Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
Ein Paketbote erzählt

Ferhat Pamuk hat frei an diesem Dienstag. Das ist selten, so kurz vor Weihnachten. Pamuk, 38, ist Paketzusteller bei der der Post-Tochter DHL Delivery. Der Dezember ist bei ihm und seinen Kollegen Hochsaison. Pamuk hat sich dennoch Zeit genommen, um darüber zu reden, wie er es als Bote erlebt, wenn die Straßen voller, die Pakete mehr und die Kunden ungehaltener werden - und wenn vor Weihnachten all das zusammenkommt.

Damit Pamuk seine Geschichte offen erzählen kann, ohne um seinen Job fürchten zu müssen, ist sein Name in diesem Text geändert.

"In der Weihnachtszeit sind die Paketmengen gigantisch", sagt Pamuk. Nach einer Zahl gefragt, schätzt er 250 Pakete, die er an einem sehr geschäftigen Tag im Dezember austragen muss. Es ist nicht das erste Weihnachtsfest, das er als Paketzusteller miterlebt. Seit 2014 liefert er für die Deutsche Post Pakete in einem Zustellbezirk in Nordrhein-Westfalen aus. Seit etwa drei Jahren nun für die DHL Delivery, eine Tochtergesellschaft des Unternehmens. So viele Pakete wie in diesem Jahr aber, sagt Pamuk, waren es noch nie. Er irrt nicht. 

Bis zu elf Millionen Pakete – täglich

Allein Deutschlands größter Paketdienst DHL trägt in diesem Jahr an Spitzentagen in der Weihnachtszeit bis zu elf Millionen Pakete aus, weitere acht Millionen Sendungen werden über die Konkurrenten GLS, DPD und Hermes geliefert. Damit setzt sich ein jahrelanger Trend fort: Brachte die Deutsche Post/DHL 2010 noch täglich etwa 2,6 Millionen Pakete unters Volk, waren es im vergangenen Jahr fast doppelt so viele.

Der Konzern geht davon aus, dass sich das Paketvolumen bis 2020 jährlich um weitere fünf bis sieben Prozent erhöhen wird. Der Bundesverband Internationaler Express- und Kurierdienste (BIEK) schätzt, dass in Deutschland bis 2022 noch einmal eine Milliarde Pakete mehr verschickt werden als jetzt. Knapp 15 Prozent des Weihnachtsumsatzes wird dieses Jahr im Netz gemacht - Tendenz steigend.

(Bild: dpa/ Arne Dedert)

Wird die Logistik nicht umweltfreundlicher und effizienter, dauert es nicht mehr lange, bis der Versandhandel ausgebremst wird: von seinem eigenen Erfolg.

Doch wo genau liegen die Probleme? Und welche Lösungen gibt es?

1 Die Zusteller: zu wenig Personal, zu schlechte Löhne

"Wir brauchen in erster Linie deutlich mehr Zusteller", sagt Christina Dahlhaus, 45. Dahlhaus schaut schon von Berufs wegen eher auf die menschliche als die technische Ebene, wenn es um das Lösen von Problemen geht. Seit November vergangenen Jahres ist sie Bundesvorsitzende der Postgewerkschaft DPVKOM.

Laut ihrer Einschätzung fehlen allein bei der Deutschen Post/DHL "tausende Zusteller". Zwar beteuert das Unternehmen, den aktuell rund 20.000 "reinen" Paketzustellern auch in diesem Jahr in besonders arbeitsreichen Zeiten rund 10.000 Aushilfskräfte an die Seite zu stellen. Laut Dahlhaus reicht das jedoch bei weitem nicht.

"Die Personalplanung ist mal wieder auf Kante genäht - das gilt nicht nur in der Vorweihnachtszeit", sagt Dahlhaus. Die Deutsche Post/DHL habe jahrelang eine falsche Personalpolitik betrieben. Nun sucht sie händeringend nach neuen Zustellern. "Die wird sie jedoch nur dann finden, wenn sich die Rahmenbedingungen im Unternehmen ändern. So müssen beispielsweise noch mehr Arbeitsverhältnisse entfristet werden", sagt die Gewerkschaftschefin.

zunehmend katastrophalen Arbeitsbedingungen bei den Subunternehmen
Ver.di

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di spricht von "zunehmend katastrophalen Arbeitsbedingungen bei den Subunternehmen der Paketdienste". Bei der Deutschen Post/DHL betrifft das etwa zwei Prozent der Paketzusteller, bei ihren Mitbewerbern den Großteil.

Ferhat Pamuk etwa bekommt als Paketbote bei DHL Delivery seine Überstunden, die in der Weihnachtszeit fast täglich anfallen, ausgezahlt oder kann sich Urlaub nehmen. Viele seiner Kollegen, die bei den Mitbewerbern über Subunternehmen angestellt sind, können davon nur träumen.

Gehälter unterscheiden sich stark

Problematisch in der Zustellerbranche ist auch die Lohnsituation. 70 Prozent der Angestellten im Post- und Zustelldienst sind Hilfskräfte - größtenteils in Teilzeit oder als Minijobber beschäftigt. Das zeigt die Antwort der Arbeitsagentur auf eine Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Pascal Meiser. Demnach verdienen Vollzeitaushilfen durchschnittlich 2044 Euro brutto im Monat. Mehr als die Hälfte von ihnen falle so unter das durchschnittliche Verdienstniveau und bekomme weniger als 10,50 Euro pro Stunde.

Gewerkschaftschefin Christina Dahlhaus sieht das Problem bei der Deutschen Post/DHL auch in der Lohnstruktur. So erhalten die Zusteller bei der DHL Delivery in der Regel deutlich weniger Lohn als bei der Muttergesellschaft. "Bei langer Betriebszughörigkeit reden wird hier von Unterschieden zwischen 1000 bis 1400 Euro brutto - für die gleiche Tätigkeit wohlgemerkt", sagt Dahlhaus.

Deutlich über Mindestlohn
Deutsche Post/DHL

So müssen beispielsweise Paketzusteller der Delivery in Steuerklasse I - je nach Region und Betriebszugehörigkeit - mit einem Nettogehalt von 1300 Euro auskommen. Für viele reicht das nicht zum Leben. Die Deutsche Post/DHL betont, "deutlich über Mindestlohn" und mehr als ihre Wettbewerber zu bezahlen.

Die, die den Job dennoch machen, gehen auf dem Zahnfleisch. Das verdeutlicht auch ein Blick auf die Krankenzahlen. Eine Auswertung des IW Köln zeigt: Post- und Paketzusteller bilden die Arbeitnehmergruppe mit den meisten Fehltagen. 2017 meldeten sie sich im Schnitt 22,8 Tage pro Jahr krank.

Dazu kommen, laut Dahlhaus, "mehrere tausend" Arbeitsunfälle pro Jahr. Ein jüngst entwickelter Spezialschuh für die Boten der Deutschen Post/DHL soll Abhilfe schaffen und etwa ein Umknicken vorbeugen. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die Dahlhaus begrüßt. Viel wichtiger sei es jedoch, die generellen Arbeitsbedingungen in der Zustellung zu verbessern.

2 Die Infrastruktur: volle Straßen, belastete Umwelt

Großes Problem der Logistikbranche sind verstopfte Straßen. Sie müssen intelligent und umweltschonend entlastet werden. Es fehlt an Lösungen, die umsetzbar und finanziell zu realisieren sind.

"Die Innovation in der Logistikbranche ist ein komplexes, unübersichtliches Feld - eines aus Versuchen und Irrtümern", sagt Jan Dietrich Hempel, Geschäftsführer der Garbe Industrial Real Estate GmbH.

Den Fokus der Branche sieht Hempel derzeit auf der kostspieligen "letzten Meile" zum Kunden. Hier gibt es viele Konzepte, die diskutiert werden. Mehrere Paketunternehmen beteiligen sich derzeit etwa am Berliner Pilotprojekt "KoMoDo". Hier werden gemeinsame Mikro-Depots für die Auslieferung für den letzten Streckenabschnitt zum Kunden genutzt, um die Zustellung per Lastenrad zu proben. 

Die Deutsche Post/DHL testet ihre Lastenräder, die sogenannten "Cubicyles", neben Berlin derzeit ebenso in Stuttgart. Auch seine Elektrofahrzeug-Flotte "StreetScooter" versucht das Unternehmen seit 2013 zunehmend in den Zustellbetrieb einzuführen. Derzeit sind 9000 der E-Fahrzeuge im Einsatz. Sie sollen jährlich mehr als 26.000 Tonnen CO2 einsparen.

Der Trend geht zum Paketshop

Einen festen Trend im unübersichtlichen Markt sieht Experte Hempel in Depot- und Containerlösungen. Die Zahl an Paketshops - etwa in Bahnhöfen, an Kiosken oder U-Bahn-Stationen - werde sich erhöhen, die Nachfrage nach immer kürzeren Lieferzeiten und Logistikflächen in den Ballungsräumen weiter steigen. Kofferräume parkender Autos werden ebenso als mobile Paketkästen interessant, wie die Zustellung ins Büro. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Pwc zeigt die hohe Akzeptanz für Paketshops und eine umweltfreundliche Lieferung.

Passend dazu kündigte auch Hermes an, seine Zahl seiner Paketshops bis 2020 sukzessive von momentan rund 15.000 auf 20.000 zu erhöhen. Ebenso gab das Unternehmen Anfang des Monats bekannt, seine Preise für Haustürlieferungen anzuheben. Bereits im Frühjahr hatte Hermes die Paketpreise um 4,5 Prozent erhöht.

Leichter umsetzbar und nicht minder innovativ kommen dagegen Lösungen im Kleinen daher, wie sie etwa die Bürger von Stadtlohn im Münsterland entwickelt haben. Gemeinsam mit elf weiteren Partnern bietet der SMS-StadtMarketing Stadtlohn seit 2016 den ersten "Bring-Dienst" von Einzelhändlern in Nordrhein-Westfalen an. Die Ware kann wie gewohnt begutachtet und anprobiert werden - anschließend wird sie kostenfrei nach Hause geliefert und das Tütenschleppen bleibt erspart. Auch in Berlin gibt es ein ähnliches Modell.

Sinnvoll sind auch solche lokalen Ansätze. Das Problem der Paketflut im Großen werden sie aber nicht lösen können.

Wir brauchen Dinge, die uns sofort helfen
Paketzusteller Ferhat Pamuk

"Was wirklich durchschlagenden Erfolg haben wird, ist sehr schwierig zu sagen", sagt Hempel. Selbstfahrende E-Lieferwagen, wie sie Anfang nächsten Jahres etwa vom Friedrichshafener Automobilzulieferer ZF in die Pilotphase gehen werden und Ende 2020 marktreif sein sollen, brauchen noch Zeit. Genauso, vermutet Hempel, wie Lösungen mit Frachtpipelines, an denen auch in Deutschland bereits seit Jahrzehnten geforscht wird.

Die harte Arbeit hat gesundheitliche Konsequenzen

Paketzusteller Ferhat Pamuk sind diese Ideen egal, während er sich am Handy durch den Feierabendverkehr schlängelt. Mehrere Wochen hat er in diesem Jahr bereits wegen seines maladen Rückens bei der Arbeit gefehlt.

"Wir brauchen Dinge, die uns sofort helfen", sagt Pamuk, "wir brauchen Menschen, keine Maschinen."

Dieser Artikel ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

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Der Signal-Iduna-Park in Dortmund liegt ruhig da, es ist kalt, Länderspielpause, die Tribünen sind leer. Fast. Auf der Südtribüne steht Lina, die eigentlich anders heißt, mit etwa 20 Frauen. Lina trainiert diese Frauen: in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung im Stadion. 

Wie stehe ich so in der Fankurve, dass ich selbstsicher wirke? Wie kann ich mich verbal behaupten, wie reagiere ich, wenn ich mich belästigt fühle?

Klingt absurd. Fans, die aus Spaß zu Fußballspielen gehen, um ein paar gute Stunden zu haben und den Sport zu genießen, trainieren Selbstverteidigung. Dass es im Stadion Situationen gibt, in denen es gerade für Frauen nötig ist, Stärke zu zeigen und sich im Notfall auch zu verteidigen, wurde während der vergangenen Spieltage besonders deutlich:

Beim Heimspiel des FC Schalke gegen Nürnberg soll ein weiblicher Fan massiv belästigt worden sein. Ein Mann habe ihr an den Po und in den Schritt gefasst, versucht, ihren BH zu öffnen und die Hand in ihre Hose zu schieben, sagte eine 22-Jährige. Dabei soll der Täter von anderen Fans angefeuert worden sein. Als sich die Frau bei einem Ordner beschwerte, soll dieser entgegnet haben: "Wenn du damit ein Problem hast, solltest du nicht ins Stadion gehen." (WAZ)

Auch in Hamburg zeigte sich eine Woche später, wie weit verbreitet Frauenfeindlichkeit auf den Tribünen bei einigen Vereinen ist. Die Fans von Dynamo Dresden hielten am Millerntor auf St. Pauli ein Spruchband mit der Aufschrift "Ihr müsst heute Abend hungern, weil eure Fotzen mit euch im Block rumlungern" hoch. (bento)