"We’re going to Ibiza" von den Vengaboys schallt zurzeit aus Wohnungen, Kneipen und Bars in Wien. Der Grund: Die österreichische Hauptstadt ist seit vergangenem Wochenende Schauplatz eines der größten Politik-Skandale in der Nachkriegsgeschichte des Landes. Ein 2017 heimlich auf Ibiza gedrehtes Video, das den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bei der Anbahnung dubioser Geschäfte zeigt, zwang ihn zum Rücktritt von allen Ämtern. Anfang der Woche traten alle weiteren FPÖ-Minister zurück, nachdem Kanzler Sebastian Kurz unmittelbar zuvor FPÖ-Innenminister Herbert Kickl entlassen hatte. Die Koalition aus der bürgerlichen ÖVP und rechtspopulistischen FPÖ ist zerbrochen. (SPIEGEL ONLINE)

Was bedeutet dieses politische Chaos für junge Menschen in Österreich? Wir haben junge Wählerinnen und Wähler gefragt, wie sich die Ibiza-Affäre auf ihre politischen Meinung auswirkt – und was sie sich von den Neuwahlen erhoffen.

Maja, 21, studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft

Seit diesem Wochenende könnte meine Stimmung nicht besser sein. Die vergangenen Tage waren für mich ein einziger Gänsehautmoment. Als das Strache-Video veröffentlicht wurde, habe ich erst mal alles stehen und liegen lassen und bin zum Ballhausplatz gefahren, wo die erste Demonstration stattfand. Bei den ganzen Rufen nach Neuwahlen kamen mir tatsächlich kurz die Tränen – als Sebastian Kurz dann schließlich auch noch das Ende der Koalition verkündete, war ich richtig erleichtert und habe erst mal gefeiert.

Die vergangenen eineinhalb Jahre mit dieser Regierung waren für mich deprimierend: Ich hatte das Gefühl, die Österreicherinnen und Österreicher hätten nichts aus der Vergangenheit gelernt. Als 2017 die Wahlergebnisse bekanntgegeben wurden, stand für mich fest, dass ich meine Zukunft nach dem Studium nicht in Österreich verbringen will. Dieser Rechtsruck ist meiner Meinung nach ein Armutszeugnis für unser Land.

Die Neuwahlen geben mir Hoffnung, dass die Wählerinnen und Wähler endlich verstanden haben, dass extreme, populistische Politik keine Lösung ist. Vielleicht wird ja bald wieder eine liberale und linksgerichtete Regierung Politik für Österreich machen.

Victoria, 22, arbeitet als Verkäuferin

Ich finde es inakzeptabel, dass das Video genau jetzt veröffentlicht wurde. Natürlich hat Strache einen Fehler gemacht, aber in meinen Augen haben diejenigen, die das Video gefilmt und verkauft haben, sehr rücksichtlos gehandelt (Anm. d. Red.: DER SPIEGEL und die Süddeutsche Zeitung haben kein Geld für das Video gezahlt)

Die Veröffentlichung des Strache-Videos

Hier erklären Steffen Klusmann, SPIEGEL-Chefredakteur, und Martin Knobbe, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, warum der SPIEGEL das Video veröffentlicht hat.

Ich war schon immer eine Freundin der FPÖ – ich finde die Reden der Partei und ihr Durchsetzungsvermögen wirklich super.

Meiner Meinung nach ist das Einzige, was wir daraus lernen können, wie sehr wir Bürger von den Medien beeinflusst werden. Viele bilden sich keine eigene Meinung, sondern lesen in den Medien unsinnige Sachen und glauben das sofort. Ich selbst bin ein Mensch, der hinterfragt und nicht immer alles sofort glaubt.

Ich denke, die FPÖ wird das Beste aus der Video-Affäre machen. Ich glaube auch, dass sie mit dem Video nicht anders umgehen, als andere Parteien das tun würden: Strache wird sicher alles daransetzen, die Schuldigen für das Video zu finden. Denn genau diese Leute haben in meinen Augen unsere jetzige politische Entwicklung zerstört. Die aktuelle Politik hatte in Österreich meiner Meinung nach sehr gut gepasst – mal sehen, was auf uns Österreicher jetzt zukommt.

Für die kommenden Wahlen wünsche ich mir, dass Sebastian Kurz nicht die alleinige Macht bekommt. Vielmehr sollte jemand aus der FPÖ – falls die Partei nicht neu gegründet wird – mit in die Regierung kommen. Am 26. Mai gehe ich auf jeden Fall zur Europawahl, um meine Stimme abzugeben.

Simon, 22, studiert Wirtschaftsrecht

Ich fand die ganze Aktion von Heinz-Christian Strache hochpeinlich. Auf mich hat unser Vizekanzler immer wie ein stumpfer Prolet gewirkt, und das hat sich in diesem Video bewahrheitet. Ich finde es wirklich traurig, dass er eineinhalb Jahre lang Vizekanzler war.

Ehrlich gesagt hatte ich nach der Wahl zunächst an die Koalition geglaubt, auch, weil ich mich in ihren wirtschaftlichen Einstellungen vertreten gefühlt habe. Ich fand einige Reformen sehr gelungen. Ich muss aber zugeben, dass ich zwischenzeitlich bereit war, wegzuschauen. Im Nachhinein betrachtet finde ich, dass man die FPÖ auf keinen Fall mitregieren lassen kann. 

Am Wichtigsten ist für mich jetzt die Aufklärung. Wie kann es sein, dass dieses Video nicht vor der Wahl 2017 aufgetaucht ist?

Die Europawahl sehe ich trotzdem unabhängig von den neuesten politischen Entwicklungen in Österreich – deshalb werde ich meine Entscheidung zur Wahl auch nicht ändern. Was die Neuwahlen im Herbst in Österreich angeht, bin ich noch unentschlossen. 

Maoli, 23, studiert Psychologie

Im ersten Moment war ich ein bisschen überrascht: Dass ein Video nach all den Skandalen der FPÖ von heute auf morgen die gesamte Regierung sprengen kann, hätte ich nicht gedacht. 

Es wäre toll, wenn die Österreicherinnen und Österreicher aus dieser ganzen Sache lernen würden, dass populistische Parteien in einer Regierung nichts verloren haben. Die FPÖ hat schon so viele Skandale erlebt und ist immer wieder mit Verbindungen zur Neonazi-Szene aufgefallen – solche Zeichen darf man als Wähler nicht einfach ignorieren.

Sebastian Kurz hätte das auch erkennen sollen, bevor er mit der FPÖ koaliert hat: Er kann sich jetzt nicht so einfach aus der Affäre ziehen, denn es war letztendlich auch seine Verantwortung.

Meiner Meinung nach sollten die Neuwahlen so schnell wie möglich angesetzt werden, damit die österreichische Politik wieder stabiler wird – jetzt ist die ganze Ibiza-Affäre nämlich noch frisch im Bewusstsein der Menschen verankert.

Niema, 28, Arzt

Ich habe von einer Freundin einen Link zu den Ibiza-Tapes geschickt bekommen, als ich gerade aus dem Flugzeug nach Barcelona stieg, ich war auf dem Weg in den Urlaub. Mir war sofort klar, wie mächtig dieses Material ist. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob Strache nicht doch irgendwie aus der Nummer rauskommt. 

Sein Vorwurf, dass die Aufnahmen illegal entstanden seien, stimmt zwar; trotzdem finde ich es gut, dass der investigative Journalismus mit der Veröffentlichung dieser Videos seine Kontrollfunktion komplett erfüllt hat.

Ich stand der Koalition schon seit Beginn der Legislaturperiode kritisch gegenüber – als dann das Nichtraucherbegehren mit mehr als 900.000 Unterschriften einfach ignoriert wurde, war mir klar, dass eine so rechtsgerichtete Regierung nicht funktionieren kann. Ich bin gespannt, ob sich die FPÖ von diesem Skandal wirklich erholt, und wie es mit Sebastian Kurz weitergeht. 

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