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In diesem Jahr haben wir die Cis-Männer in der bento-Redaktion alle Texte zum Weltfrauentag schreiben lassen. Warum? 

Wir haben vorher lange diskutiert und waren aus verschiedenen Gründen dafür. Hier sind einige davon:

  1. Am Frauentag geht es - unter anderem - um Streik. Es geht darum, sich zu verweigern und die Zeit zu nutzen, um für die eigenen Rechte einzustehen. Und es geht darum, dafür Öffentlichkeit zu schaffen. Das bringt viele Frauen in den Medien in die paradoxe Situation, dass sie gerade zum Frauentag besonders viel arbeiten. Bei bento beschäftigen sich viele Redakteurinnen das ganze Jahr über mit Themen wie Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit, mit mangelnder Repräsentation und Femizid. Dieses Jahr wollten viele der Frauen in der Redaktion keine zusätzliche Arbeit leisten. Und weil der Tag auf einen Sonntag fiel, eben auch keinen Schwerpunkt vorbereiten. Also haben wir entschieden, dass 2020 mal die Männer an der Reihe sind, sich über den Frauentag Gedanken zu machen.
  2. Frauen und Queers gelten noch immer nicht als "Norm" in der Gesellschaft. Immer und immer wieder müssen wir erklären, warum dieser und jene Spruch nicht witzig sondern verletzend war, warum sie nicht mit dem Mann reden wollen, der einen in der Kneipe anlabert und was der "Care-Gap" ist. Sich und die eigene Position ständig zu erklären ist anstrengend - und, so hatten manche von uns den Verdacht, verstärkt auch immer weiter den Eindruck, dass es Aufgabe der Frauen sei, das zu tun. Wir wollten zeigen, dass dieses Thema für alle Menschen und Geschlechter wichtig ist.
  3. Wir waren neugierig. Wir wollten einfach wissen, was passiert. Für welche Strategie würden die Männer sich entscheiden? Aus welcher Perspektive sprechen? Würden neue Perspektiven entstehen? Wollten schauen, was passiert, wenn die Männer sich kümmern müssen.

Das waren nicht alle unsere Gründe, uns auf die Idee einzulassen - aber die wichtigsten. Wie zufrieden wir mit dem Ergebnis sind? Das ist durchaus gemischt.

Diese guten Einwände kamen von euch: 

  1. Viele von euch haben kritisiert, dass die Aktion ziemlich binär gedacht ist. #männerfürfrauen – das klingt, als gäbe es nur diese zwei Geschlechter. In unserem Editorial haben wir erklärt, dass es uns um Geschlechtergerechtigkeit für Frauen, Lesben, Trans*-, Intersexuelle und nicht-binäre Personen geht. Aber ihr habt Recht, den Titel der Aktion kann man leicht anders verstehen.
  2. Manche von euch fanden, am Frauentag sollten Frauen und Queers zu Wort kommen – und nicht Cis-Männer, die das ganze Jahr schon einen Großteil der Aufmerksamkeit erhalten. @intramorus schrieb auf Twitter: "An dem einen Tag, an dem es darum geht, dass eine Gruppe von Menschen eine anderen seit Jahrtausenden systematisch kleinhält, unterdrückt, bevormundet und mit Gewalt überzieht, nehmt ihr der Gruppe, die für alles an Macht und Einfluss bitter kämpfen muss, diese einfach ganz weg." Das Argument können wir gut verstehen. Nun ist es aber so, dass die Mehrheit der bento-Mitarbeitenden Frauen sind und in den Führungspositionen sogar ausschließlich Frauen arbeiten. Wir bringen das ganze Jahr über feministische Texte. Zum 8. März war es uns deshalb wichtiger, zu zeigen, wie viel zusätzliche Arbeit Frauen und Queers normalerweise zufällt – und dass Feminismus uns alle angeht. 
  3. Männer, die Feminismus verstanden haben, sollten sich nicht auf eine Bühne stellen, sondern in die Küche. bento-Redakteur Sebastian Maas schreibt dazu: "Sexismus und Vergewaltigungskultur sind Probleme, die vor allem von Männern verursacht werden. Wir können nicht erwarten, dass Frauen sie lösen." (bento) Solange Frauen und Queers nicht jedes Mal dafür bezahlt werden, wenn sie einem Cis-Mann seine sexistischen Verhaltensweisen erklären, sollten auch Cis-Männer das untereinander machen, wann immer es geht.
  4. Apropos Bezahlung: "bento lässt also Männer BEZAHLT alle Artikel zum Weltfrauentag schreiben, weil Frauen mehr UNBEZAHLTE Care Arbeit machen? Ich muss mich noch entscheiden, ob ich darüber lachen oder weinen will.", schrieb @martazamiraa auf Twitter. Richtig. Die Männer in der Redaktion hatten vielleicht mehr Stress und Verantwortung, aber sie haben immer noch das in ihrer bezahlten Arbeitszeit gemacht, was viele Frauen und Queers oft unbezahlt im Alltag machen. Nächstes Jahr überlegen wir Frauen bei bento deshalb, am 8. März vielleicht gar nicht zur Arbeit zu kommen und auch zuhause keinen dreckigen Topf anzufassen – vor allem weil der Frauenkampftag dann nicht mehr auf einen Sonntag fällt.

Und so war es aus unserer Sicht: 

Das lief gut:

Die Redakteurinnen konnten ihren männlichen Kollegen dabei zusehen, wie sie zu Sondersitzungen liefen und die Tastaturen zum Rauchen brachten – während sie selbst ihrer normalen Arbeit nachgingen, halbwegs pünktlich Feierabend machten und die Hände frei von Verantwortung hatten. 

Die Männer fanden es gut, ein Zeichen zu setzen, dass Feminismus uns alle angeht. Die Aktion regte sie zu Diskussionen über feministische Bücher und weibliche Expertinnen an und darüber, zu welchen Themen sie als Männer überhaupt Stellung beziehen wollen oder können. Gleichzeitig waren sie dazu gezwungen, kritischer das eigene Verhalten und das der Kollegen zu hinterfragen.

Heraus kam eine Mischung an Texten, in denen vor allem Männer anderen Männern erklären, was für Konsequenzen es hat, wenn sie sich nicht genug an der Care-Arbeit beteiligen und was sie gegen unsere Vergewaltigungskultur tun können. Zur Abwechselung waren es nicht Frauen und Queers, die diese Aufgabe übernehmen mussten.

Das lief nicht so gut: 

Unsere Kommunikation war, sagen wir mal, verbesserungswürdig. Wir hätten bei einer Aktion, bei der wir selbst im Vorhinein durchaus diskutiert haben, mehr mit euch reden sollen. Uns besser erklären. Mehr Energie in den Dialog stecken. Denn viele eurer Kommentare fanden wir absolut berechtigt, mit einigen der gestellten Fragen hatten wir uns selbst auch schon beschäftigt, bei anderen wurde es dringend Zeit, dass wir sie uns stellen. 

Es geht bei feministischen Themen auch um die Darstellung von Diversität. Frauen mit Migrationshintergrund, queere Menschen, verschiedene Religionen und Inklusion. Es geht um unterschiedliche Lebenskonzepte, Sexualitäten oder Körper. Natürlich kann eine Gruppe von Cis-Männer darüber nicht allumfassend, authentisch und empowernd berichten – so wie es auch nicht jede Frau könnte. Dennoch ist dieser Teil in unserer Berichterstattung am Ende zu kurz gekommen.

Über die Inhalte waren wir unterschiedlicher Meinung - während manche sich zum Frauentag noch einen stärkeren Fokus auf Frauen gewünscht hätten, fanden andere es gerade richtig, die männliche Perspektive zu lesen. 

Unser Fazit: 

Eine Sache, über die wir immer wieder gesprochen haben, ist die Absurdität der Tatsache, dass es einen Frauentag überhaupt braucht. Einen Tag, an dem die Hälfte der Weltbevölkerung hinweg zeigen muss, dass sie systematisch benachteiligt ist. So lange es einen solchen Tag geben muss, leben wir in einem falschen System. Brauchen Frauen und Queers cis-Männer auf ihrer Seite, um das zu ändern? Sicher. Wäre das für alle gut, auch für die Männer? Sehr wahrscheinlich. Ist das Symbol, sie zum Frauentag arbeiten zu lassen, deshalb angemessen? Darüber kann man streiten. Das haben wir getan. Innerhalb und außerhalb der Redaktion. Und das fanden wir ganz gut. Wir mussten uns nur daran erinnern, nicht zu vergessen, dass die Wut vor allem dem System und der Absurdität des Tages gelten muss.


Uni und Arbeit

Tatortreinigerin Franka, 33: Wie Tod riecht, und was sie macht, wenn Bestatter Körperteile vergessen
Das erzählt sie in unserem Job-Podcast "Und was machst du so?"

Achtung: In dieser Podcastfolge wird über Tod und Suizid gesprochen. Wenn dir diese Themen zu nahe gehen, dann hör dir diese Folge lieber nicht an.