesen. Er hat ihnen ständig ins Bewusstsein gerufen, dass meine Wurzeln neben den deutschen auch noch andere sind, dass ich nicht bin wie sie und meine Familie nicht ist wie ihre – dabei ist das Quatsch. 

Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt. Ich liebe Vollkornbrot, habe vier verschiedene Mülltonnen zu Hause (jede in ihrer eigenen Farbe) und identifiziere mich mit Europa. Mein Vater kam vor 38 Jahren nach Deutschland, um zu studieren – er hat zwei Drittel seines Lebens hier verbracht. 

Mein Name zieht eine Grenze, wo ich keine haben möchte.   

Auch deshalb habe ich mich entschieden, meinen Nachnamen zu ändern.  

Denn ja, der Name ist Teil meiner Identität. Aber er hat sich nie richtig angefühlt. Vielleicht auch, weil er immer falsch geschrieben wurde, weil ich ihn immer erklären musste und jedes Mal buchstabieren.

Meine Eltern haben mich bei der Namensänderung von Anfang unterstützt. Nachdem ich mich dazu entschieden hatte, konnte ich es vor Aufregung kaum erwarten, ihnen davon zu erzählen. 

Ich erinnere mich noch genau: Wir saßen an einem Samstag daheim zusammen am  Mittagstisch, es gab Lammfleisch mit Safranreis und Salat – wie gewöhnlich, persische Küche. Aber dieser Samstag sollte besonders werden. "Ich werde bald anders heißen als ihr." Sie hatten es geahnt - und waren doch überrascht, als es so weit war.

Aber ihre Reaktionen haben mich auch überrascht: Mein Vater war vor allem skeptisch, dass ich den richtigen Namen ausgewählt hatte: Amiri. Den Geburtsnamen seiner Mutter. Amiri, der Name klinge schön, sei auch leicht auszusprechen, sagte er. Aber ich hätte damit wahrscheinlich weiter Nachteile, bei Job und Wohnungssuche. Ob ich nicht stattdessen einen deutschen Namen annehmen wolle, den meiner Großeltern mütterlicherseits.

Mein Vater will natürlich nur das Beste für mich. Aber es macht mich traurig, dass man scheinbar nur mit einem deutschen Namen wirklich weiterkommt, ganz ohne Probleme.

In der Debatte um Einwanderung geht es oft darum, wie Migration ein Land verändert, um die Angst davor, dass "Deutsche" zu verlieren. Ganz selten geht es darum, wie sehr Deutschland die Menschen verändert, die ins Land kommen. 

Hätte ich auf meinen Vater gehört, hieße ich heute Nico Ehrhardt. Ehrhardt ist auch ein schöner Name und natürlich bin ich der Familie mütterlicherseits genauso verbunden wie der meines Vaters.  Aber wollte ich das wirklich? Nico Ehrhardt heißen? Dann hätte jeder, der den Namen liest, jemanden vor Augen, der keinen Migratonshintergund hat.

Auch das fühlte sich nicht richtig an – als würde ich den persischen Teil meiner Identität verleugnen.

Ich habe mit Amiri meinen Kompromiss gefunden: Die persische Identität meines Familiennamens habe ich behalten. Aber ich habe ihn angepasst, ihn für meine Mitmenschen einfacher leichter sprechbar gemacht.

Als ich die neue Unterschrift auf dem Pass gelesen habe, hatte ich gemischte Gefühle: Einerseits fühlte es sich ein bisschen so an, als hätte ich für ein einfacheres Leben einen Teil von mir abgegeben. Andererseits hatte ich es  geschafft – endlich stand da ein Name, den jeder aussprechen kann und bei dem niemand zu lachen anfängt.

Meinen Vater hat das überzeugt. Er will seinen Nachnamen im kommenden Jahr auch ändern lassen. Nur meine Mutter, geborene Ehrhardt, hat sich an ihren Namen seit der Hochzeit gewöhnt.

Im Moment sind wir also eine Familie, obwohl ich nicht den Namen meiner Eltern trage. In Zukunft trägt meine Mutter vielleicht nur den alten Namen meines Vaters. Wenn ich es so aufschreibe, kommt es mir schon ein wenig absurd vor.  Und ein bisschen unnötig.

Ich würde mir wünschen, dass mein Name weniger Probleme gemacht hätte. Dass die Deutschen sich daran gewöhnen, dass Namen unterschiedlich klingen, ohne jedes Mal eine große Sache daraus zu machen. Und dass sie erkennen, dass dieses schöne Land schon immer ein Einwanderungsland gewesen ist. Menschen von überall haben es aufgebaut und es geprägt.  Und wir - Menschen mit Wurzeln nicht nur in Deutschland - wollen uns genauso als Teil der Gesellschaft fühlen wie alle anderen auch.


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