Bild: Garry Knight / cc by-sa
Das erklärt der junge Autor und Aktivist Wolfgang Gründinger in seinem neuen Buch

Damit eines gleich klar ist: Das Buch "Alte Säcke Politik" ist kein Bashing von Senioren. "Ein alter Sack oder eine alte Schachtel kann jeder sein", erklärt der Autor Wolfgang Gründinger. Es geht ihm vor allem ums Denken, weniger ums Alter.

Wolfang Gründinger ist 31 Jahre alt, Politikwissenschaftler und selbsternannter "Zukunftslobbyist", als Autor und Aktivist beschäftigt er sich viel mit der Rente, mit Demografie und Generationengerechtigkeit, zudem engagiert er sich unter anderem in der SPD. Er hat etwas gegen all diejenigen, die einen Stillstand in Deutschland bewirken, eine "Merkelisierung". "Viele konservieren lieber das Gestern, als das Morgen zu ermöglichen", sagt Gründinger.

In seinem neuen Buch beschreibt er, was die Bundesrepublik zu einer Greisen-Demokratie macht – und wie wir seiner Meinung nach aus der Misere wieder herauskommen.

Wolfgang Gründinger, 31, ist Sprecher der Stiftung Generationengerechtigkeit und leitet das Forum "Digitale Transformation" beim Bundesverband Digitale Wirtschaft.(Bild: Axel Schmidt)
1. Zukunftsbremse: Digitaler Rückstand

Gründinger beobachtet: In Deutschland herrscht digitaler Bildungsnotstand. Schuld daran seien auch führende Intellektuelle wie Manfred Spitzer oder Hans Magnus Enzensberger. Sie verstünden die Digitalisierung nicht, verteufelten in Essays und wissenschaftlichen Arbeiten den technischen Fortschritt und wollten so ihr altes Wertesystem allen anderen aufdrücken.

In Bezug auf die Bundespolitik gehe die Strategie schon auf: Bei der Glasfaser-Verkabelung sei Deutschland Klassenletzter in der EU. Ein No-Go für Gründinger.

Der Jugend gehört die Zukunft. Den Alten gehört alles andere.
Wolfgang Gründinger
2. Zukunftsbremse: Rentenpolitik

Die Rente mit 63 und die Mütterrente seien zwar toll für eine Gruppe von Menschen. Nur: Was ist mit den Generationen, die erst in ein paar Jahren in Rente gehen?

Statt teure, kurzfristige Rentenpakte zu schnüren, solle lieber langfristig investiert werden: In fair bezahlte, gute Arbeit, Kinderbetreuung und die Aufnahme von Selbständigen in die gesetzlichen Sozialversicherungen.

Gründingers "Appell an die Alten" im Video:
3. Zukunftsbremse: Generational Pay Gap

Was, noch ein Pay Gap? Ja, ganz recht. Nicht nur zwischen Mann und Frau herrscht Lohnungleichheit, sondern auch zwischen Jung und Alt. "Das fängt damit an, dass das Niveau der Einstiegsgehälter in Deutschland zu niedrig ist", sagt Gründinger, "geht aber auch schon damit weiter, dass der Mindestlohn erst ab 18 Jahren gilt und Einstiegsjobs oft unbegründet befristet sind."

Junge dürften nicht für ihre "späte Geburt" bestraft werden. Deswegen schlägt Gründinger vor, das Gleichheitsgebot im Grundgesetz zu erweitern: Diskriminierung nach Lebensalter solle verboten werden.

4. Zukunftsbremse: Das Märchen von der Chancengleichheit

Jeder kann alles erreichen, wenn er nur fleißig genug ist? Schwachsinn! Gründinger zufolge sind die Chancen in diesem Land alles andere als fair verteilt. Wer in einem reichen Elternhaus aufwächst, habe alle Möglichkeiten: Sie lernen vom Au-Pair eine zweite Fremdsprache, bedienen sich in der Hausbibliothek und gleichen Lernschwächen mit privatem Nachhilfeunterricht aus. Den weniger reichen Menschen bleibe das verwehrt.

Das Cover des Buches "Alte Säcke Politik“

Später gewinne, wer am häufigsten im Ausland war, das tollste Praktikum absolviert und die besten Kontakte zum Personalchef hat. "Klar, das ist ein kulturelles Problem", sagt Gründinger, "aber mehr Investitionen in individuelle Förderung würden schon ein bisschen mehr Fairness schaffen."

Und dann wäre da noch die Erbschaftsteuer. Die könne Gerechtigkeit schaffen, wenn sie nicht "zu einem Rinnsal vertrocknet wäre".

5. Zukunftsbremse: Schwarze Null

Der Einsturz des Bankensystems und die darauf folgende Wirtschaftskrise hätten die Staatsschulden auf neue Rekordhöhen getrieben, schreibt Gründinger. Das Geld fehle woanders: bei Kinderbetreuung, Bildung, Energiewende – also genau da, wo es jungen und zukünftigen Generationen zugutekommen würde.

Doch während die Bundesregierung weiterhin die Vergangenheit subventioniere, blieben die Jungen mit der Schuldenlast zurück. Dank der Niedrigzinsen müssten sie gleichzeitig privat vorsorgen und sich auf steigende Kosten für Pflege und Renten einstellen.

Aktivisten bei einer Demonstration zur Generationengerechtigkeit.(Bild: Stiftung Generationengerechtigkeit)
Was nun?

Was also tun, um das Land aus seinem bequemen "Merkel-Schlaf" aufzuwecken? "Eigentlich ist es ganz einfach", sagt Gründinger.

Es müsse endlich in die Zukunft investiert werden, statt in die Vergangenheit.

Doch da gibt es ein Problem: Politik wird meistens für die größte Wählergruppe gemacht – und das sind in diesem Land die Alten. Deshalb müsste die Stimme der Jungen wieder größeres Gewicht bekommen.

"Kinder an die Macht", fordert Gründinger deshalb. Und zwar am besten durch ein Kinderwahlrecht. Denn warum sollte nicht jeder das Wahlrecht ausüben dürfen, der das eigenständig kann und möchte? Ein Höchstwahlalter gebe es schließlich auch nicht.

Damit sich mehr Junge für Politik interessieren und lernen, wie man sich einmischt, müsse politische Bildung auch in den Schulen eine größere Rolle spielen.

Und warum nicht eine Zukunftskommission bilden, die zur Hälfte aus Bundestagsabgeordneten und zur Hälfte aus jungen Sachverständigen, zum Beispiel aus Vereinen, besteht? Dann würden die verschiedenen Generationen endlich wieder in einen Dialog treten.

Dialog ist laut Gründinger ohnehin der Schlüssel zum Erfolg. Denn: Nicht alle Alten seien ja blind für die Zukunft. "Es gibt viele Senioren, die sich für Digitalisierung und andere wichtige Themen interessieren", erklärt er, "mit ihnen müssen sich die Jungen zusammentun. Und gemeinsam den Aufstand proben."

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