Warum unsere Welt eine komplett andere wäre, wenn wir den Slogan "Schwarze Leben zählen" wirklich ernst nähmen

Wenn die Bilder nicht trügen, sind "Black Lives Matter"-Demos in Deutschland Festivals nicht unähnlich: Viele meiner Freunde trinken dabei ein Bierchen, das Wetter ist schön und die Laune scheint gut. Ich bin weiß. Die Freunde, von denen diese Bilder stammen, sind es auch. Und das macht mich misstrauisch.

Ich finde es gut, wenn Menschen auf die Straße gehen und Zeichen gegen Rassismus setzen. Aber manche von uns weißen, privilegierten Deutschen – Menschen, wie ich es bin – fühlen sich dann schon ziemlich gut mit sich selbst.

Und hier fängt mein Problem an.

Denn: Wir sind wirklich nicht so viel besser als gewalttätige Polizisten in den USA. Auch dann nicht, wenn wir uns schon mal mit dem eigenen Alltagsrassismus beschäftigt haben, ihn eingestehen und daran arbeiten. Das reicht nicht.

Erst recht nicht, wenn man sich nach einer Demo zufrieden auf die Schulter klopft. Wenn die Wut und Verzweiflung Schwarzer Menschen untergeht in dem netten Gefühl, das der Tag hinterlässt. 

Eine Demoteilnahme ist kein Freispruch

Als ich mit dem Journalisten und bento-Autoren Malcolm Ohanwe über diesen Text sprach, sagte er sofort: "Viele weiße Deutsche sehnen sich zu sehr nach Absolution. Sie wollen, dass es sich gut anfühlt, dass sie freigesprochen werden."

Wie recht er hat – wie dringend wollen viele von uns, auch ich, zu den Guten gehören, zu denen, die keine Rassisten sind oder höchstens manchmal ein bisschen im Alltag, aber doch nicht schlimm, nicht strukturell, wir tun ja keinem was. Also gehen wir auf eine Demo und rufen "I can't breathe" und sind für einen Moment gerührt – und dann gehen wir nach Hause und leben unser Leben weiter, mit dem guten Gefühl, jetzt ja was getan zu haben.

Diese Selbstzufriedenheit tötet.

Rassismus ist eine historisch gewachsene Monströsität, die natürlich nicht nur Schwarze unterdrückt. Es braucht keine großen Recherchekünste, um zu verstehen, dass Polizeigewalt nur die Spitze des Eisbergs ist. Unsere Welt wäre eine komplett andere, wenn wir den Slogan "Black Lives Matter" wirklich ernst nähmen: 

Wir würden nicht so konsumieren, wie wir es tun, denn wir wissen, wie unsere Smartphones, unser Kaffee, unsere Süßigkeiten, unsere Kleidung hergestellt werden – meist von nicht-weißen Menschen. All das sind noch immer die Folgen einer kolonialisierten Welt und der Idee, dass weiße Leben irgendwie mehr Wert haben könnten als nicht-weiße.

Wir töten nicht. Wir lassen das andere für uns machen

Wir würden anders wählen, zum Beispiel, weil wir wissen, dass unsere Agrarsubventionen über Umwege Menschenleben in Afrika kosten. Dort fluten wir Märkte mit billigen Produkten, nehmen damit Kleinbauern die Grundlage zum Leben, sie verelenden und ihre Kinder verhungern – und doch ist uns die Ordnung unserer Wirtschaft und das Überleben unserer Bauern wichtiger als diese Menschenleben auf einem anderen Kontinent. (Tagesschau)

Und erst recht könnten wir niemals leben mit den Toten im Mittelmeer, von denen überproportional viele People of Color sind – und wahrscheinlich sind viele von ihnen genau die Bauern, denen wir dann vorwerfen, nur aus wirtschaftlichen Gründen geflohen zu sein.

Wir selbst, wir schubsen niemanden zurück ins Wasser. Wir zwingen auch niemanden mit einer Waffe, in einer Kobalt-Mine zu arbeiten. Wir lassen das andere für uns machen. 

Und die Liste mit Beispielen ist endlos.

Wer hat uns das erlaubt?

Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color in Deutschland beschreiben immer wieder eindrücklich das Gefühl, sich und ihre Existenz rechtfertigen zu müssen (bento). Dabei müsste doch die Frage sein: Was machen wir, die privilegierte Mehrheit, hier eigentlich? Wie rechtfertigen wir denn unsere Art zu Leben? 

Es sind solche Fragen, die mich regelmäßig in den Selbsthass treiben und die, neben ausgeprägt schlechtem Musikgeschmack, einer der Gründe sind, warum ich immer seltener auf Partys eingeladen werde.

Sätze, mit denen ich die Stimmung innerhalb von wenigen Sekunden auf den Nullpunkt befördern kann:

  • Ich fürchte, wir müssten die Hälfte unserer Gehälter spenden. Ich kann zumindest nicht mal annähernd rechtfertigen, dass mein Geld keine Leben rettet, sobald meine Grundbedürfnisse erfüllt sind. Aber ich mache es nicht. Warum also nicht in Form von Steuern und staatlichen Reparationen zurückzahlen? Warum nicht wenigstens anfangen, ein strukturelles Unrecht systematisch aufzuarbeiten und seine Folgen zu beheben?
  • Ich habe keinen Spaß am Kaufen von Dingen. Wann immer ich die Masse an Waren sehe, wird mir schlecht bei dem Gedanken an die Menschen, die sie herstellen. Aber ich schaffe es auch nicht, mich dem Konsumdruck komplett zu entziehen. Wie macht ihr das so?

Natürlich hat kaum jemand Lust, über diese Dinge nachzudenken. Ich auch nicht. Es macht absolut keinen Spaß, zu wissen, dass man ein Arschloch ist.

Weshalb ich manchmal entscheide, es einfach gut sein zu lassen. Mich und meine Freunde nicht mit meinen Fragen zu quälen. Es sind dann sehr nette Abende, in denen wir alle entweder ignorieren oder nicht wissen, wie privilegiert wir wirklich sind.

Und meine Rolle darin ist wahrscheinlich die schlimmste von allen. Weil ich zurücktrete. Mir eine Pause gönne, einfach, weil ich das kann. Ich kann es mir mal bequem machen. Ich wurde einfach nicht dort geboren, wo ich als Kind schon Kobalt schürfen müsste.

Ich weiß, dass ich damit aufhören muss. Dass ich einerseits genau diese Gespräche führen muss, besonders mit meinen weißen Freunden, die sich nach einer Teilnahme an einer Black-Lives-Matter-Demo zufrieden ihrem normalen Leben zuwenden wollen. Und dass ich andererseits mehr Konsequenzen aus meinem Wissen ziehen muss. Meine bequeme White-Guilt-Depression in Aktion umsetzen. Weil es das absolut Mindeste ist, was ich tun kann.

Denn um es mit Malcolms Worten zu sagen: "Es ist eigentlich ein perfekter Check: Wenn du als Weiße oder als Weißer merkst, dass du Spaß hast beim Thema Rassismus, dann ist wahrscheinlich etwas schief gegangen. Es muss weh tun."


Trip

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