Desiree auf der Streikdemonstration zum Frauenkampftag in Hamburg
Bild: Jannis Große
Wir haben sie beim Frauenstreik in Hamburg begleitet.

"Küche, Ehe, Vaterland? Unsere Antwort: Widerstand!" Noch sind es ein paar Hundert Frauen, die auf dem Hamburger Rathausmarkt ihre Stimme erheben, klatschen, pfeifen, ihre Fahnen schwenken, lila Stoffquadrate mit der Aufschrift "F*STRK" – der Abkürzung für "Frauen*streik". Doch im Laufe des Freitags soll die Kundgebung wachsen, die Veranstalterinnen gehen von mehr als 5000 Teilnehmerinnen aus. 

Jedes Jahr demonstrieren am Weltfrauentag weltweit Menschen für die Gleichberechtigung von Frauen und allen anderen Geschlechtern. Auch in Deutschland gewinnt der Tag an Bedeutung: In Berlin ist der 8. März seit diesem Jahr ein Feiertag – zum ersten Mal seit 1994 wird an diesem Tag in Deutschland gestreikt. Und das, obwohl in Deutschland ein politischer Streik als verboten gilt.

Politische Streiks

Gewerkschaftliche Streiks richten sich gegen Unternehmen, zum Beispiel für höheren Lohn oder bessere Arbeitszeiten. Streiks, die sich nicht an Unternehmen richten, sondern politisch etwas ändern wollen, sowie Streiks ohne Gewerkschaften, gelten in Deutschland als verboten

Im Grundgesetz ist der politische Streik zwar nicht eingeschränkt, aber ein Urteil des Freiburger Landesarbeitsgericht von 1952 wird als generelles Verbot politischer Streiks interpretiert. Damals entschied das Gericht, dass der Streik der Zeitungsbetriebe für die Freilassung von Kriegsgefangenen rechtswidrig sei – aber nicht gegen das Grundgesetz verstoße. Hier findest du mehr Infos dazu.

Wenige Stunden vor der Kundgebung auf dem Rathausmarkt beginnt der Streiktag in Hamburg mit einem gemeinsamen Frühstück in einem autonomen Nachbarschaftstreff im Karolinenviertel. Einige Männer haben ein Frühstücksbuffet mit Obst, Müsli, Brötchen und Kaffee angerichtet, damit die streikenden Frauen diese vermeintliche "Frauenarbeit" heute nicht machen müssen. An den Tischen sitzen viele junge Frauen, auch einige ältere. Unter ihnen auch Desiree.

Desiree ist 24 Jahre alt. Eigentlich arbeitet sie als Werbekauffrau, heute streikt sie. 

Desiree auf der Streikdemonstration in Hamburg
(Bild: Jannis Große)

Sie erzählt, dass sie fast jeden Tag Diskriminierung erlebt. "Da sind so Momente, in denen mich jemand mit seinen Blicken auszieht oder mir hinterherruft. Oft sind es nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel, wenn ein Kollege im Büro fragt, ob ich technische Hilfe brauche. Das ist vielleicht nett gemeint – aber eigentlich ist es die typische Diskriminierung: Frauen und Technik.

Sie macht eine kurze Pause, dann fährt sie fort: "Und dann gabs in meinem Leben schon auch Momente, die man als sexuelle Übergriffe werten kann." 

Deshalb sei ihr wichtig: "Ich will für die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen. Es gibt viele Punkte, an denen wir davon weit entfernt sind. Frauen werden häufig auf ihren Körper reduziert, in manchen Teilen der Welt werden Frauen beschnitten oder ihnen wird vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben. Hier in Deutschland sehen wir das auch beim Artikel 219a. Ich finde, jede Frau sollte das Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen."

My Body, My Choice - Streikkundgebung zum Rathausmarkt
(Bild: Jannis Große)

Die Frauenstreiks in Spanien waren für Desiree eine Inspiration. Dort nahmen im vergangenen Jahr den Protestierenden zufolge mehr als fünf Millionen Menschen am Ausstand teil. In Deutschland hingegen gelten politische Streiks als verboten. Für Desiree ist die Meinungäußerung durch den Streik aber so wichtig, dass sie die möglichen Konsequenzen, wie Ärger vom Chef oder eine Kündigung, in Kauf nimmt. "Es ist nur ein Job. Es ist nicht der Sinn, sich Urlaub zu nehmen und zu demonstrieren, sondern durch den Streik deutlich zu machen, welche Arbeit von Frauen geleistet wird." Sie kann aber auch verstehen, dass andere Frauen nicht streiken können – aus finanziellen oder persönlichen Gründen.

Vom Streik-Frühstück ziehen die Aktivistinnen zum Rathausmarkt, auf dem die Streikkundgebung stattfindet. Auf dem Weg rufen die Demonstrierenden Sprüche wie: "Der 8. März ist aller Tage – das ist eine Kampfansage!" oder "Wherever I stay, wherever I go - yes means yes and no means no!"

Streikdemonstration zum Rathaushaus
Linda beim Plakate malen für den Streik
Streikfrühstück im Karolinviertel
Straßenblockade beim Frauenstreik
Straßenblockade beim Frauenstreik
Streikdemonstration zum Rathaushaus
Streikdemonstration zum Rathaushaus
Streikdemonstration zum Rathaushaus
Streikdemonstration zum Rathaushaus
Streikkdemonstration zum Rathaushaus
Streikkundgebung am Rathaushaus
Streikkundgebung am Rathaushaus
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Aber nicht nur Lohnarbeit wird an diesem Tag bestreikt. Es geht auch um unbezahlte Arbeit, wie Erziehung, Pflege und Hausarbeit. Diese Arbeit wird überwiegend von Frauen erledigt. So verbringen Frauen vier Stunden am Tag mit unbezahlter Arbeit, Männer hingegen nur zweieinhalb Stunden (Statistisches Bundesamt). Desiree bestreikt auch die Hausarbeit in ihrer WG. "Auch wenn mein Mitbewohner heute nicht da ist und vermutlich nicht viel davon mitbekommen wird."

Vorbereitungen für den Frauen*streik in Hamburg
(Bild: Jannis Große)

In Hamburg wird der Streik von einem Zusammenschluss unterschiedlicher Gruppen organisiert. 

Linda ist in diesem Zusammenschluss, dem sogenannten Streikkomitee, aktiv. Auch sie betont, dass der Streik notwendig sei, um sichtbar zu machen, was Frauen in unserer Gesellschaft leisten.

„Demos gibt es jeden Tag und überall. Wir brauchen den politischen Druck. In dem wir uns zusammentun, alle Arbeit bestreiken und einfach nichts tun.“

Eines der Hauptanliegen der Streiks ist, für einen legalen politischen Streik in Deutschland zu kämpfen. Auch wenn am Frauentag wohl nur wenige ihre (Lohn-)Arbeit niedergelegt haben – es bleibt ein Streik. "Weil zu dem Arbeitsbegriff auch die unbezahlte Arbeit zählt, die von vielen bestreikt wird", erklärt Linda.  

Wichtig ist dem Komitee auch, dass es um Gleichberechtigung für alle geht. Linda betont:

„Viele werden von der Teilhabe am Reichtum ausgeschlossen – aufgrund von Bildung, Herkunft, Geschlecht oder anderen Kriterien. Das wollen wir ändern.“

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Future

Liebe Frauen, wir können uns mehr zutrauen. So unterstützen wir uns gegenseitig
Unsere Forderungen zum Weltfrauentag

Frauen haben seltener Führungspositionen als Männer, sie sind in Expertenrunden nicht so häufig vertreten und setzen sich in Job-Meetings weniger duch. Daran sind oft Strukturen schuld, die es Frauen erschweren, im Beruf voranzukommen. Doch häufig ist noch etwas anderes ein Problem.

Frauen trauen sich selbst im Beruf weniger zu als Männer. 

Das war auch bei mir schon der Fall. Ein Beispiel: In meinem Bachelorstudium wurde mir an der Uni ein Job als studentische Mitarbeiterin angeboten. Ich sollte das Layouten eines Newsletters übernehmen und die Social-Media-Kanäle betreuen. Da ich beides noch nie gemacht hatte, schlug ich das Angebot aus, weil ich dachte, ich könnte es nicht. 

Wenig später rief mich der Chef an und sagte, wie verwundert er über meine Entscheidung sei. Er war überzeugt von mir und überredete mich, den Job anzunehmen. Es stellte sich schnell heraus: Ich war überhaupt nicht überfordert und musste auch nicht bereits alles können. 

Mit meinem anfänglichen Zögern bin ich allerdings nicht allein.

Bevor Frauen eine Beförderung einfordern oder als Expertin an einer Diskussionsrunde teilnehmen, müssen sie sich schon extrem sicher sein. Das ist oft nicht der Fall: Frauen reden etwa 20-mal häufiger über ihre Schwächen als über ihre Stärken (Zeit Online) und sie sind häufiger vom sogenannten Hochstaplersyndrom betroffen als Männer – also dem unbegründeten Gefühl, eigentlich für ihren Job nicht qualifiziert genug zu sein und damit bestimmt irgendwann aufzufliegen (Georgia State University).

Als Journalistin erlebe ich es häufig, dass Frauen, die ich als Expertinnen anfrage, absagen, weil sie sich für nicht qualifiziert genug halten. Von außen betrachtet völlig unverständlich – hier ein paar Beispiele:

  • Eine Journalistin, mit der ich über Frauen im Investigativjournalismus sprechen wollte, war sich nicht sicher, ob sie wirklich die richtige Ansprechpartnerin dafür sei. Sie arbeite schließlich noch nicht so lange in dem Bereich, sagte sie. Wenige Wochen später gewann genau diese Frau einen der größten deutschen Journalistenpreise für ihre Investigativrecherche. Wer wenn nicht sie, hätte eine bessere Gesprächspartnerin sein können?
  • Eine andere Reporterin schreibt seit vielen Jahren über die italienische Mafia. Sie kennt sich in dem Themenfeld besonders gut aus, recherchiert oft vor Ort, hat Kontakte und spricht die Sprache fließend. Sie erzählte mir, es habe ewig gedauert, bis sie sich als "Mafia-Expertin" bezeichnete. Ihre männlichen Kollegen hätten dies schon nach zwei Recherchen getan.
  • Und auch Radiomoderatorin und Autorin Sophie Passmann schreibt in ihrem neuen Buch, dass sie Anfragen zu Podiumsdiskussionen ausschlage, zu denen sie nichts beizutragen habe. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo entgegnet ihr, sie solle es eher wie manch ein männlicher Kollegen sehen: Trotz wenig Ahnung, säßen die schließlich in jeder Talkshow. 

Ich finde: Wir Frauen müssen lernen, unsere Präsenz als Selbstverständlichkeit ansehen. 

Unsere Meinung ist genauso wichtig, wie die der Männer. Auch wenn letztere meist dominiert: Selbst wenn Frauen in der Überzahl sind, haben Männer in beruflichen Konferenzen oder Gesprächsrunden meist den höheren Redeanteil – und das bedeutet Macht, denn wer viel redet, mit dem assoziiert man einen hohen Status (Süddeutsche Zeitung). 

Das beudetet nicht, dass wir nun die Eigenschaften annehmen müssen, die mit Männern verbunden werden, aber es gibt Möglichkeiten, wie wir Frauen uns gegenseitig unterstützen und fördern können. 

Einige retweeten zum Beispiel jeden Tag mindestens einen Beitrag von einer anderen Frau auf Twitter. Manche nennen bei der Absage einer Podiumsdiskussion andere weibliche Stimmen als Ersatz. Wieder andere schlagen Frauen für freie Positionen in ihrer Firma vor oder fragen die Kolleginnen in der Konferenz nach ihrer Meinung, bevor ein Mann das Wort ergreift.

Männer, die sich selbst als Eperten betrachten, werden von sich aus vermutlich den Platz auf dem Talkshow-Sofa nicht räumen – ebenso wenig wie den Chefsessel. Brauchen sie auch nicht, wir müssen uns diese Positionen selber nehmen. 

Also, liebe Frauen: Trauen wir uns mehr zu! 

Um uns endlich als Expertinnen zu sehen, brauchen wir nicht die zehnte Fortbildung, sondern ein Ende der Selbstzweifel. Denn wenn wir für ein Podium angefragt werden, sind wir genau die richtige Person dafür – und selbst wenn wir es mal nicht sind, fällt uns sicher eine andere Frau ein. Dasselbe gilt für Führungspositionen: Wir sollten nicht länger zögern, Verantwortung zu übernehmen. Wenn uns jemand einen Job anbietet, sollten wir ihn nicht ausschlagen, nur weil wir Angst haben, den Anforderungen nicht gerrecht zu werden. Und wenn ihn uns niemand anbietet, sollten wir selbst dafür eintreten.

Damit tun wir nicht nur uns selbst einen Gefallen, sondern auch anderen Frauen. Denn Studien zeigen, dass die Sichtbarkeit von Frauen auch andere motiviert (Uni Mannheim). Ungekehrt heißt das: Wenn sich Frauen nicht trauen und dadaurch weniger sichtbar sind, führt es dazu, dass andere Frauen auch denken, sie seien nicht wichtig genug. 

Wir können diesen Teufelskreis also nur brechen, indem wir uns mehr zutrauen – jede einzelne.