Bild: Sebastian Kahnert/dpa
"Diese Leute wollen einfach nichts lernen"

Seit über einem Jahr sitzt die Alternative für Deutschland (AfD) im deutschen Bundestag. Und ebenso lange diskutieren viele Institutionen und Einrichtungen darüber, wie man mit einer Partei umgehen soll, die immer wieder durch Aussagen auffällt, die die Nazizeit und den Holocaust relativieren.

Direkt betroffen sind die Mitarbeiterinnen in KZ-Gedenkstätten in ganz Deutschland.

Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald entschied vor Kurzem, die AfD-Fraktion des Thüringer Landtags von einer Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz auszuladen.

Für diese Entscheidung gab es nicht nur Zuspruch. Viele kritisierten, die Gedenkstätte würde eben diejenigen aussperren, die es am nötigsten hätten, etwas über die NS-Vergangenheit zu lernen. Wie gehen junge Menschen mit dieser Debatte um?

Wir haben mit drei jungen Guides aus KZ-Gedenkstätten über ihre Arbeit gesprochen. 

Sie erzählen, warum sie den Job überhaupt machen, was sie wirklich nervt und wie sie mit Holocaust-Leugnern umgehen.

Lisa, 30, ist pädogogische Mitarbeiterin in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. 

Die meisten Menschen wissen ja, dass dieser Ort, Buchenwald, mit Schrecken und Leid verbunden ist. Viele Besucherinnen und Besucher haben eine Art Faszination für das, was hier passiert ist. Sie kommen her, weil sie das Ganze besser begreifen wollen.

Ich lese es immer wieder, dass dieses Interesse angeblich nicht mehr da sein soll, dass Schülerinnen und Schüler den Begriff Auschwitz nicht mehr kennen. Meine Erfahrung ist aber eine ganz andere. Ich mache hier sowohl die normalen Führungen, als auch Projekte, die einen oder mehrere Tage dauern. Dabei arbeite ich viel mit Schülergruppen zusammen. Ich habe den Eindruck: Junge Menschen sind stark an der Gechichte dieses Orts interessiert.

Es gibt eine große Bereitschaft mit den Menschen, die hier leiden mussten, empathisch zu sein,. Das zeigt sich manchmal auch in ganz banalen Fragen. Zum Beispiel, ob die Inhaftierten im Lager Wintermäntel hatten oder wie viel sie zu essen bekamen. Besonders spannend wird es aber, wenn wir auf eine höhere Ebene kommen. Wenn wir uns damit beschäftigen, wie so etwas wie die Nazizeit überhaupt passieren konnte.

Mit seiner Dresdener Rede hat der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke die Arbeit, die wir hier machen, direkt angegriffen. Er hat davon gesprochen, dass man eine "Wende in der Erinnerungskultur um 180 Grad" brauche.

Die AfD als Partei hat sich davon nie distanziert. Wir müssen deswegen davon ausgehen, dass die Abgeordneten, die gekommen wären, hinter Höckes Aussagen stehen. Deshalb finde ich es richtig, dass die Partei von der Gedenkveranstaltung ausgeladen war. 

Zu solchen Veranstaltungen kommen immer noch Überlebende des Lagers, also Menschen, die hier leiden mussten, und deren Angehörige. Da können Menschen nicht willkommen sein, die die Bedeutung dieses Ortes infrage stellen.

Das heißt aber nicht, dass sie Hausverbot haben. Parteimitglieder dürfen als Privatpersonen hierherkommen, sich über die Geschichte informieren und auch mit uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ins Gespräch kommen. 

Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf dem ehemaligen Appell-Platz im KZ Buchenwald.

(Bild: Martin Schutt/dpa)

Matthias, 20, arbeitet seit 2017 in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Er berichtet, wie schwierig es ist, mit Holocaust-Leugnern zu diskutieren:

Ich stelle mir oft Fragen: Wie konnte es soweit kommen? Wie bringt man Menschen dazu, solche Taten auszuüben? Gibt es Parallelen zwischen damals und heute? Das sind die Fragen, die auch viele unserer Besucher beschäftigen. Ich habe da schon viel gelernt und möchte dieses Wissen weitergeben. Denn ich glaube, etwas über diese Orte zu lernen ist ein Weg, Rassismus und Antisemitismus entgegen zu treten.

Einmal wurde ich von einem Mann vor den Krematorien angesprochen, der eigentlich nicht zu meiner Gruppe gehörte. Er sagte mir, es könne gar nicht sein, dass hier Leute umgebracht worden seien, weil die Gaskammer zu nah an den Krematorien gebaut ist. Es sei technisch gar nicht möglich gewesen. 

Da steht man als Rundgangsleiter vor seiner Gruppe und fragt sich, wie man sich jetzt verhalten soll. Die meisten Referenten kennen sich mit der Technik einer Gaskammer nicht so gut aus, weil es auch nicht unsere Aufgabe ist, den Teilnehmern zu erklären, wie sie funktionieren. Ich habe ihm dann erklärt, dass es zwar keine Massenvergasung gab – aber dass Zeitzeugenberichte über Versuche mit Giftgas existieren.

Dieser Mann hat infrage gestellt, dass es sowohl hier, als auch in den Vernichtungslagern im Osten Vergasungen gab. Obwohl das ja einfach den Tatsachen entspricht.

Er wollte das nicht einsehen und wurde mir gegenüber auch noch unfreundlich. Ich habe das Gespräch dann einfach abgebrochen und meinen Rundgang fortgesetzt. Ab einem gewissen Punkt macht es einfach keinen Sinn, mit solchen Leuten weiter zu diskutieren.

Man muss natürlich versuchen, Menschen mit einer solchen Meinung von Fakten zu überzeugen. Wenn es jemandem aber nicht mehr darum geht, zu gedenken oder zu lernen – sondern er seine rassistischen Überzeugungen verbreiten will, finde ich es in Ordnung diese Leute von der Gedenkstätte auszuschließen.

Der Eingangtor des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau mit der Inschrift "Arbeit macht frei".

(Bild: Peter Kneffel/dpa)


Nils, 23, arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. Er erzählt, wie ein junges Mädchen ihn schockierte und warum es ihn nervt, wenn Besucher Fotos in der KZ-Gedenkstätte schießen, er aber trotzdem Verständnis für sie hat.

Ein Mädchen in einer sehr jungen Schulklasse hat mich mal schockiert. Sie war den ganzen Tag über sehr interessiert und hat super mitgearbeitet. Gegen Ende der Führung sagte sie, dass sie von ihrem Vater fragen soll, wie das mit den Gummi-Dichtungen bei den Gaskammern in Auschwitz gewesen sein soll, weil man keine gefunden habe. Es war also eine relativierende, Holocaust-leugnende Richtung. Die Frage kam aber wirklich nicht von ihr, sondern wurde ihr aufgetragen.

Was immer wieder passiert, ist, dass Leute hier Fotos machen. Ich denke, für viele und besonders für junge Menschen ist es einfach eine Art des Ausdrucks. Bei Instagram findet man sehr viele Bilder aus Bergen-Belsen. Ich glaube, dass nicht alles in böser Absicht entstanden ist. Aber wenn Besucher von den Fotografierenden gestört werden, nervt es natürlich.

Es ist etwas völlig Absurdes, dass sich in Konzentrationslagern Schlangen bilden, damit jeder ein Selfie machen kann

Jeder sollte aus einem Besuch seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich bin der Überzeugung, dass man aus Geschichte lernen kann – wenn man will. Ob man Leute aus der Gedenkstätte ausschließt, hängt immer davon ab, wie diese Person auftritt: Hat sie Symbole dabei? Einschlägige Kleidung? Äußert sie verharmlosende Behauptungen? Stört sie die Führung? Wenn ja, sollte sie ausgeschlossen werden. Es ist also immer eine Einzelfallentscheidung.

Dass Führungen mit AfD-Mitgliedern abgebrochen werden müssen, ist aber kein Einzelfall: Diese Leute wollen einfach nichts lernen. Und das ist die Grundvoraussetzung.

Gedenkstein am Eingang des Friedhofs des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.

(Bild: Holger Hollemann/dpa)



Today

Mindestlohn rauf, Hartz IV abschaffen – Das hat die SPD mit ihrem Konzept "Sozialstaat 2025" vor
Das steht im neuen Konzept

Die SPD-Parteiführung hat am Sonntag einstimmig das neue Parteikonzept "Sozialstaat 2025" verabschiedet. Auf der Klausurtagung in Berlin verkündete die Parteivorsitzende Andrea Nahles stolz den "Neuanfang" der Sozialdemokraten (SPIEGEL ONLINE). Ziel sei es, die Agenda 2010 und besonders die Strukturen um das Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt, hinter sich zu lassen.

Was hat die SPD jetzt genau vor?

In dem Konzept für den Umbau des Sozialstaates, das bento vorliegt, sind drei Themen zentral: 

  1. Chancen und Schutz in der Arbeitswelt
  2. Kinder absichern und ihnen Teilhabe an Bildung ermöglichen
  3. Das Bürgergeld anstelle von Hartz IV

1. Chancen und Schutz in der Arbeitswelt

Ginge es nach der SPD so sollte der Mindestlohn von derzeit 9,19 Euro auf 12 Euro steigen. Zudem wollen die Sozialdemokraten allgemein für häufigere Tarifbindungen bei Jobs sorgen, am liebsten bundesweit. 

Trotz der Erhöhung des Mindestlohns betont die Partei: "Der Mindestlohn kann immer nur eine Untergrenze sein. Das Ziel sind anständige Tariflöhne." Zudem soll es europaweit eine Einigung über Mindestlöhne und eine Grundsicherung für alle europäischen Arbeitnehmer geben.

Zusätzlich setzt die Partei sich dafür ein, Arbeitnehmern ein Recht auf "mobiles Arbeiten" einzuräumen. Dies wäre gleichbedeutend mit einem Recht darauf, wenn möglich von Zuhause aus zu arbeiten.

2. Kinder absichern und ihnen Teilhabe an Bildung ermöglichen

 Die SPD will Kinder zukünftig gesondert absichern. Das bedeutet, dass Kinder eine eigene "Grundsicherung" bekommen sollen. Ziel ist es, auch Kindern in einkommensschwachen Familien "gutes und gesundes Aufwachsen zu ermöglichen."

Hierzu sollen derzeit einzeln gezahlte Leistungen der Einfachheit halber zusammengefasst und gebündelt ausgezahlt werden. Besonders profitieren würden Kinder von alleinerziehenden Eltern, so die Partei in ihrem Konzept.

Um auch Kindern aus einkommensschwachen Familien bestmögliche Bildung zu ermöglichen, will die SPD zudem prüfen, ob Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Ganztagsbetreuungen und Mittagessen "barriere- und kostenfrei werden können."

3. Das Bürgergeld anstelle von Hartz IV

Die größte Änderung in der Sozialpolitik der SPD liegt bei der Abkehr der sogenannten "Agenda 2010". Somit will die Partei das von ihr selbst eingeführte Hartz-IV-System wieder abschaffen. Zukünftig soll es statt des Arbeitslosengeld II, wie es offiziell heißt, ein sogenanntes "Bürgergeld" geben.

Sollte man seinen Job verlieren, wird für in der Regel 12 Monate das Arbeitslosengeld I (ALG I) gezahlt, danach wird es durch das in der Regel deutlich niedrigere Hartz IV abgelöst. An diesem Vorgang will die SPD einiges ändern.

Das Bürgergeld zusammengefasst:

  • Gleiche Höhe der Auszahlung wie Hartz IV
  • Arbeitslosengeld I soll statt 12 bis zu 33 Monate ausgezahlt werden.
  • Jeder Arbeitslose hat ein "Recht auf Weiterbildung" – während der Umschulungen wird die Höhe des ALG I gezahlt.
  • Wohnt man als Langzeitarbeitsloser in einer zu großen Wohnung, soll man zwei Jahre lang nicht ausziehen müssen
  • "Unsinnige Sanktionen" für Arbeitslose sollen abgeschafft werden
  • Sanktionen für Arbeitslose unter 25 sollen möglichst ganz abgeschafft werden (bento)
  • Sanktionen sollen sich nicht auf das Wohngeld auswirken, damit der Wohnraum immer gesichert ist

Wie wahrscheinlich ist es, dass das neue Konzept eingeführt wird?

Sehr unwahrscheinlich. Politiker von CDU und FDP nannten das neue System "töricht" und "unrealistisch". Der Vorschlag stelle das gut austarierte System von Fordern und Fördern infrage, so der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Carsten Linnemann, in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner kritisiert das Konzept scharf: "Fünf Jahre Leistungsbezug ohne jeden Druck vergrößern nur die Gefahr, dass die Chancen von Älteren auf dem Arbeitsmarkt wieder sinken." Die Abschaffung von Sanktionsmöglichkeiten nannte Lindner "töricht”. "Wie soll dann noch in Fällen von Sozialbetrug reagiert werden?, fragte er.