In den sozialen Medien ist Politik häufig männerdominiert. Auf Instagram jedoch sorgen junge Frauen dafür, dass überhaupt über das Thema gesprochen wird.

"Ein Dienstag mit Lou" steht zu Beginn der Instagram-Story. Zu sehen ist eine junge Frau, die tanzend in die Kamera schaut und offenbar in einen Löffel singt. Auf den ersten Blick würde man erwarten, dass nun Bilder der letzten Reiseerlebnisse oder die Vorstellung einer Modekollektion folgen – Szenen aus dem Alltag einer Influencerin eben. Stattdessen gibt es sieben Minuten Informationen über Syrien und die aktuelle Situation an der griechisch-türkischen Grenze. Louisa Dellert, die Frau aus dem Video, hat 383.000 Followerinnen und Follower. Sie ist nur eine von mehreren jungen Frauen, die in jüngster Zeit auf Instagram vermehrt auch politische Themen ansprechen.

Bei den Nutzerinnen und Nutzern kommt das an. Bereits jetzt ist Instagram bei den 18- bis 24-Jährigen das wichtigste soziale Medium für den Konsum von Nachrichten. 23 Prozent von ihnen informieren sich auf der Plattform, welche damit knapp vor Youtube und Facebook rangiert. Das geht aus dem "Digital News Report" des Reuters Institute hevor.

Warum 2020 die bento-Männer alle Artikel zum Frauenkampftag verantworten

Der Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit wird meist vor allem von Frauen, Intersexuellen, Trans*- und nicht binären Menschen geführt. Für Sonderhefte und Themenspeziale zum 8. März müssen auch in deutschen Medienhäusern jedes Jahr vor allem sie die Überstunden leisten. 

Wir wollten das dieses Jahr umdrehen – und haben unsere Beiträge dazu von Cis-Männern planen, schreiben und produzieren lassen. Hier liest du mehr zu unserer Aktion #männerfürfrauen.

"Ich habe festgestellt, dass es bei meinen Followerinnen ein sehr großes Interesse am Thema Politik gibt", erzählt Louisa. Seit etwa zwei Jahren nutzt die 30-Jährige ihre Reichweite, um auf Nachhaltigkeitsthemen aufmerksam zu machen. Als sie damit anfängt, fällt ihr schnell auf, dass sie auch politische Themen ansprechen muss. "Vieles in der Politik habe ich damals selbst nicht verstanden, weshalb ich mir es zur Aufgabe gemacht habe, mich zu informieren." Sie gibt ihre Erkenntnisse an die Follower weiter. Die Reaktionen darauf sind positiv. 

Mittlerweile trifft sich Louisa regelmäßig mit Politikerinnen und Politikern, erklärt das Klimaschutzgesetz, spricht über die Demokratieproteste in Hongkong. Als Journalistin sieht sie sich jedoch nicht. "Ich bin einfach Lou, die Fragen hat und darauf Antworten will. Und die dann eben selbst recherchiert." Daneben geht es auf ihrem Kanal um Themen wie Body Positivity oder Nachhaltigkeit – und ja, auch Werbung macht Louisa, jedoch nur für Produkte, die sie ethisch für vertretbar halte, sagt sie.

Auffällig ist, dass es vor allem Frauen mit großer Reichweite sind, die in ihren Beiträgen und Stories immer wieder politische Themen ansprechen. Manche, wie Madeleine Daria Alizadeh alias dariadaria, setzen sich in erster Linie für Nachhaltigkeit ein, Luisa Neubauer hingegen hat es hauptsächlich mit den politischen Forderungen von "Fridays for Future" auf mehr als 100.000 Follower gebracht.

Instagram bietet Frauen einen sichereren Raum

Aber warum ausgerechnet Instagram? In der Top-20-Rangliste der erfolgreichsten deutschen Influencerinnen und Influencer des Tools "Likeometer" findet man 14 Profile, die von Frauen betrieben werden. Auf Youtube hingegen sind die Creator mit den meisten Abos überwiegend männlich. 

Während LeFloid, von "Zeit Campus" als "der politische Youtuber" bezeichnet, auf Instagram Einblicke hinter die Kulissen seiner Videos gibt und Rezo ausschließlich Hochglanzfotos von sich selbst präsentiert, sprechen Influencerinnen wie Charlotte Weise und Nike van Dinther in ihren Insta-Stories über Feminismus, Syrien und die AfD.

Dass es vor allem Frauen sind, die die Politik zu Instagram holen, kommt nicht von ungefähr. "Instagram wird von Frauen stärker als positiver Raum erlebt, weil sie mehr Kontrolle darüber haben, wer sie auf welche Art und Weise kontaktiert. Außerdem sind sie dort stärker mit anderen Frauen vernetzt und können sich entsprechend gegenseitig bestätigen", erklärt Katharina Kleinen-von Königslöw. Die Professorin forscht an der Uni Hamburg zu politischer Kommunikation in den sozialen Medien.

Youtube hingegen biete Frauen eine eher ungemütliche Plattforum – insbesondere, wenn sie sich politisch äußerten. "Das macht sie in der Regel noch mehr angreifbar, als sie es dort ohnehin schon sind." Youtube sei nach wie vor eine Heimat für Content aus Bereichen wie Gaming und Musik, die noch immer von Männern dominiert würden. 

Wer behauptet, Youtube würde zeigen, dass Frauen weniger politisches Interesse hätten, wird auf Instagram eines besseren belehrt.

Dort erreicht Louisa Dellert mit ihren Stories und Videos zu Politik und Gesellschaft hauptsächlich junge Frauen, sagt sie. 83 Prozent der Menschen, die ihr folgen, seien weiblich, die meisten zwischen 19 und 34. Nachdem vor wenigen Wochen in Thüringen der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde (SPIEGEL), machte sie eine mehrminütige Story dazu, sprach etwa mit dem Linken-Fraktionsvorsitzendem Dietmar Bartsch und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. 

120.000 Menschen sahen sich das an, erzählt Louisa. Bemerkenswert, gilt ihre Zielgruppe doch als besonders schwer erreichbar für politische Themen, wie der "Digital News Report" belegt. In den Altersgruppen unter 35 Jahren sei das Interesse an Nachrichten im letzten Jahr deutlich zurückgegangen, heißt es darin. Auch das allgemeine Interesse an Politik sei bei ihnen niedriger als bei älteren Menschen. 

Mit der großen Reichweite geht auch Verantwortung einher. Man könne zwar nicht erwarten, dass alle Informationen, die von Influencerinnen kämen, bis ins letzte Detail geprüft würden, sagt Katharina Kleinen-von Königslöw. "Die Frage ist jedoch, wie sie dann mit Fehlern umgehen, die sie machen, ob sie bereit sind zu lernen und auch mal eine Debatte aushalten können."

Dessen sei sie sich bewusst, sagt Louisa. Als sie einmal einen AfD-Politiker zitierte und dabei das N-Wort aussprach, folgte ein kleiner Shistorm. "Im Nachhinein kann ich natürlich verstehen, dass ich damit Menschen auf den Fuß getreten bin." Auch deshalb spreche sie das, was sie in ihren Videos erzählt, zuvor mit befreundeten Journalistinnen ab.

Katharina Kleinen-von Königslöw sieht die Entwicklung der politischen Diskurse auf Instagram positiv. "Nach der Europawahl gab es eine Debatte darüber, ob Influencer überhaupt Politik machen dürfen", erinnert sich die Kommunikationswissenschaftlerin. "Natürlich dürfen sie das. Und wenn das Leute dazu bringt, sich für Politik zu interessieren, brauchen wir eher noch mehr davon." 


Gerechtigkeit

Waad hat in Aleppo ihr Leben riskiert – und das ihrer Tochter. Warum?
Wir haben mit Waad al-Kateab über den Alltag im Krieg und ihre Dokumentation "Für Sama" gesprochen

Auf dem Bett liegt ein Baby, wenige Monate alt, es wird gefilmt von seiner Mutter, sie singt ihm ein Lied vor. Plötzlich hört man dumpf eine Bombe explodieren. Das kleine Mädchen mit den langen Wimpern und den goldfarbenen Ohrsteckern reißt erschrocken die Augen auf und verzerrt den Mund zu einer Grimasse. Die Frau hinter der Kamera sagt mit weicher Stimme den Namen des Kindes: "Sama". Die Augen des Babys richten sich wieder auf die Mutter, es lacht und steckt seinen kleinen Fuß in den Mund. 

Die Frau hinter der Kamera ist Waad al-Kateab. Zwischen 2012 und 2016 filmte sie ihr Leben in Mitten des Kriegs in Syrien, die Geburt ihrer Tochter, ihren Widerstand gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad

Aus mehr als 500 Stunden Filmmaterial hat sie zusammen mit dem britischen Filmemacher Edward Watts einen Dokumentarfilm produziert, der seit Donnerstag in den deutschen Kinos läuft. Er zeigt das Leben einer Gruppe von Widerständlern, die trotz der Belagerung Aleppos die Stadt nicht verlassen wollten, bis sie schließlich im Dezember 2016 evakuiert werden musste (bento). Oder, wie Waad es nennt: Bis sie vertrieben wurden. Der Film heißt "Für Sama". 

Für mehr als 50 Preise war "Für Sama" schon nominiert, darunter auch für den Oscar in der Kategorie "Beste Dokumentation" und für den British Academy Film Award in derselben Kategorie, den Waad und ihre Familie in London auch entgegennehmen durften. Wir haben Waad bei der Deutschlandpremiere in Hamburg getroffen. 

Waad wirkt entschlossen und routiniert, wenn sie das Publikum in dem ausverkauften Filmsaal begrüßt. Sie hat eine klare Botschaft: "Das, was ihr gleich sehen werdet, ist keine Geschichte aus der Vergangenheit. Das passiert jetzt gerade, während ihr diesen Film seht, so oder noch schlimmer in Idlib." In der syrischen Provinz nahe der türkischen Grenze wird aktuell immer noch gekämpft, Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. (DER SPIEGEL)