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Tausende Syrer harren an der Grenze zur Türkei aus, seit Russland Aleppo bombardiert. Doch nur Krankenwagen mit Schwerverletzten dürfen passieren. Hasnain Kazim ist vor Ort:

Ein paar Kinder laufen Hühnern im Matsch hinterher, als plötzlich die Weltpolitik auf Lastwagen an ihnen vorbeidonnert.

Es sind Transporter mit meterhohen Betonblöcken. Sie fahren durch das Dorf Akinci, das direkt an der Grenze zu Syrien liegt. Die Türkei endet in Akinci. Hinter den Häusern an der Dorfstraße verläuft der Stacheldraht, dahinter ein etwa drei Meter tiefer Graben. Man sieht Fußspuren in der weichen Erde und Löcher im Zaun. Die Grenze ist löchrig.

Große Betonblöcke werden in Lastern zur Grenze gekarrt, damit wird die Mauer gebaut. Die Türkei schließt die Grenze zu Syrien.(Bild: Hasnain Kazim)

Die Lastwagen biegen in einen Feldweg. Ein Soldat öffnet ein Gatter, und schon fahren sie hinter dem Stacheldraht. In etwa hundert Metern Entfernung wartet ein Kran auf die Lieferung. Nach und nach werden die Betonblöcke nebeneinander gesetzt. Eine weiße Betonmauer durchschneidet die Olivenhaine. Die Türkei schließt die Grenze zu Syrien. Die Regierung in Ankara hatte das schon länger vor, aber jetzt, da sich wieder Tausende Syrer auf den Weg Richtung Türkei machen, auf der Flucht vor Bomben, Hunger und Kälte, scheint sie es eilig zu haben.

Denn auf der anderen Seite der Grenze, nur wenige Kilometer von Akinci entfernt, harren inzwischen mehr als 40.000 Menschen aus. Manche sprechen sogar von bald 100.000 Flüchtlingen.

Sie bringen sich vor den russischen Kampfjets in Sicherheit, die in den vergangenen Tagen ihr Bombardement auf Aleppo und die Region nördlich davon bis nahe der Grenze massiv verstärkt haben. Aleppo, nach der Hauptstadt Damaskus zweitgrößte Stadt Syriens, wird derzeit in Schutt und Asche gelegt.

Nahe der Dorfstraße in Akinci verläuft der Stacheldraht, dahinter ein Graben - doch die Grenze ist löchrig.(Bild: Hasnain Kazim)

"Da werden Wohnviertel angegriffen, Schulen, Krankenhäuser, alles", sagt Abdulrazak, ein Olivenhändler aus Aleppo, der jetzt an der Grenze darauf wartet, in die Türkei zu kommen. "Früher kamen die syrischen Hubschrauber mit ihren Fassbomben, jetzt kommen die russischen Flugzeuge mit ihren Bomben", sagt er am Telefon. Und im Gefolge würden Truppen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad zusammen mit verbündeten irakischen und libanesischen Kämpfern Gebiete von den Rebellen zurückerobern. "Das wäre ohne russische Hilfe undenkbar", sagt er.

Was treibt Russland?

"Die wollen Assad wieder stark machen", sagt Mouhanad, ein junger Ingenieur aus Aleppo, dem die Flucht in die Türkei schon vor einigen Wochen gelungen ist. Er wartet nun auf seine Frau und seinen Sohn. Sie sind auf der anderen Seite in einem Flüchtlingslager untergekommen, die Türkei hat es gebaut, in der Hoffnung, die Menschen dort versorgen und halten zu können.

Aleppo, 2011 ein Symbol des Aufstands gegen Assad, ist eingekesselt von Regierungstruppen und Milizen des "Islamischen Staates" (IS). "Alle meine Freunde, mit denen ich telefoniere, sagen, sie haben Angst davor, dass die Regierung sie verhungern lässt, indem sie alle Versorgungswege über Wochen blockiert", sagt Mouhanad. Auf Hilfe hoffe niemand mehr, der einzige Ausweg sei die Flucht. "Die Oppositionellen, die uns helfen sollten und auf die der Westen gesetzt hat, sind ja nicht mehr da."

Das Medieninteresse ist groß. Was in der Türkei passiert, hat Einfluss auf die Flüchtlingssituation in Europa. Am Montag war Kanzlerin Angela Merkel erneut in der Türkei, um mit der Regierung über konkrete Pläne zur Eindämmung der Krise und Hilfe für Flüchtlinge zu beraten.(Bild: Hasnain Kazim)

Auf den Westen sind viele Syrer nicht gut zu sprechen. "Wir hören, dass die Europäer einerseits von der Türkei verlangen, die Grenzen zu öffnen und uns ins Land zu lassen", sagt Student Hady am Telefon von der syrischen Grenzstadt Asas aus. "Aber warum verlangen sie dann andererseits, dass die Türkei die Grenzen im Westen schließt?" Das sei eine "Doppelzüngigkeit", sagt er, und diese Meinung teilen viele, die die Nachrichten gelesen oder gehört haben. "Wir sind wütend auf die ganze Welt", sagt Hady. "Auf Russland, auf Europa, am meisten auf Syrien selbst."

Jetzt starren also Tausende auf Betonblöcke, auf Monumente des Scheiterns der internationalen Gemeinschaft, die es fünf Jahre nach Ausbruch der Gewalt in Syrien nicht geschafft hat, das Land zu befrieden, sondern im Gegenteil durch Ignorieren oder durch rücksichtsloses Verfolgen eigener Interessen die Lage so verschlimmert hat, dass Millionen Menschen nichts anderes bleibt als die Flucht.

Man sei durchaus bereit, diese Menschen ins Land zu lassen, betonen Regierungspolitiker jetzt. Aber die Aufnahme müsse kontrolliert erfolgen, nicht durch Löcher in Zäunen wie in Akinci. Schon jetzt leben etwa zweieinhalb Millionen registrierte Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei, mit den nicht gemeldeten dürften es knapp drei Millionen sein. In der Grenzstadt Kilis lebten bis zum Kriegsbeginn etwa 90.000 Menschen. Jetzt sollen es wegen der vielen Flüchtlinge mehr als doppelt so viele sein.

Die Zollkontrolle in Öncüpinar südlich von Kilis. In Richtung Syrien passieren hier Lastwagen mit Hilfsgütern, mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Zelten und Zement.(Bild: Hasnain Kazim)

Fragt man die Bewohner, wie sie die Situation in ihrer Stadt beschreiben, bezeichnen sie sie als "extrem schwierig". Es gebe nicht genügend Arbeit, Wohnraum sei knapp, die Mieten seien spürbar gestiegen. Aber für das Ausmaß der Flucht sei es dann doch vergleichsweise ruhig und gewaltfrei geblieben, sagen sie.

Den Bau der Mauer halten viele für richtig, weil die Zahl der Terroranschläge in der Türkei, bei denen die Täter aus Syrien stammten, zugenommen habe. Und die Gegend zwischen der Grenze und Gaziantep, 50 Kilometer nördlich von Kilis, gilt als Rückzugsgebiet von IS-Kämpfern. "Wir haben sehr deutliche Hinweise auf IS-Aktivitäten", sagt ein westlicher Sicherheitsexperte. "Wir wissen von IS-Spähern, die auf der Suche nach potenziellen Geiseln und Anschlagszielen sind." Das Auswärtige Amt rät deshalb von Reisen in diese Region dringend ab.

In umgekehrte Richtung, also von Syrien in die Türkei, dürfen nur Krankenwagen mit Schwerverletzten fahren. Flüchtlinge sitzen fest.(Bild: Getty Images)

Während weitere Lastwagen mit Betonelementen nach Akinci abbiegen, fahren einige weiter Richtung Grenzübergang. Sie sind beladen mit Hilfsgütern, mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Zelten und Zement. Das Grenztor in Kilis öffnet sich, und die Transporter verschwinden in Syrien. In umgekehrte Richtung dürfen nur Krankenwagen mit Schwerverletzten passieren. Alle paar Minuten schiebt jemand das Tor zur Seite, und ein türkischer Krankenwagen mit Blaulicht kommt aus Syrien und bringt einen Verwundeten in das staatliche Krankenhaus von Kilis.

Von Akinci aus hört man indes Schüsse und gelegentlich eine Explosion. Die Gefechte auf der anderen Seite dauern an. Diese Geräusche kann selbst eine Mauer nicht abhalten.

Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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