Wahlsonntag in einer Seniorenresidenz

Wahlsonntag, 14 Uhr in der Seniorenresidenz Bethanien-Höfe in Hamburg-Eppendorf. Die Tür zum Heim schwingt automatisch und leise surrend auf, Kinderwagen stehen heute neben Rollatoren im Hausgang. Zwei Wahllokale befinden sich auf dem Gelände.

2017 sind nur 15 Prozent der Wahlberechtigen unter 30, die Deutschen im Alter Ü60 kommen dagegen auf 36 Prozent

Wir wollten wissen: Wer sind eigentlich die Menschen, die unsere Zukunft mitentscheiden? Wie schätzen sie ihre Rolle ein? Und was sagen sie zu der politischen Entwicklung in Deutschland?

Wir haben den Kuchen (Apfelmuskuchen nach Omas Rezept) mitgebracht und werden mit gedeckter Kaffeetafel empfangen, auf dem nussbraunen Tisch stehen kleine Glasvasen, gefüllt mit Kürbissen und Herbstlaub.

Hannelore Brünger ist 76, 

silberner Lidschatten umrahmt ihre Augen. Sie hat ein Damenbekleidungsgeschäft in Hamburg geführt, im Wahlkampf hat sie Plakate für die CDU geklebt. Wenn sie nicht zu Wort kommt, schreitet sie ein – und setzt sich meist durch. 

Frieden und Sicherheit – wenn ich mit meinen Enkeln spreche, wünschen sie sich das heutzutage am meisten. Ich hatte erwartet, dass den Jungen die Digitalisierung und soziale Medien wichtiger sind, aber nein.

Ich bin, was Freiheit betrifft, sehr nah am Wasser gebaut. Ich kam als Flüchtlingskind selbst aus Westpreußen. Merkel war für mich in den letzten Jahren die richtige Kanzlerin, weil sie so diplomatisch für unser freies Leben stand. 

Ich habe mit 25 einen Offizier geheiratet – und von da an hatte ich eine Lebensversicherung. 

Ich habe schon immer Geld auf die hohe Kante gelegt – das rate ich den jungen Leuten heute auch. Wer später finanziell sicher leben will, muss neben der Rente ein zweites Standbein aufbauen. 

Interessant finde ich, dass der Wahlkampf dieses Jahr auch im Internet stattgefunden hat  – das ist vollkommen an mir vorbei gegangen.

Hartwig und Karin Heucke sowie Hannelore Brünger diskutieren mit uns über die Bundestagswahl. (Bild: Nadin Rabaa)
Karin Heucke ist 73, 

lange Hängeohrringe baumeln an ihren Ohren. Sie trägt ein roséfarbenes Tweed-Jäckchen und Leopardenschal. In ihrer Stimme liegt ein süddeutscher Akzent, sie ist im Elsass geboren. Manchmal schweift sie ab von der Frage, sie erzählt gern von ihrer Familie. Vor drei Jahren zog sie mit ihrem Ehemann in die Residenz. 

Ich glaube an die Rente, die gibt es schon seit Bismarck und die hat alles überlebt.

Vielleicht ist sie nur eine kleine Hilfe, aber ich rate jedem jungen Menschen dazu, sich darum zu kümmern. 

Wenn ich Herrn Gaulands Rede heute nach der Verkündung der Wahlergebnisse höre – diese Drohung ist einfach nur schrecklich! Ich hoffe, dass die CDU das Wahlergebnis als Tritt in den Hintern versteht – so kann es nicht weitergehen! 

Aber die Arbeitsmoral der jungen Menschen heute, da frag ich mich nachher, wie sie das im Alter kompensieren wollen. Die meisten legen mehr Wert auf Freizeit als auf Leistung – das finde ich einerseits faszinierend, andererseits wundere ich mich.

Hartwig Heucke ist 73. 

Der ehemalige Handwerksmeister redet mit hanseatischer Gelassenheit. Er grinst verschmitzt, wenn er nicht spricht. Der 73-Jährige witzelt: Er sei zwar Baujahr 43, die Auslieferung erfolgte aber erst 1944. 

Das Wahlrecht ist in meinen Augen sehr wichtig, das ist Pflicht. Mein Großvater hatte noch Striemen auf dem Rücken, weil die Nazis ihn vor einer Wahl mehrfach zusammengeschlagen haben. Er war Gewerkschaftler. Solche Zeiten wünsche ich mir nie wieder.

Es ist bedenklich, dass unsere jungen Leute in der Schule so wenig über die Politik erfahren, das merke ich, wie meine Frau, an meinen Enkeln. Wenn junge Leute wählen dürfen, die nicht wissen, wo vorne und hinten ist – da bekomme ich Angst. 

Ich glaube wirklich nicht, dass es zu einer großen Koalition kommt, dann verprellt die SPD wirklich alle ihre Wähler. Was ein Jamaika-Bündnis für Konsequenzen hätte – keine Ahnung.

Dass die AfD so stark geworden ist, ist schlimm – aber vielleicht treibt sie andere Parteien im Bundestag dazu, sich stärker zu profilieren. Ich habe leider ein ähnliches Ergebnis wie heute schon erwartet. 

Ich wünsche mir einfach, dass alle sich so wohl in Deutschland fühlen, wie ich es tue. Alle meine Kinder waren im Ausland und kamen mit den Worten wieder: "Die wissen alle gar nicht, wie gut wir es hier haben."

Karin Voss-Petersen ist 84,

hat feuerrotes Haar und eine tiefe, rauchige Stimme. Sie ist im Computerclub und hat ihre Stichpunkte für das Gespräch mit Word vorgeschrieben, das bedruckte Blatt Papier liegt vor ihr. 

Martin Schulz war ein begeisterter Europäer, da fand ich ihn gut. Als er aber sagte, er sei der nächste Bundeskanzler – das war einfach nur arrogant und lächerlich. 

Wir sind eine internationale Familie: Mein Mann war Däne, meine Tochter ist in England geboren, ihre Kinder sind in Singapur zur Welt gekommen. Komischerweise leben die Ausländer in anderen Ländern ganz friedlich zusammen – nur in Deutschland gibt es so ein Bohei. 

Egal, was die Politiker heute zu möglichen Koalitionsbedingungen gesagt haben: Sobald ihnen ein Ministerposten und Diäten angeboten werden, lassen sie ihre Einwände direkt fallen. 

Für den Bundestag wünsche ich mir jüngere Politiker: Ich habe immer auf einen Macron für Deutschland gehofft. Und was kriegen wir? 

Die Grünen waren mir früher sympathischer, als sie noch rauchend und strickend im Bundestag saßen. Die waren wenigstens ein Anstoß, über die Politik nachzudenken – aber die Zeiten haben sich geändert.

Elsbeth de Weerth, 86,

kommt in den Raum, sie stützt sich auf ihren Rollator. Am Armgelenk hat sie einen Notknopf, den sie drücken kann, falls sie Hilfe benötigt. "Sie reden doch über Politik? Haben Sie noch einen Kaffee für mich? Den wollte ich sowieso trinken," ruft sie gen Tisch und setzt sich ans Kopfende. 

Ich traue meiner Stimme mehr zu, als der vieler Jüngeren. Ein Mensch ist ein Mensch, natürlich können wir Rentner genauso töricht sein – aber ich besitze mehr Lebenserfahrung, als viele junge Leute.

Dass wir Rentner in der Überzahl sind, ist ein Unglück für die Jugend. Es bringt aber nichts, außer man erschießt uns Alte alle. Eine doppelte Stimme für Unter-Dreißig-Jährige – da bin ich trotzdem ganz dagegen!


Zukünftig wünsche ich mir von Politikern mehr Ehrlichkeit. Und für das Wahlrecht würde ich in meinem Alter noch Volksreden halten – das will nur keiner hören! 

Mehr zur Bundestagswahl 2017 liest du hier: 


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