Ein Kulturanthropologe erklärt, was der Adventskranz mit den Nazis zu tun hat.

Die Diskussion darüber, wie viel Advent oder Nicht-Advent Deutschland zur Weihnachtszeit verträgt, startete in diesem Jahr bereits am 30. Oktober. Auf Twitter postete der stellvertretende AfD-Bundessprecher Stephan Brandner an diesem Tag ein Foto, das eine mit Süßigkeiten gefüllte Box zeigt. 

Ein Haus aus Pappkarton, 24 Türchen, "Geschenkelager" steht gut lesbar auf dem Vordach. Brandner fragte im Tweet dazu: "Ganz früher hieß das mal #Adventskalender, oder?" Hinter die Frage setzte er ein knallrotes Wut-Emoji.

Was Brandner zu dem Zeitpunkt nicht wusste – oder verschwieg: Die Schokobox heißt auch heute noch Adventskalender. Der Schriftzug steht allerdings auf der Vorderseite der Box, Brandner teilte nur ein Foto der Rückseite. Knapp 1000 Kommentare sammelte der Tweet, die meisten wiesen ihn zynisch auf seinen Fehler hin.

Am Ende ging es nicht mehr um den Kalender – sondern um die Deutungshoheit von Advent und Weihnachten. Die Diskussion führen wir mittlerweile verlässlich alle Jahre wieder. (bento)

Rechtspopulistische Kreise beklagen eine vermeintliche Abkehr von der Besinnlichkeit, die angebliche Umbenennung von Weihnachtsmärkten oder Weihnachtsgebäck und das Aussterben von Traditionen. Zugunsten muslimischer Zugezogener würde die deutsche Gesellschaft ihre eigenen Weihnachtsbräuche abschaffen. 

Ein AfD-Verband hetzte gegen das neu gewählte Nürnberger Christkind, weil die Auserwählte keine blonden Haare hat (bento), ein AfD-Politiker echauffierte sich über einen an Adventskalender angelehnte Ramadankalender (bento), und ein Weihnachtsmarkt, der seit Ewigkeiten "Lichtermarkt" heißt, musste sich von Rechtspopulisten den Vorwurf gefallen lassen, plötzlich seine Wurzeln zu verleugnen.

Stimmt der Vorwurf, verschwinden unsere Weihnachtstraditionen? Woher stammen überhaupt Bräuche wie das Schmücken der Tanne oder das Aufstellen eines Adventskranzes? 

"Bräuche erfüllen eine soziale Aufgabe", sagt der Kulturanthropologe Johannes Müske, sie seien Schmiermittel für unser Miteinander. Johannes ist promovierter Kulturwissenschaftler an der Universität Freiburg und beschäftigt sich mit dem Ursprung und Wandel von Weihnachtstraditionen. Er weiß, warum wir wie feiern. Und wie lange schon. 

"Bräuche werden dann zur Tradition und verbreiten sich, wenn sie von mehr und mehr Menschen als sinnvoll erachtet werden", sagt Johannes. Sprich: Finden viele das Baumschmücken schön, wird es Tradition. Wird es hingegen als lästig oder gar verschwenderisch empfunden, eine Tanne für zwei Wochen ins Wohnzimmer zu schleppen, könnte der Christbaum bald wieder der Vergangenheit angehören. 

Wer sich den Ursprung "typisch" deutscher Weihnachtstraditionen anschaut, stellt schnell fest, dass es selten um christliche Werte geht – Kommerz aber schon immer eine große Rolle spielte. "Unsere Weihnachtstraditionen beschreiben weniger ein christliches als ein bürgerliches Fest", sagt Johannes:

„Das Beisammensein, der geschmückte Weihnachtsbaum, selbst das Schenken für's Bravsein – das sind Ideale der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts.“
Johannes Müske

An Weihnachten, klar, feiern wir die Geburt Jesu. Dass wir es aber ausgerechnet Ende Dezember tun, liegt am geschickten Manöver der Kirche, möglichst viele Menschen für ihr Fest zu begeistern. "Die Kirche hat ihr Weihnachtsfest im Frühmittelalter an heidnische Bräuche 'angedockt'", sagt Johannes. Jesu Geburt wurde kurzerhand auf die Wintersonnenwende gelegt. 

Im dunkelsten Monat Kerzen anzuzünden und in der Dorfgemeinschaft zusammenzurücken – das gab es also schon vorher.

Als die Kirchen dann zum Ort der Zusammenkunft wurden, wurden ihre Vorplätze zum Ort des Kommerz. Die ersten Weihnachtsmärkte waren Sammlungen von Fressbuden und Verkaufsständen rund ums Kirchentor, professioneller, kommerzieller und von der Kirche unabhängig wurden sie schließlich im späten 17. Jahrhundert.

Auch der Weihnachtsbaum ist kein Ausdruck christlicher Weihnacht: Handwerkermeister hatten Tannen in den Zunfthäusern aufgestellt, um ihre Lehrlinge am Jahresende zu beschenken. Sie hängten kleine Basteleien an die Zweige, die Jünglinge durften sie abrupfen. "Aber auch, wenn es die Zünfte waren, die die Bäume erfanden", sagt der Kulturanthropologe, "an der Geste des Schenkens ist natürlich auch Christliches zu finden."

Früher war weniger Lametta: Hakenkreuz-Christbaumschmuck zur Zeit der Nationalsozialisten.

(Bild: Carmen Jaspersen/dpa)

Die Besinnlichkeit, die wir heute an Weihnachten schätzen, ist vor allem Produkt der Industrialisierung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verschwand die Ständegesellschaft, mit ihr die Hackordnung zwischen Adel und Pöbel. Die bürgerliche Kleinfamilie etablierte das Weihnachtsfest, wie wir es noch heute feiern: mit beschaulichem Beisammensitzen im Wohnzimmer, Behaglichkeit und Geschenken für die tugendhaften Kinder.

Klassisch christlich ist hingegen der Adventskranz. Erfunden wurde er vom Theologen Johann Hinrich Wichern im 19. Jahrhundert. Er arbeitete als Pädagoge mit straffällig gewordenen Kindern und wollte sie ein wenig zur Besinnung, zur Besinnlichkeit bringen. Ein Kranz mit 24 Kerzen sollte ihnen das Warten bis zum Fest verkürzen (Evangelische Kirche). Heute erfüllt diese Aufgabe der Adventskalender, der Kranz selbst wurde auf vier Kerzen reduziert. Warum das so ist, ist nicht ganz klar.

Eventuell sind die Nationalsozialisten für unseren heutigen Weihnachtskranz verantwortlich. Hitlers Propagandamaschine hatte versucht, alles Christliche und Familiäre aus Weihnachten zu streichen; Frau Holle sollte das Christkind ersetzen, Knecht Ruprecht den Nikolaus (Deutschlandfunk). Und der Adventskranz sollte zum "Sonnwendkranz" werden und fortan nur noch die vier Jahreszeiten symbolisieren. 

Dass die Nazis Schuld am heutigen Vier-Kerzen-Adventskranz sind, will Johannes nicht bestätigen, "auch vor dem Nationalsozialismus gab es schon reduzierte Kränze, Kerzen waren immerhin teuer." Was aber stimme: Die Nazis wollten das Christfest umdeuten. Und nicht nur die: "Die Politik hat schon immer versucht, Weihnachten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren", sagt Johannes. Das sei in der Ständegesellschaft so gewesen und in der ehemaligen DDR ebenso.

Und mit Debatten darüber, was nun Tradition ist oder nicht, sei es auch heute noch so – beispielsweise dann, wenn rechtspopulistische Kreise versuchen, mit Begrifflichkeiten Stimmungen zu erzeugen. "Da wird ein Popanz aufgebaut", sagt Johannes, ein Schreckgespenst. "Es geht ihnen nicht um Weihnachten – sondern um eine angebliche Überfremdung. Dabei ist unsere Kultur ein Ergebnis ständigen Wandels, Migration gab es ja schon immer."

Die einzige echte Konstante, die Johannes daher bei unseren Weihnachtstraditionen sieht: das Geldgeschäft mit den Feiertagen.

„Kommerz war an Weihnachten schon immer Tradition – genauso wie die Kritik daran.“
Johannes Müske

In Diskussionen über die richtige Menge an Geschenken und zu früh in den Regalen stehenden Lebkuchen verhandeln wir, wie wir feiern wollen. Und welches Weihnachten wir für das richtige halten. Es gehe darum, sich wieder auf den Kern von Weihnachten zu besinnen, sagt Johannes: Wie wollen wir feiern? Was bedeutet uns das Fest wirklich? 

In dem Moment, wo sich klassische Familienmodelle und Gesellschaftsformen wandeln, werden auch diese Fragen wieder relevant. Vielleicht ist es das, was Debatten über die "richtige" Weihnacht seit einigen Jahren wieder befeuert.

Johannes ist sich sicher, dass unsere Weihnachtstraditionen weiter in Bewegung bleiben werden. 

Vielleicht verschwindet der geschmückte Baum, vielleicht wird auch das Beisammensein mit der klassischen Kleinfamilie in 30 oder 40 Jahren keine große Rolle mehr spielen. "Aber das Ideal der Weihnacht, also das Wertlegen auf Besinnlichkeit und das Zusammenkommen in vertrauter Runde, wird bleiben." 

Ob dass dann die Familie ist, oder der Kreis enger Freunde, wird sich zeigen.


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