Die Gelder sollen aus einem Corona-Hilfspaket kommen, das bis 2030 angelegt ist.

Wenn junge Menschen diesen Sommer nach Lissabon, Zagreb oder Amsterdam wollen, ist das wieder möglich: Die meisten europäischen Staaten haben ihre wegen der Corona-Pandemie geltende Reisewarnung wieder aufgehoben. Aber die Zeit der Billigflieger scheint vorbei. Viele Verbindungen sind gestrichen, die wenigen Flüge deutlich teurer geworden. 

Die Coronakrise hat nicht nur das gesellschaftliche Leben auf Pause gesetzt, sondern auch dem Klimaschutz einen möglichen Neustart verschafft: nachhaltig und CO2-arm Reisen wird wieder wichtiger. Es trifft den Zeitgeist. 

Die Generation Easyjet wird abgelöst

In einer Umfrage hat die Plattform Criteo 2019 nach "Green Travelern" Ausschau gehalten, also nach Reisenden, die sich in den vergangenen sechs Monaten mindestens einmal entschieden haben, eine ursprünglich geplante Reise nicht zu buchen, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern. 62 Prozent der klimabewussten Reisenden gehören demnach der Generation Z und den Millenials an, nur 38 Prozent älteren Generationen. Die Jungen fahren häufiger Bahn, vor allem in Deutschland. 22 Prozent gehören hierzulande zu den Green Travelern. In Frankreich und den USA sind es 18 Prozent. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 15 Prozent. (Statista/Criteo)

Die Generation Easyjet könnte abgelöst werden. Wenn es nach fünf Forschern des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche geht, könnte die Generation Transrapid folgen. 

Der Transrapid ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit bis zu 500 Kilometern pro Stunde fährt. Geht es nach den Träumen der Wissenschaftler, soll er bald auf 18.000 Kilometern kreuz und quer durch ganz Europa fahren. Sie haben sich Gedanken gemacht, wie ein europäisches Transrapid-Netz aussehen könnten – und wie realistisch sein Bau wäre. 

18.000 Kilometer Transrapid quer durch die Europäische Union

In der Studie werden vier Linien vorgestellt, die von Irland bis Italien und von der Iberischen Halbinsel bis auf den Balkan und nach Skandinavien Europa miteinander verbindet. Außerdem haben sie ausgerechnet, wie sich die Kosten auf die einzelnen europäischen Länder verteilen würden. 

  1. Die größte Route fährt eine Schleife von Lissabon über Paris und Berlin hoch nach Helsinki und Kopenhagen.
  2. Eine zweite Route verknüpft Irland über eine Fähre mit dem europäischen Festland.
  3. Die dritte Route führt von Paris über die Alpen und durch Italien bis nach Malta.
  4. Die vierte Route geht von Berlin nach Athen und bindet so viele Noch-nicht-EU-Staaten auf dem Balkan mit ein.

Transrapid-Vorschlag der Forscher: das Ende der Generation Easyjet?

Würde es realisiert, wäre es nicht nur ein gesamteuropäisches Mammutprojekt, sondern Klimaschutz und Völkerverbindung in einem: Anstatt CO2-schädlich durch die Lüfte zu fliegen, würden Europäerinnen und Europäer mit dem Transrapid genauso – oder schneller – am Boden vorankommen. Ein S-Bahn-Netz quer über den Kontinent, nächste Haltestelle: Lissabon.

Doch ist das überhaupt realistisch?

"Die Studie ist ein Entwurf für nachhaltige Mobilität in ganz Europa", sagt Philipp Kosok vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). "Wir brauchen eine Alternative zum Flugverkehr und eine Alternative zum Straßenverkehr – die Bahn wieder voranzubringen, wird da längst Zeit." Doch Philipp glaubt nicht, dass der Transrapid die richtige Lösung ist – und erinnert an ein Fiasko vor 18 Jahren.

2002 warb der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber in seiner wohl berühmtesten Rede für den Bau einer Transrapid-Strecke von der Münchner Innenstadt hinaus zum Flughafen. In zehn Minuten sollte er die 37 Kilometer meistern. "Am ... am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug", stammelte Stoiber damals. Sechs Jahre später, und nach einer Kostenschätzung in Höhe von 3,4 Milliarden Euro, wurde das Projekt für beendet erklärt. (SPIEGEL)

Wenn schon die wenigen Kilometer von Stoibers Strecke damals drei Milliarden Euro gekostet hätten, sei gar nicht absehbar, was ein europaweites Netz kosten wird, sagt Philipp. "An eine Schätzung wagt sich zu Recht niemand ran."

„Magnetbahnen sind sehr teuer und bis das Projekt realisiert wäre, hätte der Klimawandel die EU zerstört.“
Grünen-Politiker Rasmus Andresen

Auch für Rasmus Andresen, der für die Grünen im EU-Parlament sitzt, wäre die Realisierung des Transrapid-Netzes "ein Traum": "Es muss attraktiver werden, mit dem Zug zu fahren, sodass wir keine Flugzeuge mehr brauchen." Aber er glaubt nicht, dass die Highspeed-Züge die richtige Wahl sind: "Magnetbahnen sind sehr teuer und bis das Projekt realisiert wäre, hätte der Klimawandel die EU zerstört."

Die EU stellt 550 Milliarden für den Bahn-Ausbau zur Verfügung

Geld allerdings gibt es. Die Studie arbeitet mit Mitteln, die die EU längst zugesagt hat. Im Rahmen einer Nach-Corona-Aufbauhilfe hat die Union vor kurzem mehr als zwei Billionen Euro versprochen. Die Gelder sollen bis 2030 den europäischen Gesundheitssektor und die Infrastruktur verbessern. Knapp ein Viertel davon, 550 Milliarden, sollen für den Ausbau des Bahnverkehrs zur Verfügung stehen. (EU)

Die Forscher glauben, das Geld genügt, um den Transrapid Wirklichkeit werden zu lassen. Die neuen Bahntrassen sollen parallel des bestehenden transeuropäischen Transportnetzes TEN-T entstehen. Das verbindet schon jetzt die wichtigsten Städte miteinander, der französische TGV und der deutsche ICE befahren es.

Doch Verkehrsexperte Philipp ist sich sicher, dass die 550 Milliarden schnell verpuffen würden. Erst mal begonnen, würde der Bau ein Endlosprojekt werden, glaubt Philipp. Und vielerorts gar nicht realisierbar sein: "In unseren historisch gewachsenen Städten ist kein Platz mehr, da kann man nicht mal eben eine neue Bahnlinie samt Transrapid-Haltestelle durchlegen."

Wer in Kassel wohnt, hat nichts von einem EU-Transrapid

Auch würde der Hochgeschwindigkeitszug nicht in dem Maße den europäischen Gedanken fördern, wie es auf den ersten Blick scheint: "Damit ein Transrapid seine 500 Kilometer pro Stunde auch erreichen kann, macht er so wenige Stopps wie möglich. Es werden die Millionenstädte Berlin und Paris verbunden, Menschen aus anderen Großstädten können vom Projekt aber nicht profitieren." Anders ausgedrückt: Wer in Kassel wohnt und nach Marseille will, muss weiterhin Zeit investieren müssen, um anzukommen. 

„Es ist immernoch wahnsinnig kompliziert, per Zug quer durch Europa zu reisen.“
Verkehrsexperte Philipp Kosok

Philipp ist daher der Meinung, die EU sollte ihre 550 Milliarden lieber in das bestehende TEN-T-Netz stecken anstatt Transrapid-Träume zu schmieden: "Es ist immernoch wahnsinnig kompliziert, per Zug quer durch Europa zu reisen." Bereits seit Jahren wird ein Zugsicherungssystem ausgebaut, also eine Automatik, die klärt, wann ein Zug ein Gleis befahren kann, um nicht mit anderen zu kollidieren. "Lange hatte da jedes Land sein eigenes System", sagt Philipp, "damit war für Züge praktisch an der Grenze Schluss." Das voranzutreiben hält der Verkehrsexperte für grundlegend, um europäisches Zugreisen wieder zukunftsfähig zu machen.

Alte Gleise restaurieren statt neue aufbauen

So sieht es auch der Grünen-Abgeordnete Rasmus: Die EU investiere insgesamt viel zu wenig in Bahnprojekte, auch ohne Transrapid-Träume. "Im aktuellen Entwurf für das EU Budget will die EU gerade einmal 12,9 Milliarden Euro investieren. Das ist viel zu wenig um unsere Schienen zu modernisieren." Rasmus fordert daher, bestehende Gleise zu restaurieren statt neue aufzubauen und außerdem das Nachtzugnetz auszubauen. Er hofft, dass dann mehr Menschen lieber über Nacht nach Lissabon fahren als am Tag zu fliegen.

Eine weitere Forderung seiner Grünen-Fraktion: Fluggesellschaften die Befreiung von der Kerosinsteuer zu streichen. "So können die Wettbewerbsbedingungen für alternative Verkehrsgesellschaften gerechter werden", sagt Rasmus. Bahngesellschaften hätten dann eine Chance gegen Billigflieger, die Generation Easyjet könnte wieder zur Generation Interrail werden.

Für kommendes Jahr hat die EU das "Jahr der Schiene" ausgerufen. Vielleicht zeigt Brüssel dann, wie ernst es mit dem europäischen Bahnverkehr gemeint ist.


Streaming

Dark-Hauptdarsteller Louis Hofmann im Interview: "Die Zukunft wird gerade verspielt"

Die erste deutsche Netflix-Serie Dark ist ein internationaler Erfolg: Auf der einflussreichen Metakritik-Seite "Rotten Tomatoes" wurde sie kürzlich zur besten Netflix-Produktion aller Zeiten gewählt – und deklassierte dabei Konkurrenz wie Black Mirror, House of Cards oder The Crown. (SPIEGEL

Nicht überraschend vielleicht, sorgte die düstere und komplizierte Erzählung um vier Familien in der Kleinstadt Winden doch selbst in den wenig Fremdsprachen-affinen USA 2017 schon für allerhand Service-Artikel, wie man sich denn nun Untertitel einstelle. (bento) Am 27. Juni schließt Netflix das Zeitreise-Spektakel mit der Veröffentlichung der dritten Staffel ab. 

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