Bild: Lars Berg / imago images

Knapp fünf Jahre ist es her, dass Europäer begannen, von einer "Flüchtlingskrise" auf dem eigenen Kontinent zu sprechen: Im Sommer 2015 häuften sich die Berichte von syrischen Flüchtlingen, die verloren an deutschen Landstraßen aufgefunden wurden, der Druck des Leidens und der Not schien fast physisch auf die Grenzen der Europäischen Union zu wirken. 

2015 gilt als das Jahr, das viele Menschen in Deutschland nach rechts rücken ließ – als Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik. Es gilt auch als das Jahr der "Willkommenskultur". 

Was macht einen Menschen politisch – und wie sehr beeinflussen einzelne Ereignisse seinen Weg? Einer Studie zufolge hat in den Jahren seit 2015 mehr als die Hälfte der Bevölkerung ab 16 Jahren sich auf irgendeine Weise für Geflüchtete eingesetzt – sei es durch Einsatz in Notunterkünften oder Geld- und Sachspenden (Bundesfamilienministerium). 

War die Flüchtlingskrise ein Moment der Politisierung in Deutschland? Was hat 2015 mit "Fridays for Future" und der politischen Lage heute zu tun? Und was bedeutet die Coronakrise für die Helfer von damals?

Der Flüchtlingshelfer, der die CSU verließ

Wenn Sebastian Huber im Herbst 2015 nicht nach Ungarn gefahren wäre, wenn er nicht am Grenzzaun gestanden hätte, dann wäre sein Leben anders verlaufen, ist er sich heute sicher.

Zum Zeitpunkt seiner Reise kamen täglich tausende Geflüchtete an der Grenze zwischen Ungarn und Kroatien an. Sebastian war 20 Jahre alt und Ortsverbandsvorsitzender der Jungen Union einer Gemeinde in der Nähe von München. Er wollte sich mit eigenen Augen ansehen, was da gerade passiert. Am Ende blieb er mehrere Tage, half bis zur eigenen Erschöpfung und verteilte Wasser und Essen an syrische Familien, die schon seit Wochen unterwegs waren und nun in Züge Richtung Österreich und Deutschland stiegen.

Als er in die Heimat zurückkehrte, überdachte er seine politischen Ansichten. "Mein Blick auf die Welt hat sich damals um 180 Grad gedreht", sagt er nun. Wenige Wochen nach den Erlebnissen in Ungarn trat er aus der CSU aus. "Ich habe damals viel reflektiert und mir Gedanken gemacht über die klassischen Stammtischparolen, die es in der Partei leider gibt – und die man als junger Mensch auch aufnimmt und sich dann denkt: Das ist halt so."

Sebastian konnte für sich nicht rechtfertigen, in der Partei zu sein, die die Obergrenze forderte.

"Nach meinem Austritt wurden natürlich schnell Fragen gestellt: Zu welcher Partei willst du jetzt gehen? Willst du wirklich mit der Kommunalpolitik aufhören?  Fragen, die ich mir selbst auch jeden Tag gestellt habe. Aber ich musste das erlebte zunächst verarbeiten."

Bei Sebastian wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. "Ich konnte nachts nicht schlafen, sah im Traum Bilder meiner Reise vor mir. Das Geräusch einer einfahrenden S-Bahn versetzte mich zurück an den Rangierbahnhof in Ungarn. Ich wachte nachts schreiend auf." 

Er habe eine Zeit lang eine richtige politische Depression gespürt und keine Kraft gehabt, weiter mit zu gestalten, sagt er. "Heute, also knapp vier Jahre später, habe ich das meiste verarbeitet. Ich gehe auf Demos, diskutiere auch im Netz langsam wieder mit. Den Entschluss, einer Partei beizutreten, habe ich in den letzten Jahren schon mehrfach gefasst und wieder verworfen. Ich denke, der Tag an dem dies geschieht, ist heute näher als damals." 

Seine Freunde, sagt Sebastian, seien heute alle politisch interessierter als sein alter Freundeskreis. "Wir tauschen uns ständig über das Geschehen in der Welt aus, diskutieren und informieren uns gegenseitig. Etwas, was zuvor mit meinen Freunden nur selten möglich war."

Zusammengenommen sei 2015 das prägenste Jahr seines Lebens gewesen. "Es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin - und ich würde es wieder so machen!"

Kritik an Asylpolitik war vor allem für junge Menschen ein Motiv

Helge Schwiertz vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück hat sich viel mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement im Zuge der Fluchtbewegungen auseinandergesetzt. Auch wenn damals viele der Helfer ihr Engagement nicht als politisches Handeln verstanden, könne man diese Gruppe als politische Bewegung begreifen, sagt er. Denn sie unterstütze Flucht und Migration, obwohl dies teilweise dem Regierungshandeln entgegenstehe. 

Laut einer Studie zu den Strukturen und Motiven der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit war gerade bei jungen Menschen die Kritik an der staatlichen Asylpolitik eine wichtige Motivation für ihr Engagement. 60 Prozent der unter 30-Jährigen gaben dies bei der Umfrage an – bei den über 60-Jährigen waren es nur 30 Prozent. 

Ermächtigung im Angesicht der Katastrophe

Die Ohnmacht gegenüber der europäischen Asylpolitik war es auch, die Zoe Katharina erst zu einem politischen Menschen machte. Als sie im Sommer 2016 die Bilder von überfüllten Booten im Mittelmeer sah und von Geflüchteten las, die zu Tausenden ertranken, dachte sie nur: "Ich kann Motorboot fahren. Warum melde ich mich da nicht?" Sie hatte gerade ihr Abitur geschrieben, wenig später fuhr Zoe das erste Mal auf der "Iuventa", dem Schiff von "Jugend Rettet", aufs Mittelmeer. Ihr sei bewusst gewesen, dass dies ein politisches Signal sei, sagt die 23-Jährige heute. "Aber ich habe das ein wenig von mir weggeschoben. Menschenleben retten sollte eigentlich nichts mit Politik zu tun haben."

Trotzdem habe es Momente gegeben, in denen es ihr schwer fiel, die Politik außen vor zu lassen. Eines Nachts sei vor ihren Augen ein Schlauchboot untergegangen, mehrere Menschen ertranken dabei. "Ich habe in den Sternenhimmel geschaut und mir gedacht: Vor uns sterben Menschen, die nicht hätten sterben müssen, während Politiker und Entscheidungsträger in ihren klimatisierten Büros sitzen und nicht handeln."

Als schließlich die italienische Justiz Ermittlungen gegen Zoe und die Crew der "Iuventa" wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung einleitete, habe das nochmals dazu beigetragen, dass sie heute ihre Stimme erhebt. Über ihre Erlebnisse auf dem Mittelmeer hat sie ein Buch geschrieben, mit dem Titel "Zoe heißt Leben: Ich riskierte 20 Jahre Haft, weil ich Hunderte von Menschen aus Seenot rettete. Und ich würde es wieder tun". Sie sagt: "Ich will einerseits darauf aufmerksam machen, dass jeden Tag Menschen sterben, die keine Stimme haben. Und andererseits, dass in ganz Europa Menschen kriminalisiert werden, die anderen Menschen helfen."

Eine Krise der Repräsentation

Das Engagement in der Flüchtlingshilfe habe bei vielen Menschen Auswirkungen auf die politische Biografie gehabt, sagt Helge Schwiertz. 2015 hätten viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass sie etwas bewirken könnten, wenn sie selbst anpackten. "Weil staatliche Strukturen der Flüchtlingsaufnahme teilweise versagt haben, mussten sich die Leute selbst organisieren und haben sich mit Menschen aus ihren Vierteln zusammengeschlossen. Das prägt nachhaltig."

Laut der Seenotretterin Zoe hat auch die Coronakrise an diesem Engagement nichts geändert – im Gegenteil. "Hier in Deutschland heißt es jetzt, zeigt euch solidarisch mit den Menschen, die zu den Risikogruppen gehören", sagt Zoe. Da dürfe man nicht vergessen: Die Menschen in den Lagern in Griechenland gehören dazu. Sie kenne viele freiwillige Helferinnen und Helfer, die sich dort unten jetzt erst recht einbringen.

Solidarität höre nicht am Nachbarzaun auf: "Wir sitzen hier auf der Terrasse mit einem kühlen Bier und einem gut belegten Grill und finden es blöd, dass wir keine Freunde einladen können – dabei sollten wir lernen, was es heißt, wirkliche Probleme zu haben." In Lagern wie Moria hätten Geflüchtete kaum medizinische Versorgung, die Hygiene sei eine Katastrophe. Ginge es nach Zoe, würde Moria geschlossen und die Menschen in Sicherheit gebracht.

Aber nicht nur in der Unterstützung von Geflüchteten kann man die Nachwirkungen von 2015 beobachten. Helge Schwiertz geht davon aus, dass das Jahr 2015 das Verständnis von Politik in Deutschland nachhaltig verändert hat. "Politik wird schon seit Längerem nicht mehr so stark in bestimmten Milieus und Parteien wahrgenommen. Viele Menschen fühlen sich dort nicht mehr vertreten, es gibt zunehmend eine Krise der Repräsentation. Das zeigt die Stärke von neueren Bewegungen wie der 'Seebrücke' oder von 'Fridays for Future'. Die mobilisieren Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen, ähnlich wie die Unterstützer von Geflüchteten."


Trip

Werden wir nach Corona endlich zu kritischeren Reisenden?
Reisen und das auf Social Media inszenieren ist für viele ein Lifestyle. Ändert sich das jetzt?

Nach und nach werden die Grenzen geöffnet und die Reisebeschränkungen gelockert – ab dem 15. Juni können wir wieder europaweit reisen. Endlich! Denn durch Corona stand nicht einfach unser nächster Urlaub auf dem Spiel: Unter Millenials ist das Reisen und die entsprechende Inszenierung auf Social Media ein Lifestyle geworden, über den sich viele junge Menschen definieren – inspiriert durch zahlreiche Travel-Influencer*innen. Doch das unbeschwerte Herumjetten ist ein Privileg, das wir auf Kosten der Umwelt ausleben – und auf Kosten derer, die der Klimawandel zur Flucht zwingt. Bringt Corona die Generation der Instagram-Reisenden dazu, sich langfristig neue Selbstkonzepte zu suchen?

Nathalie hat vor drei Jahren damit begonnen, ihre fast 200.000 Follower*innen auf ihrem Insta-Account voyagefox_ und dem dazugehörigen Blog mit um die Welt zu nehmen. Die Azteken-Pyramiden in Mexiko, Tempel in Malaysia, die Skyline von New York. Die 26-jährige Dresdnerin bereist die Welt aus Begeisterung am Entdecken neuer Orte und Kulturen und möchte dazu inspirieren, aus dem Alltag auszubrechen. Doch was suchen wir am anderen Ende der Welt, was wir zuhause nicht finden? "Reisen ist heute mehr als reines Urlaubmachen. Es gibt mehr Möglichkeiten denn je, so dass jeder eine Form findet, sich auf Reisen selbst zu verwirklichen", erklärt Nathalie ihr andauerndes Fernweh.

Der Wunsch, auszubrechen

Dem Insta-Travel-Lifestyle liegt ein keineswegs neues Grundbedürfnis des Menschen zugrunde: "Es gab schon immer die Möglichkeit, sich über soziale Gruppen zu definieren", erklärt Psychologe Christian Ambach, der unter anderem zu Meinungsbildung und Selbstdarstellung auf Social Media forscht. "In unserem westlichen Erziehungsmodell bekommt jedes Kind gesagt, es sei etwas Besonderes. Das weckt in uns den Wunsch, nonkonform zu sein, auszubrechen. Zuhause geht das  nur schwer, denn unsere individualistische Gesellschaft hat schon alles gesehen. Da muss es schon die Selbstfindungsreise nach Indien sein, um sich abzuheben." Unser Besonders-Sein würden wir dann auf Social Media teilen, um unsere positiven Selbstkonzepte aufrecht zu erhalten, erklärt Ambach. Auch die vor Kurzem veröffentlichte Tourismusanalyse 2020 der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt, dass der Trend zum Individualtourismus geht. Wenig überraschend, denn je individueller und einzigartiger das Erlebte ist, desto mehr Anerkennung erfahren wir dafür, auch auf Instagram und Facebook.