Bild: Privat
Interview mit dem Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç

Deutschland hat ein Rassismusproblem. Es zu lösen, wird immer dringlicher, jeder Anschlag, jeder Übergriff ist ein weiteres Zeichen für das gesamtgesellschaftliche Versagen. 

In einer Welt, in der sich Menschen theoretisch an alle möglichen Identitäten und Ideologien binden könnten, stellt sich daher die Frage: Warum werden manche eigentlich Rassisten? Was macht die Ideologie für manche attraktiv? Und wie ließe sich das ändern? 

Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler und Rassismusforscher an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und hat das Buch "Die Islamdebatte gehört zu Deutschland" geschrieben.

bento: Zakariya, warum werden Menschen zu Rassisten?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Mich interessieren weniger Rassisten, als vielmehr der Rassismus selbst. Rassismus ist ein gesellschaftliches Machtverhältnis, bei dem der Zugang zu Ressourcen reguliert wird und der Ausschluss von Menschen genauso wie Gewalt legitimiert werden. 

Solche Mechanismen wachsen historisch und werden sozial tradiert und erlernt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man absichtlich rassistisch ist oder nicht. Man muss sich nicht als Rassist verstehen, um rassistisch zu denken oder zu handeln. Der Effekt ist ausschlaggebend. 

Und trotzdem ist Rassismus eben auch identitätsstiftend.

bento: Was meinst du mit identitätsstiftend?

Zakariya: Rassismus schafft eine eigene Gruppenidentität durch Abgrenzung zu "den Anderen". Das geschieht entlang von Hautfarbe, Religion, Kultur oder Herkunft. Weiße Deutsche werden aufgewertet, während Schwarze, Roma, Sinti, Muslime und viele andere People of Color als Fremde markiert und herabgesetzt werden. Im Grunde erzählt der Rassismus in Deutschland nichts über "die Anderen", aber sehr viel über "uns" und "unseren" Blick auf die Welt. 

bento: Laut einer Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wählen viele Menschen die AfD an Orten, wo Arbeitsplätze im Handwerk schwinden (DIW). Ist Rassismus eine Art Lückenfüller, wenn andere Teile der Identität in Gefahr sind, zum Beispiel durch den Verlust des Arbeitsplatzes?

Zakariya: Rassismus füllt keine Lücken, er ordnet die Gesellschaft. Arbeitslosigkeit und Armut sind keine Auslöser von Rassismus und Menschen mit niedrigem Einkommen sind auch nicht die Erfinder oder Urheber rassistischer Ideen. 

Wir können beobachten, dass viele AfD-Wähler unabhängig von sozialer Schicht die Sehnsucht nach einem deutschen Patriotismus verbindet. Sie wollen wieder stolz auf das eigene "Deutschtum" sein und die "Last" der historischen Verantwortung ablegen, also nicht mehr an die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Holocaust erinnern, stattdessen Geschichte umdeuten und sich selbst als "Opfer" inszenieren. 

An der Beliebtheit der AfD erkennen wir, was in den letzten Jahrzehnten in Sachen antifaschistischer Aufarbeitung und Demokratisierung versäumt wurde. Da bröckelt etwas. Tag für Tag dringt mehr Sehnsucht nach deutscher Homogenität und Dominanz durch. 

Aber woher kommt diese Sehnsucht?

Zakariya: Soziale Themen wie zum Beispiel Armut und Unsicherheit können mit Rassismus verarbeitet werden. Das sieht man sehr gut am europäischen Antisemitismus: Wenn etwas wirtschaftlich nicht stimmt, wird in bestimmten Kreisen "den Juden" dafür die Schuld gegeben. 

Ein ähnliches Muster erkennen wir auch im antimuslimischen Rassismus: Muslimen wird nachgesagt, insgeheim den Rechtsstaat zu unterwandern und das Land an sich reißen zu wollen. Mit antimuslimischen Parolen kann die AfD erfolgreich an die "Sorgen" und "Ängste" der Gesellschaft anknüpfen und sich als Stimme des "deutschen Volkes" präsentieren. Und die darunter liegenden Überzeugungen sind bei vielen Menschen angekommen:

Der Aussage "Bei den vielen Muslimen fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land" stimmten im Westen 54,8 Prozent zu, im Osten 56,1. (Leipziger Mitte-Studie 2018).

bento: Dabei leben doch insgesamt in Deutschland eigentlich wenige Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – und noch weniger Muslime.

Zakariya: Ja, weil Rassismus auch ohne sie funktioniert. Für den antimuslimischen Rassismus reicht zum Beispiel allein die Idee aus, dass Muslime unter "uns" leben könnten, um gegen sie auf die Barrikaden zu gehen. Muslime werden in demographischen Prognosen und Bedrohungsszenarien als wachsende Gefahr konstruiert. 

Insbesondere Verschwörungstheorien kommen sehr gut ohne echte Muslime aus. So oder so hat das Gefühl einer Überfremdung weniger mit den Migranten selbst zu tun, als mit der Wahrnehmung über sie.

bento: Was können wir bundesweit gegen Rassismus tun?

Zakariya: Rassistisches Wissen kann hinterfragt und verlernt werden. Das ist ein Prozess, der gesamtgesellschaftlich angegangen werden muss. 

Wichtig ist, dass man Rassismus als solchen benennt, ihn nicht leugnet und die Menschen schon früh für rassistische Sprache sensibilisiert. Und man muss Menschen mit Rassismuserfahrung empowern, ihre Bedürfnisse und Erfahrungen berücksichtigen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Uni und Arbeit

So setzt du dich in Diskussionen und Gruppenarbeiten besser durch

Diskussionsrunden und Gruppenarbeiten kommen im Studium oft vor. Im Team kommt man auf die interessantesten neuen Ideen und Gedanken – denken sich Lehrende jedenfalls. 

Denn es fängt bereits in der Schule an: Laut einer Studie benutzt die Hälfte aller Pädagogen Gruppenarbeit im Unterricht. Das ist mehr als der Durchschnitt. Und überdurchschnittlich vielen Schülerinnen und Schülern mache diese Form der Arbeit sogar Spaß. (SPIEGEL)

In der Uni ändern viele Studierende ihre Meinung zu Gruppenarbeiten. Sobald ein Konkurrenzdenken um Punkte und Noten entsteht, sind Teamarbeiten häufig anstrengend – vor allem für Menschen, die eher schüchtern sind und Angst haben, dass ihre Ideen in der Masse untergehen.

Wie schafft man es, sich in Diskussionen und Gruppenarbeiten besser durchzusetzen?