Bild: dpa/Julian Stratenschulte
Politikwissenschaftler Robert Feustel und sein Team haben das "Wörterbuch des besorgten Bürgers" geschrieben

Ob "Umvolkung" oder "völkisch" – neue Rechte wie AfD und Pegida fallen mit nationalistischen Entgleisungen auf. Oft bedienen sie sich dabei eines Vokabulars, das in der Tradition der Nationalsozialisten steht. Aber auch Neologismen werden geschaffen, denen man ihre Menschenfeindlichkeit auf den ersten Blick nicht anmerkt.

Ein Autorenteam um den Leipziger Politikwissenschaftler Robert Feustel hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Worte der Rechten zu sammeln und ihren Ursprung aufzuzeigen. So ist das "Wörterbuch des besorgten Bürgers" entstanden

Wir haben Feustel gefragt, bei welchen Worten wir hellhörig werden sollten – und welche der rechten Vokabeln es schon in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft haben.

Zur Person

Robert Feustel, 37 Jahre alt, ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig. Zusammen mit anderen Autoren betreibt er den sprachlos-blog.de. Aus diesem ist das "Wörterbuch des besorgten Bürgers" entstanden, das am 7. Dezember im Ventil-Verlag erscheint.

Warum ist für Sie die Sprache im Umgang mit besorgten Bürgern so zentral?

Sprache hat die Macht der Unterscheidung. Die Benennung ist weit mehr als Oberfläche, sie erschafft Objekte erst in ihrer Bedeutung. Es ist nicht trivial, wenn man wie Schäuble etwa von "Flüchtlingslawinen" spricht. Er beschreibt Menschen so nicht als Individuen, sondern verklärt sie zu einer Naturkatastrophe. Schon das zeigt: Sprache bildet nicht neutral ab.

Wer benutzt die von Ihnen analysierten Worte?

Das ist weit gestreut. Es geht um eine reaktionäre Bewegung, die stark auf Deutschland pocht, auf nationale Autonomie, auf vermeintlich autochthone Kultur. Wir haben uns bei Reden von harten Nazis, Pegida und AfD bedient, aber auch bei Horst Seehofer oder Wolfgang Schäuble.

In der Slideshow kannst du sehen, welche Wörter belastet sind:
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Welche Volksparteien sind betroffen?

In fast jeder Partei – abgesehen vielleicht von der Satirepartei "Die Partei" – lässt sich dieses Vokabular finden. Thilo Sarrazin hat weiterhin ein SPD-Parteibuch. Bettina Kudla von der CDU spricht gerne von "Umvolkung" – und bedient sich damit einer Verschwörungstheorie, die annimmt, dass das deutsche Volk durch Zugezogene ersetzt wird. Und Sahra Wagenknecht spricht bei der Linken ebenso von "Obergrenzen" wie Horst Seehofer bei der CSU.

Welche Begriffe in Ihrem Wörterbuch haben bereits Tradition? Welche sind neu?

Der "Volksverräter" ist ein Schlachtruf der besorgten Bürger – er stammt aus der NS-Zeit. Damals war "Volksverrat" ein Straftatbestand. Mit der "Lügenpresse" ist das ganz ähnlich. Den Begriff gibt es zwar schon im 19. Jahrhundert, groß wurde er aber in den 1920er und 1930er Jahren, als die Nazis die bürgerliche Presse als "Lügenpresse" pauschal diffamierten. Neu sind Begriffe wie die "Merkel-Jugend", angelehnt an die Hitler-Jugend. Oder "Frühsexualisierung", der Begriff wird gerade auch von der AfD mit seltsamen Verdrehungen verwendet wird.

Lassen sich bestimmte Strategien identifizieren?

Wir haben vier Strategien ausgemacht: Erstens die Aktualisierung von alten Nazi-Begriffen, die auf die heutige Zeit angewendet und für eigentlich harmlos erklärt werden – zum Beispiel der "Volksverräter" oder der "Volkstod". Zweitens die Umkehrung: Dabei werden Worte gegen ihren traditionellen Sinn verwendet. Das passiert etwa, wenn Pegida-Demonstranten "Demokratie" fordern und straffe Autorität meinen, oder ihren linken Gegendemonstranten "Nazis raus" entgegen brüllen. Sehr auffällig und häufig angewendet wird drittens die Pauschalisierung. Ein Beispiel hierfür ist "Asylant", eine abwertende Bezeichnung für alle. Zentral für die gesamte Rhetorik ist viertens eine Mimikry des Tabubruchs.

Was bedeutet das?

Es werden vermeintliche Tabus zitiert, die dann gebrochen werden. So stellen die besorgten Bürger einen Pappkamerad namens Sprechverbot oder Meinungsdiktatur auf – um ihn effektvoll umzuboxen. Nur gibt es diese Tabus und Sprechverbote gar nicht. Oder hat jemand Thilo Sarrazin das Wort verboten?

Das Wort "Flüchtlingskrise" trägt auch eine gewisse Perversion in sich. Denn wer hat hier eigentlich eine Krise?
Robert Feustel
Gibt es Begriffe, die Eingang in die Medien gefunden haben, bei denen Sie sich mehr Reflexion wünschen?

"Asylkritiker", "Flüchtlingskrise" und "Kulturkreis". Das Wort "Asylkritiker" kleidet harmlos ein, was eigentlich harte Ausgrenzungspraxis ist. Früher bezog es sich mal auf die Kritik etwa an der Einschränkung des Asylrechts. Heute nennen sich alle so, die die Flüchtlinge einfach "weg haben" wollen. Das in allen Medien häufig verwendete Wort "Flüchtlingskrise" trägt auch eine gewisse Perversion in sich. Denn wer hat hier eigentlich eine Krise? Die Flüchtlinge, nicht wir. Auch das Wort "Kulturkreis" wird inzwischen wie selbstverständlich benutzt. Dabei werden große regionale Räume zusammengeschraubt, die äußerst heterogen sind.

Sehen Sie die Chance, Begriffe nochmals umzudeuten, die von rechts instrumentalisiert wurden?

Begriffe sind immer in Bewegung. Bei "Gender" zum Beispiel ist die besorgte Kontur nur eine von vielen. Das Wort zu tilgen, nur weil es von besorgten Bürgern abwertend verwendet wird, wäre fahrlässig. Dann würde man den Falschen das Feld überlassen. Nur weil wir uns im sogenannten postfaktischen Zeitalter befinden, sollten wir uns nicht von Fakten verabschieden. Manche Worte müssen uns einen Streit wert sein.

Die letzte öffentliche Diskussion, die sich auf Sprache konzentrierte, wurde von Frauke Petrys "völkisch" ausgelöst.
(Bild: YouTube/extra 3)

Frauke Petry hat sich eines Taschenspielertricks bedient und versucht, sich nach dem Motto herauszureden: Das muss doch okay sein, wenn ich von einem Substantiv das Adjektiv bilde. So einfach liegen die Dinge aber nicht. Der Begriff hatte ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zur Nazizeit Konjunktur und verbindet das Volk mit einer Rassentheorie.

"Völkisch" ist überhaupt nicht harmlos.
Robert Feustel

Die Idee eines gemeinsamen Volkskörpers, der über eine Blutabstammungsgemeinschaft definiert wird, ist dabei zentral. "Völkisch" ist überhaupt nicht harmlos.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Verbreitung solcher Begriffe?

Eine große Rolle. In diesen Netzwerken setzt ein selbstverstärkender Prozess ein. Wie in einem Echoraum werden besorgte Bürger dort immer wieder mit denselben Falschmeldungen und denselben Meinungen konfrontiert.

Sie zerpflücken die Begriffe in Ihrem Wörterbuch zum Teil durchaus mit Humor. Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf, die besorgten Bürger nicht ernst zu nehmen?

Das nehmen wir in Kauf. Es soll auch Spaß machen, das Buch zu lesen. Und mitunter haben die besorgten Bürger etwas sehr Karikaturhaftes, über das man auch mal lachen darf. Unser Adressat sind außerdem in erster Linie nicht die besorgten Bürger. Denn ich gehe davon aus, dass es mit sachlicher, sprachlicher und politischer Argumentation nicht möglich ist, an dieser Front Menschen zum Umdenken zu bringen. Ihre Logik der Angst erlaubt jede Art von Irrationalität.

Wer ist dann ihre Zielgruppe?

Alle anderen. Mit zwei Zielen: Zum einen wollen wir Menschen, die nicht aus dem sprachkritischen Milieu stammen, mit Vorsicht ausstatten. Sie sollen hinterfragen können: Was wird hier eigentlich gesprochen? Zum anderen wollen wir Menschen mit Argumenten für Diskussionen mit besorgten Bürgern "bewaffnen". Das geht sehr viel besser, wenn man ihre Sprache kennt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir das Wort "Schießbefehl" als direktes Zitat Pegida zugeordnet. Das ist jedoch nicht korrekt, Tatjana Festerling sagte im Wortlaut: "Wenn sie weiterhin über die Grenze kommen und man sie nicht festnehmen kann, erschießt sie."


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