Millionen Deutsche sind bei einer Krankenkasse versichert – bei Techniker, DAK, AOK. Was nur wenige wissen: Wer als Versicherter zum Arzt geht, muss damit rechnen, dass er auf dem Papier kränker gemacht wird als er ist. Ohne dass er es merkt. Ärzte und Kassen erhalten dann viel Geld, das ihnen eigentlich nicht zusteht.

Diese Praxis hat der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, jüngst eingeräumt. "Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Verstimmung eine echte Depression." Und Baas hat selbst gesagt: "Das ist ein Skandal." Eine Milliarde Euro seien binnen zwei Jahren verpulvert worden. Baas sagt, die TK müsse mitmachen, weil alle Kassen mitmachen.

Warum wollen Ärzte und Kassen mich kränker machen?

Das deutsche Gesundheitssystem sieht vor, dass Kassen aus einem externen Gesundheitsfonds einen Ausgleich bekommen, wenn sie viele schwer kranke Patienten haben. Es gibt eine Liste von 80 Krankheiten, für die es besonders viel Geld gibt, Depressionen sind zum Beispiel darunter.

Offenbar ist das eine Einladung zur Manipulation. Die Kassen schicken eigene Berater in die Praxen, um Ärzte zu schlimmeren Diagnosen zu animieren. Axel Kleinlein, Vorstand vom Bund der Versicherten (BdV):

"Die Krankenkassen betrügen ihre Versicherten."
Warum ist das schlimm für mich?

Das Geld, das Kassen und Ärzten zu Unrecht erhalten, müssen de facto Versicherte aufbringen – durch ihren Beitrag. TK-Chef Baas rechnet vor, dass der Pflichtbeitrag für jeden TK-Kunden um 0,3 Prozentpunkte geringer sein könnte, wenn es die Manipulationen nicht gäbe.

Tritt ein Schaden ein, kann die Versicherung die Zahlung verweigern

Besonders betroffen sind vor allem Patienten, die eine private Versicherung abschließen, zum Beispiel gegen Berufsunfähigkeit oder einen Unfall. Sie müssen Fragen zu ihrer Gesundheit beantworten, bevor sie einen Vertrag abschließen. Tritt ein Schaden ein, kann die Versicherung die Zahlung verweigern – weil der Kunde vermeintlich falsche Angaben gemacht hat.

Was kann ich dagegen tun?

"Wir sind machtlos", sagt Eugen Brysch, Chef der Stiftung Patientenschutz. Brysch hat Strafanzeige wegen Betruges gegen TK-Chef Baas erstattet. Die Staatsanwaltschaft Hamburg will in Kürze entscheiden, ob sie Ermittlungen aufnimmt.

BdV-Chef Kleinlein rät: Wer Gesundheitsfragen beantworten muss, sollte sich vorher von der Krankenkasse seine Krankenakte schicken lassen. Der Verband lote aus, welche rechtlichen Schritte gegen Manipulationen möglich seien. "Wir erleben erst den Anfang eines ganz gravierenden Erdbebens."

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Der Brexit ist immer noch nicht endgültig – diese Hintertür hat Großbritannien noch

Eigentlich war der Brexit längst beschlossene Sache: In einer Volksabstimmung hatten sich die Einwohner Großbritanniens im Juni für den Ausstieg aus der Europäischen Union entschieden (bento), später gab Premierministerin Theresa May bekannt, den Brexit im kommenden Frühjahr 2017 zu beginnen (bento).

Jetzt könnte der EU-Ausstieg trotzdem scheitern – denn das britische Parlament darf wohlmöglich noch einmal darüber entscheiden.

Am Donnerstag erklärte das Oberste Gericht in London, dass die Regierung den Brexit erst nach einer Abstimmung im Parlament in Gang setzen darf. Die Parlamentarier hatten geklagt, dass die Regierung um Theresa May sie beim Ausstieg übergehe – und daher vorm Obersten Gericht geklagt. Die Richter gaben den Abgeordneten nun rechtl. Ein Rückschlag für die Regierung. (Guardian)