Was sich in der ostdeutschen Provinz ändern muss

"#wirsindmehr" und ein Konzert am Karl-Marx-Kopf reichen nicht gegen den Hass und die Hetze, da ist sich Stephan Conrad sicher. Er wohnt in Döbeln, einer Kleinstadt unweit von Chemnitz. Er ist sauer. Innerhalb weniger Tage hatten sich Größen aus der Musikszene wie Kraftclub, Casper und Feine Sahne Fischfilet zusammengetan und haben ein großes Konzert am Montagabend am Karl-Marx-Kopf in Chemnitz gespielt. 65.000 Menschen kamen und setzten damit ein Zeichen gegen Rechts (bento). 

Stephen Conrad schrieb dazu vor wenigen Tagen bei Facebook: "Wir brauchen keine Wochenendantifa, wir brauchen keine Eventantifas, wir brauchen Hilfe. Egal wo." 

Der Post wurde fast tausend Mal geteilt. Stephan Conrad ist Jugendarbeiter im Kulturzentrum "Treibhaus" in Döbeln. Oft hat er versucht, größere Bands für Konzerte zu gewinnen, Unterstützung für seine Arbeit gegen Rechts zu bekommen. 

Zusagen? Fehlanzeige. 

Jugendarbeiter Stephan Conrad. 

Und jetzt? Kamen plötzlich alle nach Chemnitz. Das regt Stephan auf. Weil eine Sache vergessen wird: Einmal ein großes Konzert geben, das reicht nicht. 

Wir haben uns auf den Weg zu ihm nach Döbeln gemacht. Und ihn gefragt:

Warum reicht "#wirsindmehr" nicht? Was sind die Probleme in Döbeln? Was braucht die ostdeutsche Provinz? 

Im Osten gibt es viele kleine Jugendzentren wie das Treibhaus, in dem Stephan arbeitet. Etwa in Leisnig, Grimma oder Lichtenstein. Orte, die zwischen fünf- und zwanzigtausend Einwohner haben.

Für Jugendliche ist es in diesen Kleinstädten manchmal trist. Kulturzentren wie das "Treibhaus" halten dagegen, engagieren sich gegen Rechts, wollen jungen Leuten etwas bieten. Damit sie nicht nach Rechts abrutschen. Sie organisieren Veranstaltungen wie Konzerte und Lesungen, es gibt ein Café, eine Fahrradwerkstatt, psychosoziale Beratung, einen Proberaum oder einfach nur ein paar warme trockene Sitzgelegenheiten. Und WLAN. 

Das "Treibhaus" in Döbeln. 

Der Verein arbeitet außerdem schon lange mit Geflüchteten zusammen, schon bevor überall von einer "Flüchtlingskrise" die Rede war. Das stört die Rechten in der Region. Und wer sich wie Stephan dagegen engagiert, muss damit rechnen, von Nazis angegriffen zu werden, sagt er. 

Das "Treibhaus" gibt es seit mehr als 20 Jahren. Im Treppenhaus haben Mitarbeiter eine kleine Ausstellung zusammengestellt. 20 Jahre Treibhaus, 20 Jahre Arbeit zwischen Klodienst und Punkbands, Lesungen und Workshops, Höhen und Tiefen. 

In einem der Gänge hängt ein Behördenwegweiser auf deutsch und arabisch. Wenn Stephan und seine Kolleginnen und Kollegen die Geflüchtetenarbeit hier in Döbeln nicht machen würden, würde sie womöglich keiner machen. Auf dem Cover des Jubiläumsbuchs steht "Es hat sich alles gelohnt."

Das klingt positiv, aber auch anstrengend. Stephans Arbeit ist hart. Projekte wie das Treibhaus sind von öffentlichen Mitteln abhängig. Neben ein paar Erlösen aus Eintritten oder verkauften Getränken braucht es vor allem Spenden und Kulturförderung. "Es ist nicht so, dass wir nichts kriegen", sagt Stephan. Aber: "Wenn nächstes Jahr vielleicht die AfD noch mehr Stimmen bei der Landtagswahl erhält, könnte es mit den Fördermitteln vorbei sein." 

Stephan stört nicht grundsätzlich, dass es das Konzert am Montag und die Demos unter dem Motto "#wirsindmehr" gibt. Er hat auch nichts gegen die Bands, die in Chemnitz auftraten. 

Er findet aber: "Wir sind mehr" sei eine Illusion. "Wir sind mehr", das gelte vielleicht für Hamburg und Berlin, vielleicht noch fürs benachbarte Leipzig – aber nicht in der ostdeutschen Provinz. 

Was muss sich also ändern?  

Bands, wie sie am Montag in Chemnitz bei der "#wirsindmehr"-Demo waren, kommen nur sehr selten in Städte, die Döbeln oder Roßwein heißen. "Ein ausverkauftes Haus würde uns echt gut tun", meint Stephan. 

20 Jahre "Treibhaus" in Döbeln. 

Es gibt Ausnahmen, aber die sind selten. Vergangenen Samstag etwa packten Stephan und einige Freiwillige ihr Auto. Im benachbarten Grimma fand ein Festival statt, auf dem sie Cocktails verkauften und einen Siebdruck-Stand betrieben. Hier spielten am Abend Egotronic, die nur wenige Stunden vorher bei der "Herz statt Hetze"-Demo in Chemnitz waren. Für das kleine Festival war das ein großer Act. 

Wenn Stephan genauer nachdenkt, sind nicht einmal die großen Bands das Problem – auch die kleineren bleiben aus. Die ostdeutsche Provinz wird vernachlässigt, Kulturzentren wie das Treibhaus werden zu wenig unterstützt

Und dabei geht es nicht nur um Konzerte. Das Problem, das Stephan in seinem Facebook-Post thematisiert, ist eigentlich noch größer. Viele Jugendlichen kommen für ein paar Jahre in Zentren wie das "Treibhaus", packen mit an, aber verlassen dann das Hinterland. "Ich will niemandem einen Vorwurf machen, der hier weggeht", sagt Stephan. Aber eigentlich brauchen diese Städte und Orte diese jungen Leute. Leute, die es machen wie er selbst. Stephan ist 33, studierte soziale Arbeit im benachbarten Mittweida – und blieb in Döbeln.

#wirsindmehr" ist wichtig, zweifellos. Aber der Hype darf danach nicht abebben, schon gar nicht in Orten wie Döbeln, sagt Stephan. Engagement gegen Rechts, Arbeit mit jungen Menschen, mit Geflüchteten, wie sie im Treibhaus stattfände, brauche statt einzelner Großveranstaltungen Kontinuität, sagt Stephan. Auch, wenn das mühsam sei.

Mit Blick auf die vergangenen Tage in Chemnitz fragt Stephan: "Wann, wenn nicht jetzt?" 

Er informiert auf Facebook, wie das Treibhaus unterstützt werden kann.


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