Bild: dpa/Frank Rumpenhorst
Der Mietenwahnsinn versaut den Semesterstart – vor der Hessenwahl wächst der Widerstand.

In manchen Nächten, wenn Samed Köse keinen Platz bei Freunden gefunden hat, rollt er sich auf der Rückbank seines abgemeldeten VW Polo zusammen. Gerade schläft er im Haus des Uni-Kanzlers, der hat ihn aufgenommen. Aber auch hier muss er bald raus. Studieren hatte er sich anders vorgestellt: Mit einem eigenen Bad, in dem er sich die Zähne putzen kann, zum Beispiel. Und mit genug Zeit, Vorlesungen zu besuchen.

Samed auf seinem Schlafsofa: In dieser Woche pennt er beim Hochschulleiter auf dem Campus.

(Bild: bento)

Stattdessen ist er auf Wohnungssuche. Seit Wochen.

Frankfurt ist schon seit Jahren eine der teuersten Städte Deutschlands. Und Studierende trifft der überlaufene Wohnungsmarkt besonders hart. Sie sind ein guter Indikator dafür, wie vorausschauend Wohnungspolitik betrieben wird: Zweimal im Jahr werden Unistädte mit einer vorhersehbaren Zahl neuer Wohnungssuchender überflutet. Zweimal im Jahr führt das in Frankfurt dazu, dass junge Menschen nicht wissen, wo sie leben sollen. 

Für 63.000 Studierende gibt es hier nur 4.400 Plätze im Wohnheim, also für rund sieben Prozent. Die Quote liegt weit unter dem Bundesdurchschnitt. (taz)

Die Konsequenz: Eine Studierendenunterkunft kostet rund 480 Euro im Monat. Nur München ist teurer. Das Bafög sieht aber nur Ausgaben von 250 Euro vor. Davon kann man sich in Frankfurt nur eine Abstellkammer leisten.

Samed arbeitet derzeit 10 Stunden die Woche, er kann höchstens 400 Euro pro Monat bezahlen. In Frankfurt hat er die Hoffnung schon aufgegeben, stattdessen sucht er in der Vorstadt Offenbach nach einer Unterkunft. 

Sameds Fall zeigt: Die hohen Mieten verschärfen ein Problem, das das deutsche Bildungssytem ohnehin schon hat. Kinder aus ärmeren Familien studieren seltener. Und wenn sie es dann tun, werden sie in die Randviertel mit schlechten Verkehhrsanbindungen gedrängt. Oder in günstigere Städte – ohne Elite-Universitäten.

Der Widerstand gegen diese Verhältnisse wird in der Turnhalle der Frankfurt University of Applied Science organisiert. Sandro Philippi, 31, und Sinja Finselberger, 26, sitzen auf einem Feldbett. Eine schwarze Plane soll so etwas wie Privatsphäre simulieren. Auch hier schlafen ratlose Studierende, auch hier hat der Asta keine Lust mehr, Jahr für Jahr zuzusehen wie Studierende stranden. "Die Mietpreisbremse funktioniert nicht, die Schmerzgrenze ist erreicht", sagt Sandro.

Es muss jetzt was passieren.
Sinja
(Bild: bento)

Nur was? Die Fehler in der Stadtplanung wurden schon vor Jahren gemacht, nach und nach wurden immer mehr Luxuswohnungen gebaut. Inzwischen hat der SPD-Stadtrat gegengesteuert, zum Beispiel einen Mietpreisstopp für die städtische Wohnungsbaugesellschaft AGB verhängt. Doch bis das wirkt, wird es dauern.

Ihre Hoffnungen setzen die Asta-Leute deshalb in einen Mietenentscheid. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft AGB soll gezwungen werden, nur noch geförderten Wohnraum zu schaffen und Mieten für Ärmere zu senken. Dazu braucht es zunächst 15000 Unterschriften, dann könnte es zu einem Bürgerentscheid kommen. Am Wochenende demonstrierten schon mal rund 5000 Menschen.

(Bild: dpa/Frank Rumpenhorst)

Der Mietenentscheid würde nur Frankfurt betreffen. Aber längst wächst auch in anderen deutschen Großstädten der Widerstand. In Berlin und Hamburg protestieren Tausende, einige besetzen Häuser. Studierende, Lehrende und Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland wollen sich im November in Hannover treffen und entscheiden, wie es mit dem Protest im nächsten Semester weitergeht. Geht es nach Sinja und Sandro, könnte es der Beginn einer bundesweiten Bewegung sein.

Klar, so richtig radikal sei der Protest jetzt bisher nicht, geben Sandro und Sinja zu. Sie glauben: Studierende hätten in einem durchgetakteten Bachelor und Master leider oft andere Sorgen.

Aber solange man keine Wohnung hat, bleibt diese Sorge natürlich die dominante. So wie bei Theresa. 

Warum sind die Mieten für Studierende so hoch?

Das Moses-Mendelssohn-Institut hat rund 67.000 Inserate auf dem Wohnungsportal WG-gesucht.de ausgewertet. Die Untersuchung geht von vier Gründen für die steigenden Mieten aus:

  • Immer mehr Menschen studieren. Die Zahl der Studierenden ist in zehn Jahren von 2 Millionen auf 2,8 Millionen Menschen gestiegen.
  • Immmer mehr Studierende ziehen fürs Studium um. In den Fünfzigerjahren wohnte noch fast jeder dritte Studierende bei seinen Eltern, heute nur noch jeder fünfte.
  • …Es gibt mehr ausländische Studierende. 
  • Es gibt weniger WGs und mehr Ein- und Zwei-Personen-Haushalte.

Theresa hat mit der Wohnungssuche schon angefangen, als sie noch nicht wusste, ob sie wirklich in Frankfurt studieren wird. Schon im April hat sich die 20-Jährige um einen Platz im Wohnheim beworben. Sicher ist sicher. Sie hat Mail um Mail geschrieben, sich in WGs vorgestellt. Vergebens.

(Bild: bento)

Zwei Wochen nach Studienbeginn sitzt Theresa im Café Sturm und Drang an der Goethe-Uni – und gähnt. "Sorry", sagt sie. "Ich habe nicht gut geschlafen." Gleich hat sie Chinesisch, ein Zuhause aber immer noch nicht. In dieser Woche verbringt sie die Nächte auf der Couch einer anderen Studentin. Sie sagt:

Mein Studium hat begonnen, aber angekommen bin ich noch nicht.

Die Couch ist ein Fortschritt. Zuvor schlief auch Theresa auf einem Feldbett. Daneben: offene Rollkoffer, an den Wänden Graffiti. Der Allgemeine Studierendenausschuss Asta hatte den Raum aufgemacht. Genau eine Woche lang. "Mieten? Ja wat denn?!" hieß die Aktion. 33 Menschen strandeten hier. 

 "Anfangs wollte ich maximal 400 Euro ausgeben", sagt Theresa. Dann habe ich gemerkt:

Das ist utopisch.
Theresa

Als sie in ihrem Dorf am Bodensee den Umzug in die große Stadt plante, wusste sie: einfach wird's nicht. "Dass es aber so schwer wird, eine Wohnung zu finden, habe ich nicht geglaubt." Jetzt sorgen sich ihre Eltern um die 20-Jährige. Im Sommer hat Theresa in einer Bäckerei gejobbt: Geld scheffeln für Frankfurt. Doch viel ist nicht übrig, immer wieder musste Theresa im Hostel absteigen.

Kontakte in Frankfurt hatte sie vorher nicht, sie ist komplett neu in der Stadt. Für solche Studierenden ist es auf dem Wohnungsmarkt am schwierigsten.

Als die Verzweiflung zu groß wurde, marschierte Theresa ins Studierendenwerk. Mit zwei Freundinnen machte sie der zuständigen Mitarbeiterin klar, dass sie ohne Platz im Wohnheim auf der Straße enden würde. Theresa hatte Glück. Es sei kurzfristig etwas frei geworden, sagte man ihr. Nächste Woche kann sie einziehen.

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Jodler schläft im Zug ein und wacht am Abstellgleis wieder auf
Ein Drama in zwölf Bildern

Unzählige Male haben wir in öffentlichen Verkehrsmitteln gegen die Müdigkeit angekämpft, um unsere Haltestelle nicht zu verpassen. Manchmal wacht man noch rechtzeitig auf.

Das Worst-Case-Szenario: An der Endhaltestelle aufwachen. Und dann ist da noch das Worst-Worst-Case-Szenario: Am Abstellgleis aufwachen. Und genau das hat ein Jodel-Nutzer kürzlich erlebt.

Das ganze Drama in zwölf Bildern:

OJ schreibt, er sei im Zug eingeschlafen und hätte keine Ahnung, wo er sich befinde. Polizei oder Bahn-Notruf? Erst mal Jodel. Solide Wahl.