Bild: Marc Röhlig, Pixabay; Montage: bento

Eine deutsche Schule in der Türkei wird in diesem Jahr keine Weihnachtslieder singen. Auch im Unterricht wird sie Weihnachtsbräuche nicht behandeln. Und Facebook, Twitter, deutsche Nachrichtenseiten sind voll von dieser Nicht-Meldung.

Erst wird über den Skandal berichtet, dann darüber, dass es ein Fake ist, dann darüber, dass die Fake-Spekulationen fake sind.

Was ist da los? Reichen uns Glühwein- und Shoppingorgien nicht länger, um in Feiertagsstimmung zu kommen? Müssen wir das Weihnachtsfest jetzt auch noch in kollektiver Netz-Empörung verteidigen?

Irgendwann in den vergangenen Jahren wurde Weihnachten plötzlich sehr politisch.

Und auch jene Menschen fingen an, die Besinnlichkeit mit viel Geschrei zu verteidigen, die selbst schon seit Jahren an Heiligabend nicht mehr in die Kirche gegangen sind. Die gar nicht mehr so genau wissen, warum Weihnachten überhaupt ein Fest der Liebe und Hilfsbereitschaft ist.

Es häufen sich die Meldungen, "unser" Weihnachten werde gekapert. Da gibt es Berichte, dass Weihnachtsmärkte plötzlich nicht mehr Weihnachtsmärkte heißen dürfen – aus Respekt vor Muslimen. Dass Flüchtlinge Tannenbäume in Einkaufszentren plündern. (bento | taz.de über den Mythos der Winterfeste in Berlin)

Die Nachrichten sind fast immer gefaket. Meist sollen sie Stimmung machen gegen Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, weil sie Hilfe brauchen, weil sie in Not sind.

Nun berichten also alle über diese deutsche Elite-Schule in Istanbul. Die Nachrichtenagentur dpa hat herausgefunden, dass die türkische Schulleitung ein "Weihnachtsverbot" verhängt hat. Daraufhin empörte sich der CDU-Politiker Ruprecht Polenz auf Facebook:

FAZ, Süddeutsche Zeitung, Zeit online, Focus online, Spiegel online und viele andere haben eine dpa-Meldung...

Posted by Ruprecht Polenz on Sonntag, 18. Dezember 2016


Danach legte die dpa nach. Sie dokumentierte den Weg der Recherche, um zu zeigen: Unsere Berichterstattung stimmt. ("Süddeutsche Zeitung")

Okay, es gibt also ein "Weihnachtsverbot" an einer Schule in Istanbul. Darüber kann man sich natürlich aufregen, eine Staatsaffäre ist es jedoch nicht. Die Diskussionen über das "Weihnachtsverbot" zeigen eher, dass wir längst rechte Denkmuster übernommen haben:

"Die" Muslime nehmen "uns" die Besinnlichkeit? Echt jetzt?

Was Weihnachten ist und was es uns bedeuten sollte, vermitteln uns in erster Linie unsere Eltern – nicht der Lehrplan. Wenn wir uns um die Türkei sorgen sollten, dann weil Oppositionspolitiker verfolgt und Medienhäuser geschlossen werden, dann weil die Anschläge im Land zunehmen.

Und wenn uns in der Vorweihnachtszeit etwas Sorge bereiten sollte, dann zum Beispiel das Schicksal der Menschen in Syrien, der Rechtsruck in Europa oder die Art und Weise, wie Donald Trump die US-amerikanische Demokratie aushebelt.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. So gesehen war es schon immer politisch – als Gegenentwurf zu einer sonst bisweilen lieblosen und hektischen Welt.

Wenn euch also Weihnachten am Herzen liegt, dann geht in die Kirche. Verbringt Zeit mit eurer Familie. Trefft euch mit euren Freunden.

Aber lasst diese Empörung, wer wem angeblich welche Tradition verbietet.

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