Bild: Amnesty International Poland
Ein emotionales Amnesty-Video zeigt es.

Was macht es mit uns, wenn wir eigentlich fremden Menschen vier Minuten lang in die Augen schauen? Wie nah können wir ihnen nur mit Blicken kommen?

Amnesty International will das in einem Video zeigen.

Das Setting: Zwei Menschen sitzen sich in einer Halle in Berlin gegenüber.

  • Auf der einen Seite Flüchtlinge, die meisten von ihnen sind vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchtet.
  • Auf der anderen Seite Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern.

Vier Minuten lang halten sie Augenkontakt, bauen eine Verbindung zueinander auf.

Seht selbst:

Das Experiment beruht auf einer Idee des Psychologen Arthur Aron. Seine Theorie: Es bringt Menschen zusammen, wenn sie sich vier Minuten lang ununterbrochen anschauen; sie entwicklen Sympathien füreinander.

Genutzt hat Aron diese Erkenntnis zum Beispiel in seinen berühmten Experiment "36 Fragen". Mit ihnen sollen sich auch Fremde innerhalb eines Abends ineinander verlieben, es reicht angeblich, alle Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten – und sich am Ende vier Minuten lang in die Augen zu schauen (die New York Times hat das hier getestet).

(Bild: Amnesty International Poland)

Auch im Amnesty-Video hofft eine Frau am Ende, dass sie die Nummer ihres Gegenüber bekommt, eine andere Teilnehmerin kämpft mit den Tränen, als ein Flüchtling ihr sagt: "Ich bin allein hier. Das Leben ist manchmal schön. Und manchmal nicht gut." Wenige Worte reichen, um sich gegenseitig sympathisch zu finden. Am Ende umarmen sich die beiden lange.

Gelingt es uns, die Neuankömmlinge als einzelne Menschen mit einer eigenen Geschichte zu sehen?

Das Video ist mittlerweile über drei Millionen Mal aufgerufen worden. Natürlich ist es eine Kampagne für mehr Menschlichkeit, das Video ist darauf angelegt, Emotionen hervorzurufen. Trotzdem wirft es eine wichtige Frage auf: Gelingt es uns, die Neuankömmlinge als einzelne Menschen mit einer eigenen Geschichte zu sehen? Oder betrachten wir sie als anonyme Gruppe?

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty hat sich in dieser Frage entschieden: "Das Leid der Flüchtlinge ist das von Menschen, die Familie, Freunde, Träume und Ziele haben", sagt die Direktorin von Amnesty International in Polen, Draginja Nadażdin. "Nur wenn wir anderen Personen gegenüber sitzen und ihnen in die Augen schauen, sehen wir sie nicht mehr als anonyme Flüchtlinge sondern als Menschen."

In der Fotostrecke: Was verbinden Flüchtlinge mit Deutschland?
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Das Mädchen mit dem schwarzen Bob und den dunklen Augen lächelt mich an. Ich bin gerade auf einer Geburtstagsparty angekommen, kenne nur wenige Leute hier. Wenig später stelle ich mich zu ihr ans Küchenfenster, wir quatschen kurz.

"Bist du Iranerin?", frage ich sie irgendwann.
"Nein, Türkin. Und woher kommst du?"
"Armenien", sage ich betont locker.
Wir nicken uns an.
"Cool."

Konversation beendet.