Julien Bam, DagiBee, Oğuz Yılmaz, Diana zur Löwen, Fynn Kliemann, Rezo, Unge... – es sind zu viele Namen, um sie vollständig aufzuzählen. Doch in einem bemerkenswerten Video, das am Freitag veröffentlicht wurde, rufen sehr, sehr viele YouTuber dazu auf, an der Europawahl am Sonntag teilzunehmen. Sie fordern die Zuschauenden zur Unterstützung einer radikaleren Klimapolitik auf – und deshalb bloß nicht CDU und CSU, SPD oder AfD zu wählen.

Das Video zeigt, wie groß die Wut auf die großen Parteien bei vielen jungen Menschen ist – und wie wenig klassische Beschwichtigungsstrategien noch funktionieren. 

Die potentielle Reichweite des zweieinhalbminütigen Aufrufs lässt sich bislang kaum abschätzen. Bereits in den ersten Stunden nach Veröffentlichung erreichte das Video eine sechsstellige Zahl von Aufrufen, mehr als 200.000 Zuschauende drückten den Like-Button. Da die Zählung zeitverzögert erfolgt, dürfte die tatsächlichen Zahlen schon bei der Veröffentlichung dieses Textes deutlich höher sein.

Es ist kein Zufall, dass das Video auf dem Kanal von Rezo veröffentlicht wurde. Mit seiner einstündigen Wutrede gegen die CDU hatte er am vergangenen Samstag eine breite Debatte losgetreten. Tagelang wurden der 26-jährige YouTuber und seine Fans beschimpft, verspottet oder mit ausufernden Faktenchecks kritisiert. Dennoch – oder gerade wegen der Reaktionen – wurde das Video laut YouTube bislang mehr als 7,7 Millionen Mal angeschaut (Im Interview mit bento spricht Rezo hier über die Reaktionen). 

Die CDU wirkte damit überfordert. Tagelang reagierte in der Parteizentrale niemand offiziell auf das Video. Am Mittwoch unterstellte Generalsekretär Paul Ziemiak, selbst 33, Rezo dann "Pseudofakten", nur um ihm einen Tag später plötzlich das Gespräch anzubieten. Schon lange wirkten führende Politikerinnen und Politiker einer Regierungspartei nicht mehr so hilflos wie in dieser Woche. Das neue Video der YouTuber verlängert diese Debatte jetzt noch einmal.

Dass selbst Sex-YouTuberinnen wie Katja Krasavice plötzlich nicht mehr über Doggystyle sondern Klimapolitik reden wollen, zeigt, wie verbreitet die Wut auf CDU, CSU und SPD inzwischen ist. 

Politisches Engagement erscheint plötzlich wieder populär. 

Erst an diesem Freitag mobilisierte "Fridays for Future" für große Demonstrationen vor der Europawahl. Die genaue Teilnehmerzahl ist noch unbekannt. Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern haben die Proteste schon jetzt ein Umdenken bewirkt: Klimaschutz gilt vielen plötzlich wichtiger als Flüchtlingspolitik. 

Nach endlosen Diskussionen um die AfD wirkt es plötzlich so, als gebe es doch noch Alternativen gegen die Alternativlosigkeit der Großen Koalition und den Rechtsruck in der Gesellschaft.

Auch bei anderen Themen zeigte sich in den vergangenen Monaten, dass sich viele junge Menschen nicht mehr beschwichtigen lassen wollen. Allein die Demonstrationen gegen "Artikel 13" und Uploadfilter mobilisierten Zehntausende. Auch hier wehrten sich die jungen Menschen gegen Beschimpfungen als "Bots" oder Ähnliches. Wie jetzt bei Rezo zeigte sich auch damals schon, dass bloße Zurechtweisungen von oben nicht mehr funktionieren.

Die angegriffenen Parteien haben auf diese Art von Kritik bislang keine Antworten gefunden. 

Die SPD schickte am Freitagmorgen über ihren Whatsapp-Newsletter einen Kettenbrief raus, den man an zehn Kontakte weiterleiten soll, weil sonst "schlimmes" passieren werde und die Rechtspopulisten Europa kaputt machen würden. Dazu gibt's massenweise Emojis – man weiß nicht, ob es Satire sein soll. 

Eine Antwort auf die Forderungen vieler Menschen ist das jedoch kaum. Selbst auf der Plattform dürfte die Idee kaum funktioniert haben: Whatsapp lässt das Weiterleiten von Nachrichten zur Vermeidung von Spam an so viele Menschen gar nicht mehr zu. Ein später am Freitag veröffentlichtes SPD-Video mit Kevin Kühnert versuchte, die Diskussion um Rezo kurz vor der Wahl zurück auf die Union zu lenken. 

Auch in der Union sucht man nach Antworten. In einer Instagram-Aktion der Jungen Union präsentierten an diesem Freitag Dutzende Influencer und Unterstützer ihren JU-Hoodie gemeinsam mit Aufrufen zur Europawahl. Die Pullover dafür kamen kostenlos aus der Parteizentrale. 

Die Aktion zeigt vielleicht, in welche Richtung politische Kommunikation künftig wohl gehen muss, wenn sie ernstgenommen werden will. Spätestens nach dem neuen Video von Rezo und Co. ist jedoch klar, dass das CDU, CSU und SPD vor der Europawahl kaum noch gelingen dürften. Die Regeln haben sich verändert.


Future

Warum geben wir eigentlich unsere Traumberufe auf?

Wer sich viel im Internet aufhält, hat vermutlich das Werbevideo der Bayerischen Landesbank mit Ronja von Rönne gesehen. Oder zumindest davon gehört. Kurz zusammengefasst: Kinder werden gefragt, was sie denn später mal werden wollen. Sie antworten. Tierpflegerin, Feuerwehrmann, Sängerin. Als Antwort bekommen sie von Ronja von Rönne zu hören: Das ist dumm, werdet Bänker.  

Seit ich das Video gesehen habe, habe ich mir eine Frage gestellt: Warum geben wir eigentlich unsere Traumberufe auf? 

Erste Vermutung: Weil es dann mehr Tierärzte geben würde als Hunde, die kastriert werden sollen.