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Eine Befragung zeigt, wie sich der Zusammenhalt in der Bevölkerung verändert hat.

Seit zwei Monaten scheint die Welt still zu stehen. Unternehmen haben ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt, Schulen und Universitäten bleiben geschlossen, Millionen Menschen arbeiten plötzlich vom Wohnzimmer aus. Die Coronakrise hat unseren Alltag drastisch verändert.

Schon jetzt, so zeigte erst kürzlich eine Studie, leiden junge Menschen besonders unter dieser Situation (Universität Erfurt). Doch was passiert, wenn das Coronavirus in einer zweiten Welle noch einmal stärker zurückkommt? Und wie groß ist der anfangs viel beschworene Zusammenhalt in der Gesellschaft heute noch?

Der Wirtschaftswissenschaftler Matthias Fifka von der Universität Erlangen-Nürnberg hat untersucht, wie die Coronakrise heute wahrgenommen wird. Und was sich die Menschen in Deutschland für den künftigen Umgang mit Corona wünschen. 

bento: Herr Fifka, Sie haben untersuchen lassen, wie sich die Menschen in Deutschland den weiteren Umgang mit der Corona-Pandemie vorstellen. Lässt sich dazu überhaupt schon etwas Verlässliches sagen?

Fifka: Die Bürger können inzwischen auf einen Erfahrungsschatz von ungefähr zwei Monaten zurückgreifen. Wir wollten deshalb schauen, wie sich Einschätzungen geändert haben. 

Und wir sehen, dass es bereits in der kurzen Zeit deutlich veränderte Einstellungen gibt. Die Menschen wünschen sich, dass es bei einer möglichen zweiten Welle oder künftigen Epidemien klare Regeln gibt. Es gibt einen großen Wunsch nach strukturierten Maßnahmen statt wöchentlichen Veränderungen.

Matthias Fifka ist Professor für BWL mit einem Forschungsschwerpunkt auf  Policy-Forschung im Bezug auf Parteien und Interessengruppen

bento: Ihre Befragung zeigt, dass junge Menschen deutlich skeptischer scheinen als Ältere, was die Einschränkung von Grundrechten angeht. Wie erklären Sie sich das?

Fifka: Jüngere Menschen machen sich eher Sorgen um ihre Freiheit als um die eigene Gesundheit. Bei den Älteren scheint das umgekehrt. Sie gestehen der Politik deutlich größere Eingriffe zu. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die große Solidarität, die wir am Anfang der Krise erlebt haben, vorbei ist. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass wir Szenen wie in Italien oder Spanien hier nie erlebt haben.

bento: Könnte man sagen, die Jungen fürchten ihre Zukunft, die Alten das Virus?

Fifka: Ja, das trifft es sehr gut. Wir haben herausgefunden, dass die Älteren auch deutlich offener für Einschränkungen sind, die die physische oder psychische Gesundheit anderer beeinträchtigen. Die eigene Gesundheit wird bei ihnen über alles gestellt, während Menschen unter 30 eher die wirtschaftliche Zukunft umtreibt.

bento: Erstaunt es Sie, dass immerhin 55 Prozent der Über-60-Jährigen bereit wären, die Weitergabe von Gesundheitsdaten verpflichtend zu machen?

Fifka: Es ist schon überraschend. Man könnte denken, dass junge Menschen in diesem Bereich deutlich aufgeschlossener und unkritischer sind als Ältere. Doch in der Coronakrise dreht sich der Umgang offensichtlich um. Auch hier sind jüngere Menschen sehr skeptisch, während Ältere plötzlich eine Überwachung per App in Ordnung finden, um die eigene Gesundheit zu schützen. Das hätte vor wenigen Monaten vermutlich kaum jemand erwartet.

bento: Die Folgen der Pandemie dürften auch in der Wirtschaft noch lange zu spüren sein. In diesem Jahr macht voraussichtlich eine halbe Million Studierender einen Abschluss. Was erwartet sie auf dem Arbeitsmarkt?

Fifka: Ich kann nicht in die Glaskugel schauen, aber es scheint klar, dass die Chancen für Berufseinsteiger deutlich schlechter geworden sind. Die wirtschaftliche Situation ist sehr, sehr schlecht. Wir sehen schon jetzt einen Einstellungsstopp in vielen Unternehmen. Bis es zu einer Erholung kommt, wird noch viel Zeit vergehen. Viele stehen jetzt vor verschlossenen Türen. Das sind natürlich Sorgen, die ein Rentner in der aktuellen Krise nicht hat.

bento: Muss man sich da noch wundern, wenn in einigen Jahren plötzlich wieder ein Mangel an Fachkräften beklagt wird?

Fifka: Ich glaube, in der aktuellen Situation bleibt vielen Unternehmen kaum eine andere Chance als Kosten zu senken. Wenn Sie vor der Pleite stehen, ist es schwer, an die Zukunft zu denken. Aber Kurzarbeit löst keinen Fachkräftemangel. Bei den Auszubildenden kann man wenig holen, aber in der aktuellen Situation wird eben überall gespart, wo es leicht geht. Allerdings werden uns die Menschen, die wir jetzt nicht ausbilden, in Zukunft fehlen, da gerade in Ausbildungsberufen der Fachkräftemangel besonders groß ist. 

bento: Die Älteren geben vielleicht früher Verantwortung ab, umweltfreundlichere Technologien werden womöglich staatlich gefördert – könnte die Coronakrise wirtschaftlich mittelfristig nicht auch eine Chance sein? 

Fifka: Ich bin skeptisch, dass sich nach Corona so viel verändert, wie sich manche das erhoffen. Ein Älterer raus, ein Jüngerer rein – das wird nicht passieren. Dafür ist die Lage zu schlecht. Auch bei den grünen Technologien erwarte ich eher vorsichtige Schritte. Zum einen, weil wir in Branchen wie der Autoindustrie eine starke Lobby haben. Zum anderen, weil es eben auch um den Erhalt von möglichst vielen Jobs geht. 

bento: Welche Rolle spielt denn das Einkommen beim Erleben der Coronakrise?

Fifka: Gutverdiener waren in unserer Befragung deutlich aufgeschlossener für langfristige Einschränkungen, Personen mit geringem Einkommen waren dagegen deutlich skeptischer. Die aktuelle Situation führt uns auch hier die Unterschiede deutlich vor Augen. Wir haben allein in der Gastronomie und im Hotelgewerbe etwa 2,4 Millionen Beschäftigte, oft mit eher geringem Einkommen. Diese Menschen erleben die Coronakrise natürlich ganz anders als Ingenieure in Großkonzernen. Das zeigt sich auch bei der Kurzarbeit. Wenn alle nur noch 60 Prozent ihres bisherigen Einkommens bekommen, trifft das Berufseinsteiger und Geringverdiener natürlich besonders hart. Hier sollte die Politik nachbessern.

bento: Viele jüngere Menschen sind wütend auf die Babyboomer-Generation, sie habe den Planeten erst runtergewirtschaftet und verabschiede sich jetzt in den Vorruhestand, heißt es. Verstehen Sie diese Position?

Fifka: Absolut. In der Krise kommen viele Dinge zusammen und ich kann die Zukunftsängste gut verstehen. Irgendwann muss ja auch die Schuldenlast der aktuellen Politik bewältigt werden. Dazu kommt der Eindruck, dass sich die Corona-Maßnahmen vor allem um Ältere gedreht haben. Allerdings sollten jüngere Menschen nicht vergessen, dass der Wohlstand, in dem sie jetzt leben, vornehmlich von Babyboomern geschaffen wurde.

bento: Die Corona-Pandemie trifft bislang andere europäische Länder deutlich härter als Deutschland. Die dortigen Konsequenzen dürften aber auch unsere Zukunft betreffen. Ist es eigentlich Zufall, dass Sie keine Fragen zu europäischen Antworten auf die Krise gestellt haben?

Fifka: Wir haben viel darüber nachgedacht, ob wir das abfragen. Das hätte aber vermutlich den Rahmen gesprengt, wenngleich es spannend gewesen wäre zu sehen, inwieweit die Menschen die EU durch die Epidemie beschädigt sehen. Große Solidarität war da ja nicht zu beobachten, wie in der Flüchtlingskrise etwa auch. Wir diskutieren schließlich auch viel mehr über Bundesländer als über Staaten. Wie auch unsere Befragung widerspiegelt, schaut man in der Krise eben oft eher auf sich selbst.


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