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Um 18 Uhr wissen wir, wie die AfD bei der Bundestagswahl abgeschnitten hat. Im Landtag von Nordrhein-Westfalen sitzt sie bereits. Dort bekam sie im Mai 7,8 Prozent der Wählerstimmen, aber einigen reichte das nicht. Manche Wähler warfen den Wahlveranstaltern gar Wahlbetrug vor.

Was war passiert?

Auf der Facebook-Seite der Initiative "Ein Prozent", die zum Umfeld der rechtsextremen Identitären Bewegung gehören, hatten sich einige AfD-Wähler darüber empört, dass ihre Partei so weit unten gelistet stand. Durch vermeintlich "ungünstige" Faltung der Stimmzettel hätten so einige über zwei "leere" Seiten blättern müssen, bis sie zur gewünschten Partei kamen. 

So richtig stimmt das nicht, das haben auch AfD-Wähler selbst gemerkt: Die Lücke ist entstanden, weil einige der gelisteten Parteien auf der linken Seite keine Direktkandidaten angegeben hatten. 

Die Reihenfolge auf dem Wahlzettel kann trotzdem wichtig sein:

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Position auf einem Stimmzettel Auswirkungen auf eine Wahlentscheidung haben kann. Die empirische Sozialforschung nennt das den Stimmzettel-Positionseffekt. Herausgefunden wurde das unter anderem in Brüssel:

Bei den Regionalwahlen in Brüssel 1995 stellten die Parteien jeweils bis zu 75 Kandidaten auf. Die Wahlzettel unterschieden sich dabei zum Teil je nach Wahlbezirk.
Manche listeten ihre Kandidaten in einer Spalte auf, andere in zwei oder fünf Spalten. Dadurch landeten unterschiedliche Kandidaten auf den Wahlzetteln oben.
Diese Aufteilung machte die Wahl unbeabsichtigt zu einem Experiment.
Forscher verglichen die Ergebnisse jener Kandidaten, die auf den Listen oben standen und auf anderen nicht, und fanden heraus:
Je weiter oben ein Kandidat stand, desto bessere Wahlergebnisse erzielte er.
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Auch in den USA sind diese Effekte bekannt: Selbst Präsidentschaftskandidaten, die oben auf einer Liste stehen, haben laut Psychologie- und Politikprofessor Jon Krosnik gravierende Vorteile gegenüber ihren Kontrahenten (SPIEGEL ONLINE).

Wieso wählen wir eher das, was oben steht?

Das hat ziemlich banale Gründe:

  • "Wir lesen von oben nach unten", sagt Harald Schön, Professor für Politische Psychologie an der Uni Mannheim, "und am Anfang sind wir eben konzentrierter als am Ende."
  • Der Sozialwissenschaftler Herbert Simon formulierte außerdem das "Zufriedenheitsprinzip": Demnach suchen Wähler nur so lange eine Liste ab, bis sie einen geeigneten Kandidaten gefunden haben. Das gilt insbesondere dann, wenn das Risiko, einen Fehler zu machen niedrig ist – etwa wenn man Direktkandidaten einer Partei unentschieden gegenübersteht ("Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung").
Ich weiß doch aber in der Regel vorher, wen ich wählen werde?

Das sollte bei den meisten Menschen zutreffen. Reihenfolgeeffekte treten daher auch nur bei Wählern auf, die mit der Aufgabe überfordert sind, sagt Politikprofessor Schön. Das kann kognitive Gründe haben: "Wählen ist ja ein bisschen wie Formulare ausfüllen." Manche Menschen könnte also schlicht das Format verwirren, deswegen halten sie sich an einfache Regeln für ihre Entscheidungsfindung.

Es kann aber auch politische Gründe haben: Wenn der Wähler sich noch nicht wirklich entschlossen hat – oder sich die Kandidaten sehr stark ähneln: "Wenn die Leute mit mehreren ähnlich attraktiven Kandidaten konfrontiert werden, kreuzen viele offenbar einfach den ersten Namen auf der Liste an", schrieb Jon Krosnik in einer Studie zur US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 (SPIEGEL ONLINE).

Lies hier außerdem das "ehrliche" Wahlergebnis der NRW-Wahl:

Wer legt überhaupt die Reihenfolge auf dem Wahlzettel fest? 

Weil bei der Wahl Chancengleichheit für alle aufgestellten Parteien gewährleistet sein muss, gelten für die Gestaltung der Wahlzettel und die Anordnung der Parteien bestimmte Regeln, die jedes Bundesland in seinem Landeswahlgesetz festlegt. Wie in den meisten Bundesländern und auch bei der Bundestagswahl, richtet sich die Reihenfolge auch in Nordrhein-Westfalen nach dem Zweitstimmen-Ergebnis der letzten Wahl: Die stärkste Kraft – 2012 noch die SPD – stand somit ganz oben, dann die CDU, die Grünen und so weiter. (§24, Landeswahlgesetz und § 30, Bundeswahlgesetz).

Die übrigen Parteien werden anschließend alphabetisch aufgelistet.

Welche Alternativen gibt es?
  • Die Kandidaten und Parteien können per Zufall eine Position zugeordnet bekommen. In Australien und einigen US-Bundesstaaten ist das der Fall. Allerdings unterscheiden sich deren Wahlsysteme auch vom Deutschen: Es werden häufiger direkt Kandidaten gewählt und nicht Parteien. In Deutschland könnte das Prinzip auch Verwirrung stiften, beispielsweise wenn Kandidaten über Listen ins Parlament einziehen. 
  • Die gesamte Liste kann alphabetisch geordnet werden. 
Warum listet man nicht gleich alle Parteien alphabetisch auf?

"Entscheidend ist natürlich, dass die Parteien, die oben stehen, auch die Regeln machen", sagt Carsten Koschmieder, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Ob das gerecht ist oder nicht, sei streitbar: "Sie können sagen, dass grundsätzlich Gleichverteilung gerecht ist. Es gibt aber Ausnahmen, zum Beispiel, wenn sich jemand das Anrecht auf eine bessere Behandlung erworben hat. Ob ein Wahlergebnis dieses Anrecht begründet, ist die Frage. Da gibt’s kein wissenschaftliches Richtig oder Falsch."

"Wahrscheinlich wird auch das elaborierteste Design eines Wahlzettels nie an ein theoretisches Ideal ohne Verzerrungseffekte heranreichen."
Benny Geys, Wirtschaftsprofessor an der Norwegian Business School, Oslo
Können diese Effekte das Ergebnis einer Wahl wirklich beeinflussen?

Der Wirtschaftswissenschaftler Benny Geys, Professor an der Norwegian Business School, sieht auch in Listenwahlen Möglichkeiten zur Verzerrung

"Zum Beispiel können Parteien den (unerwartet) hohen Stimmenanteil ihrer Kandidaten als Signal zur Unterstützung dieser Politiker und ihrer Ideen werten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Ideen dann mehr Aufmerksamkeit erhalten (...)."

Tiefergehende Untersuchungen gibt es dazu in Deutschland nicht. Allzu große Verzerrungseffekte nimmt Politikprofessor Schön aber nicht an. Weil wir Parteien wählen und diese stärker mit unterschiedlichen Werten assoziieren: Die CDU beispielsweise eher mit Tradition oder die Grünen mit Umweltschutz. Meistens wissen wir zumindest ungefähr, wozu wir uns zählen. "Der Vorteil auf einem Wahlzettel oben zu stehen ist in einem Parteiensystem nicht so wahnsinnig groß oder sogar inexistent.

Damit auch das Format der Wahl niemanden überfordert, hängen in deutschen Wahllokalen oft auch Muster-Wahlzettel. Bei manchen Wahlen bekommen Bürger diese auch vorher schon zugesandt. 


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Darum haben junge Menschen die FDP gewählt

FDP-Chef Christian Lindner konnte am Sonntagabend gar nicht aufhören zu lachen. Seine Partei hat in Nordrhein-Westfalen mit 12,6 Prozent ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erzielt (bento). Er selbst ist in dem Bundesland der beliebteste Politiker. 

Gerade bei den jungen Wählern zwischen 18 und 24 kann sich die Partei über viel Zustimmung freuen. In dieser Altersgruppe haben 15 Prozent der Wähler für die FDP gestimmt.

So haben die 18-24-Jährigen entschieden: