Unterwegs mit Fahman, 18, aus Syrien. Und Baryal, 17, aus Afghanistan.

Fahman steht das erste Mal in seinem Leben in einem Starbucks und fragt: "Wozu die Namen?" Der 18-Jährige kennt bisher nur zwei Arten von Kaffee: mit Zucker. Und mit noch mehr Zucker. "Iced Mocca Frappuchino" ist dem Syrer noch fremd.

Ähnlich geht es Baryal. Der 17-jährige Afghane war neulich das erste Mal im Kino. Was in dem Film passierte, kann er nicht so genau sagen. "Film mit Bananen", beschreibt Baryal in gebrochenem Deutsch seinen Kinobesuch. Und zuckt mit den Schultern. Wahrscheinlich meint er die Minions.

Fahman und Baryal kamen im vergangenen Jahr nach Deutschland. Sie sind zwei von insgesamt etwas mehr als einer Million Flüchtlinge. Knapp die Hälfte der Schutzsuchenden hat 2015 einen Asylantrag in Deutschland gestellt (BMI).

Unter ihnen sind viele, über die immer wieder gesprochen wird: jung, unbegleitet, männlich.

Fahman und Baryal gehören in diese Gruppe. Als sie ankamen, waren beide 17 Jahre alt. Kaum zu integrieren, sagen Skeptiker. Traumatisiert und daher besonders hilfebedürftig, entgegnen Flüchtlingshelfer. Die beiden Attentäter von Würzburg und Ansbach waren solche jungen Männer, die nach Deutschland gekommen waren, ohne hier anzukommen.

Aber kann man all die jungen, unbegleiteten Flüchtlinge pauschal als Integrationsverweigerer oder gar Islamisten abstempeln? Kann man all die Einzelschicksale pauschal verurteilen?

Fahman aus Syrien(Bild: Marc Röhlig)

Wir haben Fahman und Baryal über drei Monate hinweg begleitet, um zu sehen, wie sie in Deutschland eine Heimat finden.

Beide konnten am Anfang kein Wort Deutsch. Beide wurden zu Beginn in eine Unterkunft für Minderjährige am Rande Hamburgs gesteckt.

Im Heim teilt sich Baryal mit drei anderen Afghanen ein Zimmer – Gelegenheit, Deutsch zu sprechen, hat er dort kaum. Die Heimleitung bietet gelegentlich Ausflüge oder Sportturniere an. Hamburg ist trotzdem sehr weit weg.

Fahman hat mehr Glück: Er wohnt inzwischen bei einer Hamburger Familie, spricht Deutsch fast akzentfrei. Vergangene Woche kam er in die Oberstufe eines Gymnasiums.

Freude auf Kurdisch, Deutsch, Englisch und Arabisch: Fahman postet seinen Start am Gymnasium

Bereits im Januar musste Fahman die Unterkunft für Minderjährige verlassen, weil er volljährig wurde. Über eine Kirchengemeinde lernte er Christiane und Eggert kennen, ein älteres Ehepaar. Deren vier leibliche Kinder sind mittlerweile alle zum Studium ausgezogen. Fahman wohnt in einem der alten Kinderzimmer.

Heute sitzen sie gemeinsam im Garten am Rande Hamburgs, es ist ein Viertel, das vor allem von Vertrauen lebt. Zäune zur Nachbarschaft gibt es nicht, irgendwo übt jemand am offenen Fenster Klavier. "Mein Grundgefühl war: Wir müssen was tun", sagt Christiane heute. "Und ich fragte mich: Worauf lassen wir uns da ein?", sagt Eggert.

Mittlerweile lebt Fahman seit mehr als acht Monaten in der Familie. Und die Zweifel sind verschwunden.

Zweifel, ob ihre Hilfe genug sein könne – und ob das Zusammentreffen zweier verschiedener Kulturen funktionieren kann.

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Heute seien sie "auf unser fünftes Kind" einfach nur stolz. Fahman habe vom ersten Tag an hart an seiner Zukunft gearbeitet, erzählt Christiane. Er leiht sich Bücher in der Bibliothek, besucht Sportvereine, nimmt Musikunterricht – Hauptsache, er kommt mit dem Leben da draußen in Kontakt. Fahman, fein gestutzter Bart, das Shirt spannt über seinen Schultern, sitzt grinsend neben ihr. Auch er nennt Christiane und Eggert mittlerweile seine "Eltern".

Seine leiblichen Eltern leben noch in Syrien. Will er mit ihnen telefonieren, muss er über Bekannte bescheid geben, damit sie sich auf den Weg machen. Es gibt nur ein Telefon im Nachbarort, bei Beschuss ist zudem oft die Leitung tot.

Vor ziemlich genau einem Jahr floh Fahman von Syrien nach Deutschland. Am 18. August 2015, um genau zu sein. Er nennt es seinen "zweiten Geburtstag“, seine Chance auf einen Neuanfang. Zu dem Zeitpunkt schätzt das Innenministerium bereits, dass in diesem Jahr weit mehr als die vorher angenommenen 450.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden ("Die Zeit").

(Bild: Mapbox/bento)

Fahman kommt aus einem Dorf nahe der nordsyrischen Stadt Qamishli. Die Region wird vor allem von Kurden bewohnt, die Terrormiliz "Islamischer Staat" hatte in den vergangenen Jahren mehrmals versucht, die Gegend zu erobern. "Sie lagerten direkt vor unserem Dorf", sagt Fahman, der selbst Kurde ist. "Wenn es nachts Kämpfe gab, zitterten unsere Fenster von den ganzen Explosionen."

Mit Freunden habe er sich zu Fuß zur türkischen Grenze aufgemacht, erzählt er. Auch wenn die Flucht mittlerweile ein Jahr zurück liegt, schildert Fahman die Ereignisse, als sei es erst wenige Tage her. Unabhängig überprüfen lässt sich die Erzählung nicht. Sie deckt sich jedoch mit den Schilderungen von Menschenrechtsaktivisten, Fahman zeigt auch Handyfotos seiner Flucht.

Den Grenzfluss Tigris haben sie mit einem Boot überquert, dann brachte ein türkischer Schlepper die Gruppe quer durchs Land bis nach Bulgarien. Fahmans Vater hat ihm die Flucht bezahlt, damit Fahman dem syrischen Militärdienst entgehen kann. Schlepper verlangen für den Weg durch die Türkei um die 1000 Dollar, das Fünffache wollen sie für das Übersetzen über das Mittelmeer.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

An der bulgarischen Grenze wartete Fahman zehn Tage, bevor er sich traute, sie heimlich zu überqueren.

Es sind die Tage, in denen Angela Merkel ihr mittlerweile berühmtes "Wir schaffen das" sagt (bento). Für Fahman sind es Tage der Angst. Fast zwei Wochen irrt er – mal alleine, mal mit anderen Flüchtlingen – durch Bulgarien, Serbien und Ungarn. Eine Schlepperbande zieht ihm sein Geld ab, Polizisten greifen ihn auf und lassen ihn wieder laufen.

Genau einen Monat nach seiner Flucht kommt er am Hamburger Hauptbahnhof an. "Als ich in mein erstes Heim kam, bin ich auf dem Stuhl im Wartezimmer eingeschlafen", sagt Fahman. Weil er noch einige Monate von seinem 18. Geburtstag entfernt ist, stecken ihn die Behörden in das Heim für Minderjährige am Rand von Hamburg, in dem auch der Afghane Baryal lebt.

In Hamburg kümmert sich der Landesbetrieb Erziehung und Beratung (LEB) um die Minderjährigen. Vergangenes Jahr haben knapp 7000 Flüchtlinge angegeben, minderjährig zu sein. Der LEB schätzt dann selbst noch mal das Alter; nur bei rund 2500 Flüchtlingen stimmen seine Schätzungen mit den Angaben der Minderjährigen überein. (Stadt Hamburg)

Baryal aus Afghanistan. Er möchte anonym bleiben.(Bild: Marc Röhlig)

Das Heim von Fahman und Baryal hat auf mehreren Etagen Platz für 70 Flüchtlinge. Vor allem Syrer, Somalier und Afghanen leben dort. Die meisten Flüchtlinge teilen sich Vierbettzimmer.

Fahman und Baryal haben sich bei einem Gitarrenkurs kennengelernt. Obwohl sie als unbegleitete Flüchtlinge in Deutschland ein ähnliches Schicksal haben, hatten der Syrer Fahman und der Afghane Baryal nur wenig miteinander zu tun. Eine gemeinsame Sprache haben sie nicht. Mit ihrer Geschichte bleiben viele im Heim allein.

Baryal ist seit 16 Monaten in Deutschland. Er kam im April 2015 an. Zu der Zeit fürchtete sich noch niemand vor einer "Flüchtlingswelle", die Deutschland zu überschwemmen drohe.

Er flüchtete zu Fuß von Afghanistan nach Europa, drei Jahre war er unterwegs, so erzählt er es. Heute darf er sich in Deutschland nicht mehr frei bewegen. Wie alle Asylbewerber erhielt Baryal einen laminierten Pass, der sein Leben in Deutschland definiert. Darin steht: "Gewöhnlicher Aufenthalt nur in Hamburg. Beschäftigung nur mit Erlaubnis der Ausländerbehörde."

Baryal ist ein kleiner, untersetzter Junge. Am liebsten trägt er ein schwarzes Shirt mit dem Gesicht von Tupac. Er kennt den Rapper zwar nicht, aber das Zitat, das daneben steht, gefällt ihm: "Only God can judge me."

"Horst sucht einen Pullover": Aus dem Deutsch-Lehrbuch von Baryal

In Hamburg besucht Baryal eine Migrantenklasse an einer Berufsschule. Das sind Schulklassen, in denen nur Flüchtlinge unterrichtet werden, um sie für die anderen Klassen mit deutschen Schülern vorzubereiten. Am Nachmittag geht er zusätzlich in einen freiwilligen Deutschkurs.

Am liebsten würde er später Polizist werden, so wie sein Vater in Afghanistan. Dessen Schicksal ist eng mit Baryals Flucht verwoben.

In Afghanistan lief Baryal vor den Taliban davon.

Er kommt aus Jalalabad, einer Stadt nahe dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, wo die islamistischen Taliban ihre Rückzugsorte haben. Als 14-Jähriger sei er von deren Anhängern in die Berge verschleppt worden. Sie nahmen ihn mit, weil sein Vater als Polizist in Jalalabad arbeitet – er sei ein "Spitzel der US-Soldaten", erzählten sie ihm.

Baryal wurde darauf vorbereitet, einen Anschlag zu verüben: "Ich sollte Bombe machen", erzählt er gebrochen. Die Taliban brachten ihm Autofahren bei, immer wieder hätten sie ihm eine Sprengstoffweste übergezogen. "Sie war schwer", sagt Baryal heute, "und ich hatte Angst." Wenn er sich widersetzte, schlugen sie Steine auf seine Fingerknöchel. Noch heute sind die Narben zu erkennen.

Der Krieg in Afghanistan

Afghanistan wurde in seiner Geschichte immer wieder von fremden Ländern angegriffen, islamische Kämpfer verschiedener Herkunft haben sich als Rebellen formiert. Aus ihnen sind die Taliban entstanden, eine radikale Miliz, die die afghanische Bevölkerung unterdrückt. Auch das Terrornetzwerk Al-Qaida hat sich in Afghanistan festgesetzt.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 marschierte ein von den USA geführtes Nato-Bündnis in Afghanistan ein und stürzte das Taliban-Regime. Auch die deutsche Bundeswehr ist an dem Einsatz beteiligt. Nach wie vor ist die Lage im Land chaotisch, Islamisten verüben immer wieder schwere Anschläge. Mehr als 104.000 Menschen kamen seit 2001 ums Leben. Mehr zu Afghanistan auf bento.

Nach acht Monaten kaufte ihn seine Familie frei, erzählt Baryal. Er kommt zurück nach Jalalabad – und wird seine Eltern zum letzten Mal sehen. Wie bei Fahman hat auch hier der Vater die Flucht vorbereitet.

Im Iran zeigte ihm ein Schlepper den Weg, in der Türkei jobbte er ein Jahr lang als Straßenarbeiter, in Europa schließlich habe er "im Dschungel" gelebt. Baryal meint damit die Wälder entlang der Balkanroute. Sein Weg ähnelt dem von Fahman, auch seine Erzählungen drehen sich um Ängste, Hunger und nächtelange Fußmärsche entlang der Route. Vollständig überprüfen lassen sie sich nicht. "Ich bin einfach nur immer weitergelaufen", sagt Baryal.

Später erfährt er, dass die Taliban seinen Vater erschossen haben. Verwandte schicken ihm das Video der Beerdigung auf’s Handy. In dem Film trägt der Vater das mit Blut verschmierte Gewand seines Todestages. Zum Schutz seiner übrigen Verwandten will Baryal anonym bleiben, eigentlich heißt er anders.

Einmal das Meer sehen: Baryal postet seinen Sylt-Besuch auf Facebook

Mittlerweile lernt er Fahrradfahren, hat jetzt einen eigenen Bank-Account. Dafür ist vor allem Anke zuständig. Sie ist Baryals Vormündin und glaubt, dass Flüchtlingen am besten auf privater Ebene geholfen werden kann. "Ich will ihn hier mit ins Leben nehmen", sagt Anke.

Im Frühjahr hat sie einen Kurs beim Kinderschutzbund gemacht, seit Anfang Juni kümmert sie sich um ihn. Vorher hatte Baryal einen Amtsvormund. Wenn sich die Behörden der Flüchtlinge annehmen, dann geht es vor allem um das Verwalten von Namen. Wenn Privatpersonen wie Anke helfen, dann geht es um gemeinsame Ausflüge, um Deutschnachhilfe oder um Arztbesuche.

Als beide einen Nachmittag auf Sylt verbringen, postet Baryal danach ein Foto, das ihn barfuß am Strand zeigt. Er steht das erste Mal am Meer. Er lächelt.

Etwa zwei Mal pro Woche trifft sich Baryal mit Anke. Den Rest der Zeit sitzt er in seinem Heim am Rande Hamburgs, Kontakt zu Deutschen hat er dort kaum. Noch immer fehlen ihm daher Worte, wenn er etwas erzählen möchte. Gespräche mit Anke laufen daher auch oft so ab, dass er einfach lächelt und zuhört. Es ist seine Art, die neue Welt aufzusaugen. Fragt man ihn, was er von dieser Welt hält, antwortet er diplomatisch: "Die Menschen sind mal gut und mal schlecht. Aber ich mag alle."

Anke sagt, Vormundschaft ermögliche beiden, dazu zu lernen. Auch wenn fremde Menschen die beiden unterwegs ansprächen, würden die meisten einfach mal mit einem Flüchtling ins Gespräch kommen wollen. Wissen wollen, wie es wirklich ist.

Fahmans Familie sagt: "Wir haben nicht nur einen Syrer aufgenommen, sondern wir haben Fahman aufgenommen", sagt Eggert über seinen fünften Sohn. Und das sei auch der Kern der ganzen Flüchtlingsfrage: Man müsse die Flüchtlinge nicht als Masse begreifen, sondern als einzelne Menschen mit einzelnen Schicksalen. "Nähe schafft Verständnis", pflichtet ihm Christiane bei. Fahman selbst sitzt zwischen beiden und grinst.

Noch vor einem Jahr stand der IS vor dem Heimatdorf, jetzt träumt Fahman bereits vom Medizinstudium. Die Chance hätte er: Obwohl er gerade erst ans Gymnasium kam, wurde er für ein Vorbereitungssemester an der Hamburger Uni ausgewählt. Ihm steht jetzt alles offen.

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Du kannst für 50 Euro quer durch Europa fliegen – und musst dann genauso viel zahlen, wenn du im Urlaub mit deinem Handy surfst. Der Grund sind hohe Roaming-Gebühren, die Mobilfunkbetreiber bei einer Nutzung im Ausland aufschlagen.

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