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Trendforscher glauben, Millennials und Boomer hätten keine gemeinsamen Werte und Worte mehr. Was heißt das für eine Gesellschaft?

Sprache ist immer im Wandel. Und immer ein Spiegel der Generationen: Was einst knorke war, war kurze Zeit später urst, dann cool. Heute ist es nice. Und immer haben sich Generationen mit ihren Jugendworten von den Alten abgegrenzt.

Das Problem ist: Heute ist längst nicht mehr alles cool zwischen jenen, die "nice" und "urst" sagen. 

Die Generation der Babyboomer, jene von Mitte der Vierziger- bis etwa Mitte der Sechzigerjahre Geborenen – jene, die noch "urst" sagten – haben sich in Wohlstand und Luxus eingerichtet. Sie hielten ihre Kinder und Enkel lange für unpolitisch und ich-bezogen. Die Kinder und Enkel, das sind die Millennials, geboren zwischen 1980 und 1997, und die noch jüngere Generation Z. Und statt nur sich selbst, wollen sie nicht weniger als die Welt retten.

Millennials und Boomer haben keine gemeinsame Sprache mehr

Um wirklich etwas zu verändern, brauchen die Jungen jedoch die Alten, allein sind sie zu wenige (Statistisches Bundesamt). Was aber tun, wenn man sich nicht mehr versteht? Das meint zumindest eine neue Erhebung zu erkennen – anhand von ausgewerteten Debatten im Netz. 

Der Werte-Index 2020 untersucht, wie traditionelle Wertebegriffe in Postings und Kommentaren an Bedeutung gewinnen oder verlieren – und wie einzelne Nutzerinnen und Nutzer die Werte für sich definieren. Das Ziel: ein Versuch der Generationenlese. Es geht also nicht darum, ob jemand "nice" oder "urst" sagt, sondern darum, was er oder sie unter Begriffen wie "Familie" und "Natur" versteht. Es geht um Werte, über die wir uns gefühlt alle einig sind – und die doch ganz anders mit Bedeutung aufgeladen werden können. Der Werte-Index 2020 wird am Dienstag offiziell vorgestellt, bento konnte das Ergebnis vorab einsehen.

Insgesamt haben die Herausgeber des Werte-Index 3000 Netzadressen herangezogen, Instagram, Facebook und Twitter sind dabei, aber auch Blogs und Newsseiten wie der SPIEGEL. Die Kommentare auf den Seiten wurden nach bestimmten Wertebegriffen wie "Familie" oder "Sicherheit" gescannt – aus den Millionen gesammelten Posts analysierten die Forscher eine zufällig generierte Auswahl. Sprich: Sie mussten sich jeden der ausgewählten Kommentar durchlesen und interpretieren. 

Was steht im Werte-Index 2020?

Generationenübergreifend ist allen Deutschen "Gesundheit" der wichtigste Wert, gefolgt von "Familie" und "Erfolg". Stark abgesackt ist der Wert "Natur" – der noch vor zwei Jahren die Spitzenposition innehatte und nun auf Platz 7 im Ranking landete. Besonders überraschend: Vermeintliche "Trendwerte" wie "Gerechtigkeit" und "Nachhaltigkeit" liegen auf Platz 9 und 10.

Der Werte-Index wird seit 2009 erhoben. Hinter der Analyse stehen der Trendforscher Peter Wippermann und Jens Krüger, Geschäftsführer eines Marktforschungsinstituts. Die Zielgruppe: Unternehmen, die rausfinden wollen, wie sie am besten an Kunden kommunizieren. 

Nun gibt das Netz zwar nicht wieder, was eine Gesellschaft im Ganzen ausmacht – die Postings seien in ihrem Querschnitt jedoch ein guter Seismograf für künftige Stimmungen, sagt der Mitherausgeber des Werte-Index, Peter Wippermann, zu bento. Untersuchungen, die die Einstellungen von Menschen via Social Media untersuchen, gibt es immer häufiger, eines der berühmtesten Beispiele ist das Buch "Everybody Lies: Big Data, New Data, and What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are". 

Wippermann und sein Team hatten zu allen Kommentaren, die gelesen wurden, anonymisierte Infos zum Geschlecht und Alter der Verfasser – entsprechend konnten die Forscher ablesen, wie welche Generation welchen Wert interpretiert: "Es gibt zwischen den Generationen kaum noch Einigkeit, wie sie auf die Werte blicken."

Das sei relativ neu. "Begriffe wandern eigentlich relativ selten hin und her", nun komme allerdings immer mehr Bewegung in die Worte, sie würden immer individueller ausgelegt, so Wippermann.

„Mit "Familie" meint der eine heute "gute Bekannte", der andere noch immer "Mann, Frau, Kind".“
Peter Wippermann

Wo die Boomer zum Beispiel in Posts "Gesundheit" vor allem mit persönlicher Leistungsfähigkeit, Fitness und Jungbleiben verbinden, seien Millennial-Kommentare mit dem Begriff eher negativ formuliert – und mit Blick auf die Gesellschaft statt aufs Individuum. "Die Jugend stellt keine Fragen zur eigenen Gesundheit, sondern fragt sich, wie viel Schaden der Klimawandel fürs allgemeine Wohlbefinden verursacht", sagt Wippermann. 

Der Generationenkonflikt verschärft sich – durch Diskursverweigerung

Sehr deutlich sei auch der Wandel des Begriffs "Erfolg", von beruflichen Jubelposts hin zu persönlichen und sportlichen Leistungen und schließlich zu politischen Statements. "Die heutige junge Generation versteht den Begriff vor allem in Bezug zu ihrem gesellschaftlichen Engagement", sagt Wippermann. Damit unterschieden sich die Jüngsten, die, die bei "Fridays for Future" auf die Straße gehen, sogar schon von den älteren Millennials.

Der Generationenwandel von Boomer zum Millennial zur Generation Z würde sich in Social-Media-Postings entsprechend so lesen:

  1. Boomer: "Wow, was für ein Erfolg: Ich hab die Beförderung!"
  2. Millenial: "Erfolgreichster Run ever – habe den Halbmarathon in 2:13 geschafft. <3"
  3. Generation Z: "Wir waren erfolgreich! Nach unserer Demo hat die Stadt endlich den Klimanotstand erklärt!"

Für den Dialog zwischen Alt und Jung bedeutet das nichts Gutes: Wir reden schlicht aneinander vorbei, wenn wir glauben, vom Gleichen zu reden. Millennials hätten das mittlerweile erkannt und würden sich nicht länger mit diesen unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt beschäftigen wollen, sagt Wippermann: 

„Der Spruch 'OK, Boomer' ist nichts anderes als eine freundliche Absage an den Dialog.“
Peter Wippermann

Es entstehe jetzt eine "Konfliktsituation durch Entzug", so Wippermann. Sprich: Der Generationenkonflikt wird sich im Stillen weiter hochschaukeln – bis die Diskursverweigerung irgendwann im Knall endet. Wie der aussieht, kann aber auch Wippermann nicht sagen. 

Dabei müsste es ja gar nicht so weit kommen. Denn wenn Unternehmen eine Lehre aus Wippermanns Erkenntnissen ziehen können – warum dann nicht auch wir? Das wäre doch urst. Oder nice.


Fühlen

Jede erwachsene Frau hat das Recht, sich sterilisieren zu lassen
Egal, ob sie 20 ist oder 40.

Manche Frauen wissen schon früh, dass sie irgendwann Kinder möchten. Andere sind sich sicher, dass sie keine wollen. Eine sichere Methode, um nicht schwanger zu werden, ist die Sterilisation.

Entscheidet sich eine Frau für eine Sterilisation, werden in den meisten Fällen die Eileiter durchtrennt oder abgeklemmt. Der Eingriff erfolgt für gewöhnlich bei einer Bauchspiegelung oder während einer Kaiserschnittgeburt. Die Operation lässt sich nur in seltenen Fällen rückgängig machen.

Möchte sich eine Frau unter 35 Jahren in Deutschland aber sterilisieren lassen, stößt sie oft auf Unverständnis.

Viele Frauen berichten, nicht ernst genommen worden zu sein und sich bevormundet gefühlt zu haben, als sie Ärzten oder Bekannten von ihrem Wunsch erzählten. Sie seien noch zu jung um eine solche Entscheidung treffen zu können, hörten sie dann, oder: Der richtige Mann werde schon noch kommen.