Bild: Jens Büttner / dpa

Eine Liste mit Science-Fiction-Autorinnen hat bei der Wikipedia zu einem Streit geführt: Vor allem Männer hielten die Übersicht für überflüssig. Zwischenzeitlich war sie gelöscht. Nun könnte der Streit aber dazu führen, dass Frauen in Zukunft auf Wikipedia sichtbarer werden.

Freiwillige Autorinnen und Autoren schreiben die Einträge des Online-Lexikons. Sie nennen sich Wikipedianer und Wikipedianerinnen. Wer lange dabei ist und viel mitschreibt, darf mitentscheiden. Zum Beispiel über einen neuen Standard für die Nennung des Geschlechts in Personenlisten. Das klingt nach einem technischen Detail. Tatsächlich geht es um eine weitreichende Frage: 

Schafft es die deutsche Wikipedia, ein ziemlicher Männerclub, sich endlich für Frauen zu öffnen?

Mit der Liste der Science-Fiction-Autorinnen wollte Theresa Hannig nur "eine Lücke in der unendlichen Weite des Internets schließen", schreibt sie in ihrem Blog. Die Autorin und Softwareentwicklerin suchte nach deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen. Weil sie nichts finden konnte, beschloss sie am 12. März, selbst eine Liste bei Wikipedia anzulegen.

Dass das deutsche Online-Lexikon vor allem von Männern betrieben wird, wusste Hannig. Studien und Umfragen gehen davon aus, dass 90 Prozent der Wikipedia-Schreiber Männer sind. (SPIEGEL ONLINE)

Eine Frauenquote von zehn Prozent: mieser als bei der Bundeswehr oder der AfD. Nur bei der Feuerwehr sieht es schlimmer aus. Es gibt Versuche bei der Wikipedia, gegenzusteuern, etwa mit Workshops für Autorinnen oder Treffen, bei denen gezielt Einträge über Frauen angelegt werden. Bei einer Männerquote von 90 Prozent steht automatisch immer der Verdacht im Raum, dass weibliche Themen zu wenig Beachtung finden.

Wie anstrengend der Kampf als Frau auf Wikipedia ist, erfuhr Hannig in den darauffolgenden zwei Wochen. 

Noch am selben Abend stellte ein Nutzer einen Löschantrag. Die Liste sei "überflüssig" und "dubios". Über den Löschantrag diskutierte dann die Wikipedia-Community.

Das wichtigste Argument für die Löschung: Eine Liste nur mit weiblichen Science-Fiction-Autorinnen sei redundant, weil es bereits eine gemischte Liste mit Autoren und Autorinnen und somit keinen Mehrwert gebe.

Die Argumente von Hannig und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern: Die Liste erleichtere die Recherche, weil die gemischte Liste zu diesem Zeitpunkt nicht nach Geschlecht gefiltert werden konnte. Die Liste würde Autorinnen in diesem Genre sichtbarer machen. 

Hannig bekommt Zuspruch: Nach ihrer Zählung hatte ihre Liste 62 Befürwortende und 20 Gegenstimmen. Aber: "Löschdiskussionen sind keine Abstimmungen", schreibt der, wie der Name vermuten lässt, männliche Administrator Karsten11. Was gelöscht wird, kann im ersten Schritt einer der 178 Wikipedia-Admins allein entscheiden. Das sind die Regeln. Am 23. März löscht Karsten11 die Liste. 

"Wie soll ein Neuling wie ich da noch Lust haben mitzuwirken?", fragt Hannig. Sie spricht von einer "Clique der mächtigen Wikipedianer, die fast nur aus Männern besteht. Die könnten es nur schwer ertragen, dass etwas außerhalb ihrer Meinung existiere." Wer es in diese Clique schaffen will, braucht vor allem viel Zeit. Wer zum Wikipedia-Admin gewählt werden will, sollte mindestens ein Jahr Erfahrung und eine deutlich vierstellige Anzahl von Bearbeitungen aufweisen können.

Gendersternchen-freie Zone

In Artikeln auf Wikipedia wird das generische Maskulinum genutzt. So steht es in den Richtlinien. Auch wenn sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass damit Frauen nicht automatisch mitgedacht, mitgemeint und mitgehört sind, wie Studien festgestellt haben. Noch gibt sich die Wikipedia immun gegen eine Veränderung der Sprache. Wer darauf Wert legt oder sogar Gendersternchen nutzen will, wird hier nicht glücklich.

Die Löschdiskussion sorgte aber dafür, dass nun über eine Frage mit weitreichenden Folgen abgestimmt werden könnte: 

Ändert die Wikipedia ihren Umgang mit Frauen?

Der Wikipedianer Nils Simon hat am 18. März ein Meinungsbild entworfen und will von der Community wissen, ob die Nennung des Geschlechts in Personenlisten künftig als Standard eingeführt werden sollte. So könnten Listen künftig nach Geschlecht gefiltert werden. Eine weitere Option könnte sein, Listen nur mit Frauen künftig zu erlauben. Schließlich könnten Listen auch umbenannt werden: "Autorinnen und Autoren", damit Frauen nicht nur mitgemeint sind.

Ein Meinungsbild ist die höchste Entscheidungsinstanz bei Wikipedia. Es kommt nur selten zur Abstimmung. Ein Ergebnis ist bindend

Doch auch wenn Hannig Unterstützung aus der Community erhält, ist die Abstimmung kein Selbstläufer. Bisher hat das Meinungsbild erst fünf der nötigen zehn stimmberechtigten Unterstützer und Unterstützerinnen gefunden. 

Weicht die Community der Grundsatzfrage aus?

Stimmberechtigt sind nur Wikipedianer und Wikipedianerinnen, die mindestens zwei Monate aktive Mitarbeit und mindestens 200 Bearbeitungen vorweisen können. Dazu gehört Theresa Hannig nicht. Von ihrem Plan, Frauen bei Wikipedia sichtbarer zu machen, will sie sich trotzdem nicht abhalten lassen: Sie sucht aktive Wikipedianer und Wikipedianerinnen und bittet sie, am Meinungsbild teilzunehmen.

Die Liste der Science-Fiction-Autorinnen habe inzwischen eine weibliche Wikipedia-Admin wiederhergestellt, so Hannig. Sie fürchtet aber, die Liste könne jederzeit erneut gelöscht werden. Außerdem gebe es noch viele weitere Listen, auf denen Frauen untergehen und nicht gesammelt angezeigt werden könnten.



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