Bild: bento
In Flüchtlingscamps werden Zelte durch Holzhäuser ersetzt, damit keiner mehr frieren muss. Das löst Probleme – aber längst nicht alle.

Jetzt, da Asifa alles verloren hat, setzt sie ihre Hoffnung auf Holz. Kiefern sind robust, können 600 Jahre alt werden – und in ein paar Tagen bekommt Asifa aus solch beständigem Holz ein Haus. Sie hat dann einen Fußboden, 27 Quadratmeter Grundfläche und Steckdosen. Sie kann dann ihr Handy anschließen. Und eine Lampe aufstellen.

Asifa ist 25, Afghanin. Sie ist eine von 4000 Geflüchteten in Hamburg, die seit ihrer Ankunft in einfachen Zelten schlafen müssen – bei Kälte, Sturm und Regen.

Asifa und ihr Mann Ali können wieder lachen: Mitte Oktober, endlich Wärme.(Bild: bento)

Einige Erwachsene und Kinder froren in eisigen Nächten so sehr, dass sie mit Fieber und Lungenentzündungen ins Krankenhaus kamen. Andere zogen vor das Rathaus, demonstrierten für winterfeste Schlafplätze.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Temperaturen sinken – und es gibt viel zu wenige warme Unterkünfte für Flüchtlinge. Bund und Länder wirken überfordert: Zu spät würden angemessene Unterbringungen geschaffen, die Camps seien für den Winter nicht gewappnet, sagt ein Sprecher der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl (SPIEGEL ONLINE).

Die meisten Flüchtlinge in der Hamburger Dratelnstraße leben in Zelten – einige auch in befestigten Containern.(Bild: bento)

In Hamburg werden ab sofort alle Zelte durch Holzhäuser ersetzt, sagt Susanne Schwendtke, Sprecherin von "Fördern und Wohnen", dem städtischen Betreiber vieler Notunterkünfte in Hamburg. Im Camp an der Dratelnstraße leben 800 Menschen in den insgesamt 60 Zelten. Sie sollen bis zum Ende des Monats in die quadratischen Boxen aus Kiefernholz ziehen, die gerade auf dem Gelände hochgezogen werden.

In jedem Haus sollen acht Stockbetten stehen, es gibt eine richtige Heizanlage und Stromanschluss. Für maximal drei Monate wohnen die Flüchtlinge dort, danach soll es genügend richtige Wohnungen für sie geben.

Die Hütten bestehen nicht nur aus Holz, sondern auch aus einer echten Isolierungsplane.(Bild: bento)

Asifa und ihr Mann Ali ziehen bald in ein Holzhaus. Sie wohnen mit 16 anderen Menschen in einem Zelt mit kleiner Heizung, seit sie vor zwei Monaten in Hamburg ankamen.

Hinter ihnen liegt der Krieg: die Angst, die sie hastig die Taschen packen ließ. Die Nächte, in denen ihre Füße sie nach Europa trugen. Die Panik, die in ihnen hochkroch, wenn sie sich stundenlang hinter Büschen und in Gestrüpp versteckten. Und die Kälte, die sich nachts durch ihre Kleidung fraß.

Jetzt sind sie zwar sicher – doch die Kälte kehrt zurück: Die Zeltwände sind dünn, manchmal regnet es rein, durch Ritzen pfeift der Wind.

Der Kasten steht – bald kommen Türen und echte Fenster.(Bild: bento)

Warum müssen erst Menschen krank werden und demonstrieren, bis sie warme Hütten bekommen? Susanne Schwendtke sagt, sie wisse darauf keine Antwort. Sicher ist: Es gibt ständig Streit um die wenigen warmen Schlafplätze im Camp. "Wir erklären den Bewohnern zwar, dass Schwangere oder Kranke einen Container-Platz nötiger haben, als ein gesunder Mann", sagt Schwendtke. "Aber manche finden das ungerecht und können das nicht verstehen."

Auf dem Gelände brummt und hämmert es, es riecht nach frisch gefällter Kiefer. Ein Sicherheitsdienst bewacht die Baustelle, die Bewohner beobachten aus der Entfernung, wie die Häuser entstehen.

In Deutschland lebt von den etwa 305.000 Flüchtlingen etwa jeder Achte in einem Zelt (WELT). Überall soll sich diese Situation ändern – ob das klappt, bevor der richtige Winter hereinbricht, ist unklar.

Pressesprecherin Susanne Schwendtke: Viele Fragen, wenige Antworten.(Bild: bento)
Asifa geht in ihr Zelt. Sie spricht nur Afghanisch, eine Zeltnachbarin übersetzt. Sie habe wegen der Kälte viele Nächte nicht schlafen können, sagt Asifa. "Es war eisig. Und dann diese weinenden Babys." Das Zelt ist bis zur Decke vollgestopft mit Tüten, Taschen, Koffern, Kleidung. Von oben hängen Tücher, sie trennen die einzelnen Schlafbereiche der Zeltbewohner.

Wenn draußen jemand aggressiv wird, laut herumschreit, "dann rücken wir hier im Zelt alle ganz eng aneinander. Wünschen uns, dass sich alle vertragen", sagt Asifa.
Auf den Platz, der Asifa und Ali zusteht, passt nicht viel mehr als ihr Bett.(Bild: bento)

Außer Ali habe sie nicht mehr viel. Als wolle sie sich vergewissern, dass er nicht weggeht, schaut sie immer wieder zu ihm. "Meine Eltern erreiche ich seit Wochen nicht mehr. Ich weiß nicht, wo sie sind."

Wie kann ein Mensch das aushalten?

Bevor in ihrer Nachbarschaft Bomben explodierten, sei sie ein glücklicher Mensch gewesen, sagt Asifa. Sie habe ein Auto gehabt, ein eigenes Dach über dem Kopf. Ali sei Schneider gewesen, sie zupft an seiner Jacke.

Deutschland sei ein gutes Land. Aber sie dürfe ja vielleicht gar nicht hier bleiben. Aber sie lerne wahrscheinlich nicht gut genug Deutsch. Sie wolle arbeiten, aber daheim sei sie doch bloß eine Hausfrau gewesen. Aber – jeder ihrer Sätze enthält dieses Wort.

Regeln im Camp: 1 person = 1 bed.(Bild: bento)

Ein großer LKW mit Holzladung schiebt sich aufs Gelände, es ist gleich Essenszeit. Während es in ganz Europa Tag für Tag kälter wird, sind noch immer zehntausende Menschen auf der Flucht. Sie laufen über den Balkan, sitzen tagelang an osteuropäischen Grenzen fest, treten lebensgefährliche Überseefahrten an – von der Türkei auf die griechischen Inseln, oder von Nordafrika nach Südeuropa.

Asifa steht vor dem Zelt und blickt zur Baustelle hinüber. Eine dieser Hütten wird bald ihre sein. Die Taschen für den Umzug hat sie schon gepackt.