Experten halten das angekündigte Aus für einen Fake.

"Wikimannia wird sterben." Diese Ankündigung, die seit einigen Tagen auf der Startseite des antifeministischen Hetzportals prangt, sorgte in sozialen Medien für Jubel. "Es ist nicht alles schlecht an 2019", schreibt beispielsweise der Journalist Mario Sixtus auf Twitter. Auch medial wird das selbsterklärte Aus aufgegriffen. Aber ist Wikimannia wirklich am Ende? Experten zweifeln daran.

Was ist Wikimannia? 

Seit 2009 gibt es das Portal, das von sich selbst behauptet, "eine Wissens-Datenbank über Be­nach­teili­gun­gen von Jungen und Männern, sowie Be­vor­zu­gun­gen von Maiden und Frauen" zu sein. Der Name soll suggerieren: Eine Art Wikipedia aus männlicher Sicht. Wer genau hinter Wikimannia steckt, ist unbekannt, der Name im Impressum ist wahrscheinlich gefälscht (taz).

Auf den ersten Blick sieht die Seite Wikipedia zum Verwechseln ähnlich. Ein genauerer Blick auf die Inhalte lässt jedoch schnell erkennen, dass es sich nicht um eine wertfreie Sammlung von Informationen handelt. Das große Feindbild der Seite ist der Feminismus, laut Wikimannia "ein skrupelloses Netzwerk aus narzisstischen Frauen und unter­würfigen Männern." 

In insgesamt mehr als 5400 Artikeln wird die angebliche Benachteiligung von Männern in der Gesellschaft beschrieben. Als vorgebliche Belege dafür dienen willkürlich zusammengesammelte Zitate, Social-Media-Posts und Einträge aus rechtsexremen Blogs. 

Wie funktioniert Wikimannia? 

Ein großer Teil des Arbeitsprinzips der Wikimannia sind diffamierende Artikel zu Einzelpersonen, die sich feministisch engagieren. Wie zum Beispiel Jasna Strick. Wenn man die Autorin und Mitinitiatorin des feministischen #Aufschrei googelt, steht der Wikimannia-Eintrag an dritter Stelle. "Immer wieder muss ich Menschen erklären, dass das keine seriöse Quelle ist." Selbst in Interviews mit professionellen Journalisten sei sie auf Infos angesprochen worden, die nur bei Wikimannia zu finden sind. 

„Wikimannia betreibt gezieltes Agenda Setting. Die Artikel dienen dazu, dass Leute das googeln und die Informationen dann für authentisch halten.“
Jasna

Im persönlichen Gespräch kann Jasna ihrem Gegenüber natürlich leicht erklären, dass Wikimannia keine vertrauenswürdige Quelle ist. Sie befürchtet aber, dass beispielsweise potenzielle Arbeitgeber auf ihren Eintrag stoßen und dadurch abgeschreckt werden könnten. 

Jasna Strick

(Bild: privat)

Was passieren kann, wenn Menschen Wikimannia für authentisch halten, hat die Journalistin und Autorin Hanna Herbst erlebt. Sie erzählt folgende Anekdote: Als ihr Verlag beantragte habe, einen Trailer für Hannas Buch auf dem Gelände der Uni Wien zu drehen, sei das zunächst verweigert worden – mit Hinweis auf ihren Eintrag bei Wikimannia, wo sie als "Hass-Hanna" bezeichnet wird. Erst als der Verlag über Wikimannia aufgeklärt habe, sei die Genehmigung erteilt worden. 

Die Wikimannia-Macher entscheiden willkürlich, wen sie in ihre Sammelsorium des Hasses aufnehmen, zeigt das Beispiel Jannis Hutt. Jannis ist Mitarbeiter im Büro der Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg. Als er den Hinweis auf das Wikimannia-Aus entdeckte, twitterte er einen Screenhsot davon, beschriftet mit "Good News". Drei Tage später bekam Jannis seinen eigenen Wikimannia-Eintrag. Er wird dort als "lila Welpe" beschrieben – als "lila Pudel" werden Männer bezeichnet, die feministische Ansichten vertreten.

Er kann sich das nur als Reaktion auf seinen Tweet erklären. Auf den ersten Blick habe er den Eintrag als lächerlich empfunden, der sich in das krude Weltbild der Seite einreihe. Auf den zweiten empfinde er ihn aber auch als Drohung: "So ein Artikel bedeutet: 'Wir haben dich auf dem Schirm.'"

Jannis Hutt

(Bild: Marius J. Brey)

Wo ist Wikimannia ideologisch zu verorten? 

Der Soziologe Andreas Kemper beschäftigt sich schon seit langem mit Wikimannia. Er ordnet die Seite als rechtsextrem ein. "Antifeminismus taucht meist in Verbindung mit Rassismus und Antisemitismus auf, so auch dort", sagt er. Tatsächlich werden auf der Seite Geflüchtete als "Invasoren" bezeichnet. Ein Zitat, in dem der Holocaust geleugnet wird, steht uneingeordnet auf der Wikimannia-Seite zu Adolf Hitler. Wikimannia basiere auf der Ideologie des "Maskulismus", so Andreas. Maskulisten sehen sich als Opfer des Feminismus.

Jetzt soll die Seite also vor dem Aus stehen, angeblich wegen finanzieller Schwierigkeiten. Seit einiger Zeit prangt auf der Startseite ein Spendenbanner, 10.000 Euro sind als Ziel ausgegeben. Weil dieses Ziel verfehlt worden sei, werde Wikimannia ab Jahresende keine neuen Artikel mehr erstellen, so ein Hinweis der Redaktion. Obwohl die Spendenaktion immer noch läuft. Weiter heißt es: "Ohne neue Inhalte wird Wikimannia erst seine hervorragenden Google-Platzierungen verlieren, dann werden in der Folge die Leserzahlen zurückgehen und am Ende wird Wikimannia in der Bedeutungslosigkeit versinken."

Es könnte aber sein, dass die Freude über diese Nachricht verfrüht ist. 

Die einzige Quelle für das Wikimannia-Aus ist Wikimannia selbst. Und Wikimannia ist keine glaubwürdige Quelle. 

Experte Andreas ist skeptisch. "Ich denke eher, dass die Behauptung ein Trick ist, um in letzter Minute doch noch Spenden zu bekommen." Als Indiz dafür sieht er, dass im Wikimannia-nahen Forum "Wie viel 'Gleichberechtigung' verträgt das Land" nicht über das angebliche Aus diskutiert wird.

Auch Kersten Artus hält die Todesmeldung für Marketing. "Die wollen vermutlich ein bisschen Panik schieben, damit sie mehr Geld kriegen", sagt sie. Kersten ist Journalistin und die Vorsitzende von Pro Familia Hamburg. Im November erstattete sie Anzeige gegen Wikimannia. Nicht wegen der Hetze, die dort auch über sie zu lesen ist. Sondern weil die Seite ohne Genehmigung ein Foto verwendet, das Kersten gemacht hat. 

Andreas Kemper glaubt zwar nicht an das Ende der Seite, aber er kann der Nachricht zumindest etwas Gutes abgewinnen: Die geringe Spendensumme – sofern sie stimmt – zeige immerhin, dass keine große Bewegung hinter Wikimannia stehe. 

Und damit untergräbt die Nachricht ein anderes Ziel rechter Gruppen: Größer zu wirken, als sie eigentlich sind.


Trip

Weg ohne Dreck: Wandern im verschneiten Kleinwalsertal
Das Tal in Österreich kombiniert Action und Erholung in der Natur.

Ich kann den Schnee riechen. Die kalte, klare Luft am Morgen, wenn es in der Nacht Neuschnee gab, macht mich mit einem Atemzug hellwach und glücklich. Ich trete vor die Tür und als ich den fest getrampelten Schnee unter meinen Füßen knirschen höre, weiß ich, ich bin da. Ich lasse meinen Blick nach oben schweifen und muss blinzeln: Um mich herum Berge und Tannen, bedeckt mit strahlendem Weiß.

In den 22 Jahren seitdem ich hier an einem kleinen Hügel Skifahren gelernt habe, bin ich immer wieder hierher gekommen. Und jedes Mal schafft es dieser Ort, mich mit der kalten Jahreszeit zu versöhnen – lässt mich den grauen Matsch, in den sich der Schnee in Hamburg binnen Sekunden auf den Straßen verwandelt, vergessen und hüllt mich ein in eine weiße Winterlandschaft.

Ich stehe im tiefverschneiten Kleinwalsertal in Österreich. Eingekesselt von 2000 Meter hohen Bergen, reihen sich vier Dörfer aneinander.

Den perfekten Zeitpunkt, um eines davon zu besuchen, gibt es nicht. Die Wanderungen durch die Bergwelt zwischen Deutschland und Österreich sind zu jeder Jahreszeit wunderschön. Doch ich mag vor allem den Winter. Mit dem ersten Schnee legt sich eine besondere Stimmung über das Tal. Eine Mischung aus frischer Luft und dampfendem Kaiserschmarrn, aus kalter Nasenspitze und warmen Lammfellhandschuhen.