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Was hat der Rechtsruck mit dem Wegzug von jungen Leuten zu tun? Ein Interview

Leere Spielplätze, leere Kneipen, leere Straßen: Viele Orte in Ostdeutschland lassen sich am besten über das beschreiben, was ihnen allen fehlt. Junge Leute. 

Das bringt viele Probleme für den Arbeitsmarkt und die Infrastruktur mit sich. Aber jetzt will eine Studie auch noch festgestellt haben, dass die demographische Lage im Osten zu rassistischen Einstellungen führen könnte. Die Soziologin Katja Salomo, 33, hat für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) Umfrageergebnisse und Strukturdaten augewertet. Das Ergebnis sei eindeutig: 

Dass junge Menschen ihre Heimatorte im Osten verlassen haben, sei ein wichtiger Grund für den Rechtsruck dort.

Wir haben mit Katja darüber gesprochen, was Supermärkte mit dem Rechtsruck zu tun haben – und warum Ostdeutschlands Bevölkerungsstruktur weltweit einmalig sein könnte.

bento: Das Problem überalterter, leerer Dörfer im Osten könnte man einfach mit Zuwanderung lösen. Aber fremdenfeindliche Einstellungen verhindern das. Jetzt hast du gerade nachgewiesen, dass die ausgerechnet von Abwanderung erst befördert wurden.

Katja Salomo: Ja, irritierenderweise. Es ist gar nicht so, dass Menschen, die zurückbleiben, sowieso fremdenfeindlicher sind. Aber die demografische Situation wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus. Wenn zum Beispiel die Kaufkraft des Ortes zurückgeht, ändern sich die die Einkaufs- und Freizeitangebote. Dann gibt es nicht mehr so viel spannendes zu tun.

Die Menschen werden fremdenfeindlich, weil es kein Einkaufszentrum mehr gibt?

Ohne Jugendliche sind Sportveranstaltungen, Musikveranstaltungen, Fasching und Straßenfeste dröger oder finden gar nicht mehr statt. Häuser stehen leer, Infrastruktur wie Busverbindungen werden zurückgebaut. Das Gefühl ist dann: Es mangelt an etwas. Und jetzt kommen andere und wollen etwas von diesem Kuchen, der ohnehin schon zu klein ist.

Warum ist hier nicht Armut der entscheidende Faktor für den sozialen Neid?

Thüringen und den anderen ostdeutschen Bundesländern geht es wirtschaftlich seit 2000 immer besser. Zu Beginn des Jahrtausends war die ökonomische Situation noch relevanter, um dieses Gefühl von Benachteiligung und Abstiegsangst zu erklären. Seitdem hat sich die wirtschaftliche Lage stark erholt, die demografische Situation ist aber immer prekärer geworden. Und was viel zu selten erwähnt wird: Die demografische Situation in Ostdeutschland ist extrem.

Du meinst, im Vergleich zum Rest Deutschlands – oder Europas?

Zur Welt. Ich glaube, man findet sowas noch nicht mal im internationalen, historischen Vergleich. Dieses Zusammenspiel von Frauenmangel, hoher Abwanderung und Überalterung. Es gibt in Japan noch stärker überalterte Gebiete, in einigen asiatischen und afrikanischen Gesellschaften einen stärkeren Überhang an Männern im mittleren Alter, in bestimmten arabischen Ländern und auch Südkorea noch weniger Jugendliche. Aber gebündelt und verbunden mit hoher Abwanderung liegen diese ungünstigen Entwicklungen nur im Osten Deutschlands vor. Das ist noch nicht ganz in der öffentlichen Diskussion angekommen und auch gerade erst in der wissenschaftlichen.

Laut deiner Studie fehlen besonders Frauen für das soziale Leben. Aber nicht nur Frauen können Straßenfeste organisieren, oder?

Nun ja. Wir wissen, dass Frauen mehr in soziale Beziehungen und Netzwerke investieren: in der Familie und auch nachbarschaftlich. Der Zusammenhang ist in dieser Studie aber eine Vermutung. Wir haben dazu keine Daten und können das noch nicht belegen.

Das erinnert an ein Video von den Ausschreitungen in Chemnitz, in dem eine junge Frau einen der gewaltbereiten Demonstranten zurückpfeift und sagt: "Hase, du bleibst hier!"

Ja, daran erinnere ich mich auch. Interessanterweise hören wir immer wieder, dass es für Männer in der rechten Szene einer der häufigsten Ausstiegsgründe ist, zu heiraten oder Vater zu werden. 

Aber du vermutest die fehlenden Frauen auch als Grund für Fremdenfeindlichkeit?

Im Ilmkreis kamen vor zwei Jahren 100 Frauen auf 129 Männer zwischen 18 und 40. Also in dem Alter, in dem typischerweise Familiengründungen stattfinden. Da bleiben Männer ein bisschen übrig. Was passiert mit denen?

Warum ziehen die jungen Frauen weg?
Wegen der Wirtschaft. Die Männer müssen nicht wegziehen: Autoteilezulieferer und andere Jobs in der Industrie gibt es noch. Frauen gehen bevorzugt in andere Berufe  und Ostdeutschland ist noch keine so starke Dienstleistungsgesellschaft wie der Westen. Frauen kehren auch seltener aus westdeutschen Bundesländern zurück, da sie deutlich häufiger als Männer im Westen eine Partnerschaft eingehen und Familien gründen.

Seit 2015 kommen Tausende junge, geflüchtete Menschen nach Thüringen. Hat das die Situation nicht verbessert?

Da die Flüchtlinge eher männlich als weiblich sind und es ohnehin schon einen Männerüberhang gibt, hilft das nicht unbedingt. Ich befürchte außerdem, dass die jungen Migrantinnen und Migranten auch gehen werden – aus dem gleichen Grund wie alle anderen. Erst in die Städte und dann irgendwo nach Westdeutschland. Und die demografische Situation wird wohl auch noch fortschreiten: Die geburtenstarke Generation der Babyboomer hat größtenteils noch gar nicht das Rentenalter erreicht.

Was ist denn die Lösung: Strukturförderung – oder müssen die jungen Leute zurückgehen und einen Tanzverein auf dem Dorf gründen?

Ich bin keine Politikerin. Aber ich glaube, Demografie ist unerbittlich. Für ökonomischen Wandel kann man Menschen auch einfach Geld in die Hand geben. Es ist viel schwerer, demografische Prozesse einzufangen. Und es ist ein nachgelagerter Effekt: Selbst wenn man Ostdeutschland jetzt sofort zu einem sehr attraktiven Ort für junge Menschen machen würde, dürfte es dauern, den erlittenen Verlust an jungen Menschen auszugleichen.

Aber wo könnte man ansetzen, um das Lebensgefühl zu verbessern?

Leerstehende Häuser, die sich negativ auf das Wohlbefinden der Bevölkerung vor Ort auswirken, könnten Gemeinden vielleicht aufkaufen und nutzen. Und die Infrastruktur: Wer schnell in der Stadt ist, vermisst auf dem Land nichts mehr. Aber was wir noch gar nicht angesprochen haben: Ein Grund dafür, dass Menschen abwandern, ist ja auch der ostdeutsche Ruf.

Der wiederum von den fremdenfeindlichen Einstellungen der Dagebliebenen herrührt.

Ja. Und Zuwanderung könnte helfen, wird aber nicht akzeptiert. Wie man diesen Teufelskreis auflöst? Da bin ich auch ein bisschen ratlos.

Das wirkt so aussichtslos. In der Pressemitteilung zu deiner Studie steht sogar, dass die demografische Situation im Osten eine Gefahr für die offene Gesellschaft sei.

Es gibt auch positive Entwicklungen: Durch gestiegene Zuwanderung von außerhalb Deutschlands gibt es auch auf dem Land mehr Kontakt zu Migrantinnen und Migranten, der Lebensstandard steigt im Osten weiter, junge Generationen sind weiterhin immer toleranterer als ihre Elterngenerationen, bunte Gegenbewegungen gegen die Einflüsse von Rechtsextremen – all das hilft. Die Demografie, gegen die man anrennt, wirkt stark. Aber eine schrumpfende Bevölkerung hat auch etwas Positives: Weniger Menschen verbrauchen weniger Ressourcen – und die Mieten sind billig.


Future

Braucht es Latein überhaupt noch?
Ein Pro und Kontra zur toten Sprache

Ne discere cessa (Höre nicht auf zu lernen), heißt es in einem lateinischen Sprichwort. Doch genau beim Erlernen der alten Sprache tun sich so manche Schülerinnen, Schüler und Studierende richtig schwer und sind immer wieder kurz davor aufzugeben. Im Alltag brauchen es dann nur die wenigsten von ihnen wirklich. Denn fest steht: Latein ist eine tote Sprache. Oder wer benutzt noch "Alea iacta est", "Cave canem" oder "Tempus fugit, amor manet", um sich im Alltag zu verständigen?

Ist es dann heutzutage noch sinnvoll, Latein zu lernen? 

Der deutsche Soziologe Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin hat gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern diese Frage in der Studie "Des Kaisers alte Kleider: Fiktion und Wirklichkeit des Nutzens von Lateinkenntnissen" untersucht. Er behauptet, dass die vermeintlichen Vorteile von Latein nur eine Fiktion sind.